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Vierte Corona-Welle trifft Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene

Fragen und Antworten zum Anstieg der Infektionen : Vierte Corona-Welle trifft Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene – und gefährdet den Schulstart nach den Ferien

Die Corona-Inzidenzwerte steigen derzeit vor allem bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die meistens noch nicht geimpft sind. Viele von ihnen kehren als Urlauber aus Spanien zurück, das gerade wieder zum Hochinzidenzgebiet erklärte wurde. Ärzte und Lehrervertreter warnen vor einem zu schlecht vorbereiteten Schulstart nach den Ferien.

Der derzeitige Anstieg der Corona-Inzidenz betrifft Senioren bisher kaum, wohl aber die öfter noch ungeimpften jüngeren Menschen. Das Robert Koch-Institut (RKI) weist die höchsten Werte von 32 Fällen pro 100.000 Einwohner für vergangene Woche bei den 15- bis 24-Jährigen aus. Bei Kindern zeigen sich in RKI-Daten vergleichsweise geringe Anstiege, Experten hatten aber auch einen dämpfenden Einfluss der Sommerferien auf die Ansteckungen erwartet. Bisher sind in Deutschland erst gut 48 Prozent aller Bürger vollständig geimpft. Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sehen Deutschland längst in einer vierten Corona-Welle. Zu den Konsequenzen die wichtigsten Fragen und Antworten.

Wie sind die Schulen auf steigende Infektionszahlen bei Schülern vorbereitet?

Nach Einschätzung des Lehrerverbandes und der Bildungsgewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reichen die Vorbereitungen auf den Schulbeginn nach den Ferien bei Weitem noch nicht aus. „Wenn die Schulen krisenfest werden sollen und es nach den Sommerferien wieder regelmäßigen Präsenzunterricht geben soll, dann sind Luftfilter – neben einem Hygienekonzept inklusive regelmäßiger Tests – in allen Klassenräumen erforderlich“, sagte GEW-Chefin Maike Finnern. „Der Bund hat zwar endlich ein Förderprogramm auch für mobile Luftfilter aufgesetzt. Die Förderung ist aber auf die Schulräume der Kinder und Jugendlichen bis zwölf Jahre beschränkt. Das reicht nicht aus, da die hohen Zahlen besonders Jugendliche und junge Erwachsene betreffen“, sagte sie.

Bund und Länder dürften die Fehler des vergangenen Jahres nicht wiederholen, sagte Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger. „Der Hauptfehler im letzten Sommer war, dass man im Hinblick auf die erhoffte Normalität eines vollständigen Präsenzunterrichts nicht genug getan hat für einen ausreichenden Hygieneschutz an den Schulen“, so Meidunger. „Beim Lehrerverband herrscht die Sorge vor, dass Landesregierungen und Bildungspolitik aus den damaligen Fehlern nicht genug gelernt haben und wiederum ihre Hausaufgaben nicht erledigen“, mahnte er. Zu wenige Klassenzimmer seien bisher mit Raumfilteranlagen nachgerüstet worden. Das Risiko einer „kompletten Durchseuchung“ der weitgehend ungeimpften Kinder und Jugendlichen sei nach den Schulferien groß, warnte er. Die Schnelltests an Schulen müssten deutlich auf mindestens dreimalige wöchentliche Testungen ausgeweitet werden.

„Gleichzeitig muss jetzt in den wenigen verbleibenden Wochen bis zum Schuljahresstart im Herbst die Digitalisierung der Schulen mit voller Kraft vorangetrieben werden“, forderte Meidinger. „Immer noch ist nur ein Teil der Digitalpaktmittel an den Schulen vor Ort angekommen, immer noch hat die Hälfte aller Schulen kein schnelles Internet, was Videounterricht fast unmöglich macht und immer noch wartet ein großer Teil der Lehrkräfte auf die ihnen versprochenen Dienstgeräte“, erklärte der Lehrerchef.

Welche gesundheitlichen Folgen hatten die bisherigen Schulschließungen?

Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat warnte davor, die Schulöffnungen nach den Sommerferien durch schlechte Vorbereitung zu gefährden. „Schon jetzt ist ersichtlich, wie gravierend die Folgen der bisherigen Schulschließungen für die junge Generation sind. Dazu zählen vermehrt auftretende Angststörungen, Konzentrations- und Schlafstörungen, Depressionen, Suizidgedanken sowie eine verzögerte Sprachentwicklung und eine Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten“, sagte Reinhardt. „Kinder und Jugendliche brauchen für eine gesunde Entwicklung einen geregelten Schulbetrieb mit sozialen Kontakten“, sagte der Mediziner. „Deshalb müssen in den Sommerferien Infektionsschutzmaßnahmen für Schulen und Kitas auf Grundlage der bereits vorliegenden Hygienekonzepte für den flächendeckenden Einsatz vorbereitet werden“, sagte Reinhardt. „Um die Infektionsdynamik zu verringern und Wechselunterricht zu vermeiden ist es außerdem notwendig, hochvalide PCR-Pooltests, sogenannte Lolly-Tests, flächendeckend für alle Schülerinnen und Schüler zur Verfügung zu stellen und tägliche Testungen vor Unterrichtbeginn zu ermöglichen. Die bisher in vielen Ländern üblichen zwei Schnelltests pro Woche reichen bei Weitem nicht aus.“

Was bedeutet die Einstufung von Spanien und der Niederlande als Hochinzidenzgebiete für Reisende, insbesondere für Reiserückkehrer?

