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Wirtschaftsforscher: Russischer Gas-Lieferstopp bedeutet Rezession

Neue Gemeinschaftsprognose der Institute : Wirtschaftsforscher: Russischer Gas-Lieferstopp würde Deutschland in Rezession stürzen

Die führenden Wirtschaftsforscher halbieren wegen des Ukraine-Kriegs und hoher Energiekosten ihre Wachstumsprognose. Ein Lieferstopp für russisches Gas würde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession stürzen, begleitet durch eine noch höhere Inflation, warnen sie. Dennoch ist ihre Prognose verglichen mit anderen optimistisch.

Die Konjunkturchefs der füpnf Institute sagen für das laufende Jahr ein deutlich geringeres Wirtschaftswachstum voraus als bisher. Im Falle eines Stopps russischer Gaslieferungen allerdings würde die deutsche Wirtschaft in eine Rezession stürzen, begleitet von noch höheren Inflationsraten, heißt es in der neuen Gemeinschaftsdiagnose, die die Institute am Mittwoch vorlegten.

Ihrer Prognose legten die Forscher zwei unterschiedliche Szenarien zugrunde: Im Basisszenario würde es keinen Lieferstopp für russisches Gas geben, im Alternativszenario würden die Gaslieferungen ab sofort eingestellt. Im Basisszenario – also ohne Lieferstopp – dürfte die Wirtschaft im laufenden Jahr um 2,7 Prozent zulegen. Im Herbstgutachten waren die Institute noch von 4,8 Prozent Wachstum ausgegangen. Dennoch sind sie noch vergleichsweise optimistisch: Die so genannten Wirtschaftsweisen etwa erwarteten in ihrer jüngsten Prognose im März ein Wachstum von nur noch 1,8 Prozent im laufenden Jahr. „Die Erholung von der Corona-Krise wird infolge des Kriegs in der Ukraine gedämpft, behält aber die Oberhand“, sagte der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Stefan Kooths. „Für 2023 wurde die Vorhersage dagegen von 1,9 auf 3,1 Prozent angehoben.“

Bei einem sofortigen Stopp russischer Gaslieferungen sieht das Konjunkturbild viel düsterer aus. Dann dürfte die Wirtschaft in diesem Jahr nur noch um 1,9 Prozent zulegen und 2023 um 2,2 Prozent schrumpfen. „Bei einem Stopp der Gaslieferungen droht der deutschen Wirtschaft eine scharfe Rezession“, sagte Kooths. In beiden Jahren könnten dann insgesamt 220 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung verloren gehen. „Wirtschaftspolitisch käme es dann darauf an, marktfähige Produktionsstrukturen zu stützen, ohne den Strukturwandel aufzuhalten“, sagte Kooths. Hilfen für private Haushalte zum Abfedern hoher Energiepreise sollte die Politik „sehr zielgerichtet“ dosieren. „Werden solche Hilfen auf breiter Front ausgereicht, treibt das zusätzlich die Inflation und torpediert den wichtigen Lenkungseffekt höherer Energiepreise“, warnte der Ökonom. Das verschärfe wiederum die Probleme einkommensschwacher Haushalte.

Die Verbraucher müsse sich der Prognose zufolge auf weiterhin steigende Preise einstellen. Demnach werden die Preise in diesem Jahr mit durchschnittlich 6,1 Prozent so stark anziehen wie seit 40 Jahren nicht mehr. „Im Falle eines Lieferstopps für russische Energie würden sogar 7,3 Prozent erreicht, der höchste Wert seit Bestehen der Bundesrepublik“, so die Prognose. Auch im kommenden Jahr dürfte die Rate mit 2,8 – oder 5,0 Prozent im Falle eines Lieferstopps – deutlich über dem Durchschnitt seit der Wiedervereinigung liegen.

Die Arbeitslosenquote sinkt im Basisszenario nach 5,7 Prozent im Vorjahr auf 5,0 Prozent 2022 und 2023. „Die Nominallöhne beschleunigen sich spürbar, werden einen Kaufkraftverlust der Arbeitnehmer im Prognosezeitraum aber nicht gänzlich verhindern können“, heißt es in der Prognose. Die Zahl der Arbeitslosen werde in diesem Jahr im Basisszenario um rund 300.000 auf knapp 2,3 Millionen sinken und 2023 auf diesem Niveau verharren. Käme es zum Gaslieferstopp, würde jedoch mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahl auf fast 2,8 Millionen im nächsten Jahr gerechnet.

Die Institute malen allerdings für die Zeit nach 2023 auch im Falle eines russischen Gaslieferstopps kein allzu negatives Bild für die Gesamtwirtschaft. Für die energieintensiven Branchen allerdings sei die Zukunft durch starke Umbrüche geprägt. „In der mittleren Frist dürfte sich die Wirtschaftsleistung jedoch allmählich dem Pfad annähern, der auch für das Basiszenario gilt“, heißt es in der Prognose. „Maßgeblich hierfür ist das Produktionspotenzial, das weniger durch die temporäre Gaskrise als vielmehr dadurch beeinträchtigt wird, dass Energie auf absehbare Zeit am Standort Deutschland merklich teurer sein wird, als es sich vor dem Angriff Russlands auf die Ukraine darstellte. Denn die Entscheidung, unabhängig von russischen Rohstofflieferungen zu werden, dürfte auch dann noch Bestand haben, wenn sich die militärische und politische Lage wieder beruhigt. Damit muss sich ein Teil der Energieversorgungund der energieintensiven Industrie neu ausrichten“, so die Institute.

Erarbeitet wurde das Gutachten mit dem Titel „Von der Pandemie zur Energiekrise – Wirtschaft und Politik im Dauerstressfeder“ vom RWI in Essen, dem DIW in Berlin, dem Ifo-Institut in München, dem IfW in Kiel und vom IWH in Halle.

(mar/rtr/dpa)