1. Nachrichten
  2. Politik

Kommentar: Mensch Merkel - Warum die Bundeskanzlerin gerade überrascht

Corona-Politik : Mensch Merkel - Warum die Kanzlerin gerade überrascht

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ändert in der Corona-Krise ihre Kommunikation. Nachdem sie lange dem Virus vor allem als nüchterne Wissenschaftlerin begegnete, präsentiert sie sich in den vergangenen Tagen als empathische Kümmererin. Ist das überzeugend?

„Dass man langsam grau wird, damit muss man leben“, sagt die Bundeskanzlerin und meint damit die Strähnen, die auch in ihrem Haar in der Corona-Krise sichtbar geworden sind. Angela Merkel gibt weiter Auskunft darüber, dass sie die Corona-Krise durchaus um den Schlaf bringt.

Man reibt sich am Donnerstagabend etwas verwundert die Augen: Ist das dieselbe Merkel, die monatelang in Pressekonferenzen Kurzreferate über Inzidenzen, Reproduktionszahlen, exponentielles Wachstum und Notfall-Register hielt? Die für jede aufgetretene Mutation des Corona-Virus die exakte wissenschaftliche Bezeichnung aus dem Ärmel schüttelte?

Ja, sie ist es. In der letzten großen Krise, im letzten Jahr ihrer Amtszeit, hat Angela Merkel ein erstaunliches Gespür für Kommunikation entwickelt. Sie merkt, dass ihr die Unterstützung der Bevölkerung in der x-ten Woche des Lockdowns allmählich abhanden kommt. Frust und Ungeduld wachsen, das Verständnis für die harten Beschränkungen gehen quasi parallel mit den Infiziertenzahlen zurück.

Die deutsche Regierungschefin setzte lange auf die Vernunft der Deutschen, appellierte an ihre Intelligenz und ihre Vorsicht. Das tat sie mit der ihr eigenen Nüchternheit.

Doch die schleppende Impfkampagne hat auch die erfahrene Politikerin aufgeschreckt. Ohne eine Bevölkerung, die mitzieht, ist dem Virus nicht beizukommen. Und deshalb startete Merkel in dieser Woche eine Kommunikationsoffensive. Zwei Interviews zur besten Sendezeit im TV, ein Bürgerdialog mit Familien, weitere Pressekonferenzen werden folgen. Die Botschaft dahinter lautet: Ich sehe die Probleme, die Sorgen, die Ängste, die Zumutungen. „Ich nehme sie mit nach Hause“, sagt sie bei RTL am Abend. Auch sie könne nicht abschalten, liege oft wach und grüble.

Merkel kann der Bevölkerung die Ängste nicht nehmen. Nicht die um die Gesundheit, nicht die um die wirtschaftliche Existenz. All die staatlichen Vorsichtsmaßnahmen und Geldgeschenke - sie können nur lindern.

Und doch ist der Kurswechsel richtig: „Eigentlich müsste ich zu jedem von Ihnen nach Hause kommen und mich drei Stunden mit ihren Kindern beschäftigen, damit sie mal durchatmen können und eine Stunde Sport machen können“, sagt die Kanzlerin im Bürgerdialog mit Eltern, die seit Wochen ihre Kinder daheim betreuen und gleichzeitig im Home Office arbeiten.

Kein Elternteil kann sich dafür etwas kaufen. Und dennoch ist es eine persönliche Ansprache, die viele vermisst haben in einer Zeit, in der Kinder und Jugendliche vor allem an ihrer potentiellen Rolle als Virusträger gemessen werden. Die Pandemie in Deutschland wird wahrscheinlich das Land noch eine Weile im Lockdown halten - Merkel lässt das erkennen. Damit ihr alle folgen, muss sie die Wissenschaftlerin in sich ruhig stellen. Mensch Merkel - das ist der Versuch, die Akzeptanz der Deutschen für ihre Politik noch eine Weile aufrechtzuerhalten. Andere Möglichkeiten bleiben nicht mehr.