Die Bundesregierung hat Spanien und die Niederlande wegen hoher Infektionszahlen von kommendem Dienstag an wie erwartet als Corona-Hochinzidenzgebiete eingestuft. Das gab das Robert Koch-Institut am Freitag bekannt. Wer nicht vollständig geimpft oder von Corona genesen ist, muss bei der Rückkehr nach Deutschland für zehn Tage in Quarantäne, die erst nach fünf Tagen durch einen negativen Test verkürzt werden kann. Dies trifft besonders jüngere Urlauber oder Kinder, von denen viele nicht geimpft sind. Auch vollständig geimpfte Eltern könnten in Schwierigkeiten geraten, wenn ihre Kinder nach der Rückkehr aus dem Mallorca-Urlaub für mindestens fünf Tage in Quarantäne müssten statt in den Hort oder Kindergarten gehen zu dürfen.

Wie reagiert die Politik bisher auf die drohende vierte Welle?

Trotz der Appelle zum Impfen von Kanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn (beide CDU) und vieler Ministerpräsidenten verlangsamt sich das Impftempo: Am Donnerstag wurden 565.235 Personen geimpft - vor einer Woche waren es noch 758.572. Die SPD-Ministerpräsidenten Manuela Schwesig (Mecklenburg-Vorpommern) und Stephan Weil (Niedersachsen) hatten wegen der wieder steigenden Infektionszahlen gefordert, die für Ende des Monats avisierte Ministerpräsidentenkonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU) vorzuziehen. Ob es so kommt, ist derzeit aber noch offen.

Warum gibt es bei den Apotheken den digitalen Impfnachweis nicht mehr?

Die Apotheken können derzeit keine digitalen Impfpässe ausstellen. Nach Bekanntwerden einer Sicherheitslücke musste der Service vollständig deaktiviert werden, wie der Deutsche Apothekerverband (DAV) am Mittwoch mitgeteilt hatte. Bei der Sicherheitspanne hätten zwei IT-Experten mit Hilfe von professionell gefälschten Dokumenten einen Gastzugang für einen nicht existierenden Apothekeninhaber erzeugt. Unter der gefälschten Apotheken-Identität seien insgesamt zwei Impfzertifikate ausgestellt worden. Nach einer Prüfung sei davon auszugehen, dass die über 25 Millionen Impfzertifikate, die bisher über Apotheken ausgestellt worden seien, alle von rechtmäßig registrierten Apotheken ausgestellt worden seien. In Deutschland können sich seit Mitte Juni vollständig geimpfte Bürger den digitalen Corona-Impfausweis besorgen.

Wie reagiert Italien auf die steigenden Infektionszahlen?

Angesichts steigender Infektionszahlen verschärft Italien die Corona-Regeln. Ab dem 6. August ist unter anderem für Restaurantbesuche im Innenbereich, in Museen, Fitnessstudios und Schwimmbädern mindestens ein einfacher Impfnachweis, ein negativer Corona-Test oder ein Genesungsnachweis notwendig. Statt der Inzidenzwerte sollen in Italien künftig die Auslastung der Krankenhausbetten auf den Covid-19-Stationen sowie auf den Intensivstationen die entscheidenden Parameter sein.

Sollte auch Deutschland vom Inzidenzwert als zentralem Indikator Abstand nehmen?

Dafür sprechen sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Ärztevertreter aus. Auch die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) forderte ein neues Warnsystem für die Corona-Politik jenseits der reinen Inzidenzwerte als Hauptkriterium. „Wir schauen natürlich auch mit Sorge auf die steigenden Infektionszahlen. Dennoch sagt die Inzidenz heute viel weniger über die Gefahr einer Erkrankung und die mögliche Belastung des Gesundheitssystems aus, als noch vor einem halben Jahr, weil immer mehr Menschen geimpft werden“, sagte Dreyer der unserer Redaktion. „Die Inzidenz bleibt wichtig, aber wir sollten sie mit der Lage in den Krankenhäusern verknüpfen. Wer wird eingeliefert, wer muss auf die Intensivstation?“, sagte Dreyer. „Die Bundesländer müssen mit der Bundesregierung zu einem neuen Warnwert kommen. Wir sollten uns rasch auf eine bundeseinheitliche Regelung verständigen“, sagte Dreyer. (mit dpa)