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Wolfgang Ischinger moderiert seine letzte Sicherheitskonferenz

Wolfgang Ischinger tritt als Chef der Münchner Sicherheitskonferenz ab : Der Herr der Krisen

Fast 14 Jahre hat Wolfgang Ischinger die Münchner Sicherheitskonferenz geleitet. An diesem Wochenende führt der Diplomat ein letztes Mal durch ein pralles Programm und hofft aus Besuch aus Moskau -- in letzter Sekunde.

 Es hätte so schön sein können. Ein volles Haus, ein festliches Galadiner beim bayerischen Ministerpräsidenten und vielleicht noch oben drauf ein Friedensabkommen in Reichweite. Aber so ist es nicht. Wolfgang Ischinger kann die Welt nicht ändern, obwohl der deutsche Diplomat in den vergangenen knapp 14 Jahren im Prinzip nichts anderes versucht hat. Die Dinge zum Besseren zu wenden. Wenn Ischinger, ehemaliger Botschafter in Washington und London,   an diesem Wochenende zum letzten Mal als Vorsitzender durch das (prall gefüllte) Programm der Münchner Sicherheitskonferenz führt, hat er schwere Wochen bereits hinter sich.

Der 75-Jährige musste in ungezählten Telefonaten langjährigen Teilnehmer beibringen, warum sie dieses Mal nicht ins Hotel „Bayerischer Hof“ im Herzen von München gelassen werden. Wegen Corona mussten Ischinger und sein Team die Konferenz, zu der in normalen Zeiten bis zu 2000 Teilnehmer nach München kommen, auf dieses Mal rund 600 Interessierte abspecken. Ein Pressezentrum für Hunderte Journalisten aus aller Welt ist ganz gestrichen. Nur sehr wenige Medienvertreter dürfen als Teilnehmer oder Beobachter mit ins Programm respektive ins Hotel, der Rest kann sich auf einer digitalen Plattform zuschalten. Immerhin kann die Veranstaltung als „Arbeitskonferenz“ abgehalten werden.

Ischinger hat die Konferenz, 2008 gestartet mit einem Büro und zwei Mitarbeitern, zur Marke „MSC“ (Munich Security Conference) gemacht – mit einem Jahresbudget oberhalb von zehn Millionen Euro und einem richtigen Mitarbeiterstab. Er hätte sich jetzt selbst sicher auch einen anderen Abschied gewünscht. Doch die internationale Lage habe er sich nicht ausgesucht. Der Diplomat moderierte harte Debatten auf offener Bühne über die Tragödie in Syrien, über den Libyen-Krieg, über den Nahost-Konflikt und über das ramponierte transatlantische Verhältnis in Zeiten von Präsident Donald Trump. Diese letzte Sicherheitskonferenz unter seiner Leitung könnte mitunter seine wichtigste werden, weil sie vielleicht über Krieg und Frieden in der Ukraine mitentscheiden könnte. Ischinger hat sich im Kreml um die Teilnahme von Präsident Wladimir Putin, der 2007 als Hauptredner in München war, bemüht. Im Außenamt klopfte er wegen der Teilnahme von Außenminister Sergej Lawrow an, der eigentlich Stammgast in München ist. Bis zuletzt vergeblich. Aber weiß, vielleicht überrascht Lawrow in letzter Sekunde doch noch.

Bei allen Krisen auf diesem Erdball, erlebte Ischinger auch Sternstunden der Sicherheitskonferenz. Wieder mit dabei: Sergej Lawrow. 2011 tauschten US-Außenministerin Hillary Clinton und ihr russischer Amtskollegen im „Bayerischen Hof“ die Ratifizierungsurkunden für das New Start-Abkommen für nukleare Abrüstung aus. Die Konferenz habe dabei „eine kleine, aber nicht zu unterschätzende Hebammenrolle gespielt“, erinnert sich Ischinger. Wenn Ischinger am Sonntag nach Ende dieser Ausgabe der Münchner Sicherheitskonferenz an seinen Nachfolger, den früheren UN-Botschafter und ehemaligen Merkel-Berater Christoph Heusgen, übergibt, muss er vielleicht noch ein Problem lösen. Vom Nachrichtenmagazin „Spiegel“ ist er mit einem Fragenkatalog wegen angeblicher persönlicher Bereicherung als Vorsitzender der Sicherheitskonferenz konfrontiert. Ischinger ist empört. Er habe all die Jahre als Vorsitzender darauf verzichtet, sich selbst ein angemessenes Gehalt zu bezahlen. Lediglich eine Aufwandsentschädigung habe er sich gestattet. Und er sei der Stifter der Stiftung, die heute die Münchner Sicherheitskonferenz mittrage -- „mit Geld von meinem Sparbuch“. Ischinger bleibe auch Vorsitzender des Stiftungsrates. Aber bitte, das Magazin bekomme die Antworten. Er wolle „maximale Transparenz“. Allerdings behalte er sich vor, die Antworten auf der Website der Konferenz zu veröffentlichen. Gewissermaßen zur Sicherheit. Damit zöge Ischinger zwei Trümpfe. Er behielte die Hoheit über seine Antworten – für jedermann einsehbar. Ischinger hat schon manche Krise gemanagt. Meistens still und ohne Öffentlichkeit. Er ist ja Diplomat.