Interview mit Eckart von Hirschhausen: Alles weglassen, was das Leben verkürzt

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Der bekannte Kabarettist und Mediziner gibt Tipps, wie man gesund alt wird und dabei noch Spaß hat.

() Es ist ein Traum der Menschheit: das ewige Leben. Doch wie ist es, alt zu werden? Und wie wird man gesund alt? Darüber hat unser Redakteur Bernd Wientjes mit dem Kabarettisten und Mediziner Eckart von Hirschhausen (52) gesprochen.

Herr von Hirschhausen, Ihr aktuelles Programm heißt „Endlich!“  und beschäftigt sich mit dem Älterwerden. Altwerden ist doch nicht lustig, oder?

ECKART VON HIRSCHHAUSEN Aber sicher! Oder finden Sie es nicht etwa auch komisch, dass wir länger leben als jede Generation vor uns, aber ständig das Gefühl haben, wir hätten keine Zeit? Und wissen Sie woran das liegt? Unser Gehirn gibt Dingen, wenn sie das erste Mal passieren, mehr Aufmerksamkeit.

Haben Sie ein Beispiel?

VON HIRSCHHAUSEN Erinnern Sie sich noch an den ersten Kuss? Bestimmt! Und den 17.? Ein guter Trick, die Zeit zu verlangsamen ist also, aus der Routine auszubrechen und sich immer wieder neue Dinge anzueignen. Deshalb gehe ich immer wieder neue Themen an, auf sehr unterschiedliche Art, mal als Fernsehreportage aus dem Hospiz, als Buch oder am liebsten live auf der Bühne. Ich langweile mich selber ungern, weder mit mir noch mit anderen. Und „Endlich“ ist das Programm um all diese großen Fragen und Rätsel: Was machen wir mit unserer Zeit, was macht sie mit uns? Und wie kann man erwachsen werden und Kind bleiben?

Wie bleiben Sie Kind?

VON HIRSCHHAUSEN Ich selber habe gerade wieder angefangen, Gitarre zu spielen, so wie ich das schon mal als Jugendlicher gemacht habe. Plötzlich fühle ich mich wieder wie am Lagerfeuer, freue mich aber gleichzeitig, dass ich danach nicht auf einer Luftmatratze schlafen muss. Das ist bestes emotionales Anti-Aging!

In dem Programm sprechen Sie auch darüber, wie man sein Leben um zehn Jahre verlängern kann. Geht das wirklich? Sind Sie ein Wunderheiler? Was raten Sie unseren Lesern, damit sie länger leben?

VON HIRSCHHAUSEN Für diesen Rat muss man beileibe kein Wunderheiler sein! Der beste Trick sein Leben zu verlängern ist, alles wegzulassen, was es verkürzt. In meinem Programm bringe ich es ganz einfach auf den Punkt: 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützen als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse – erwachsen werden und Kind bleiben. Und die Langfassung gibt es live in meinem Programm …

Wie kann es gelingen, bewusster zu leben, und das in einer Zeit, in der es immer hektischer wird und man im Job und im Privaten eigentlich immer präsent sein und funktionieren muss?

VON HIRSCHHAUSEN Auch das klingt banal, aber: machen Sie Pausen! Ob Sie nun Meditieren lernen, Angeln oder Stricken, Dösen oder Tagträumen. Praktizieren Sie bewusst Pausen, schalten Sie ab und erst dann wieder an. Und vor allem – machen Sie sich das mit dem „Nichts“ nicht zu kompliziert. Ob Sie ans Meer fahren und den Wellen lauschen oder zu Hause bleiben und schöne Musik hören, finden Sie Ihren Weg.

Die Lebenserwartung ist ja in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Männer können weit über 80 werden, Frauen sogar fast 90. Das ist doch schon ein stolzes Alter. Warum soll man noch länger leben?

VON HIRSCHHAUSEN Egal wie lange wir leben, am Ende ist das Leben immer endlich und wir sind und bleiben sterblich. Und das ist auch gut so, denn ein ewiges Leben wäre sterbenslangweilig! Nur durch die Endlichkeit bekommt jeder Moment seinen Wert, seine Tragik oder Komik. Ich möchte nicht beschönigen, dass es am Ende des Lebens auch Schmerzen und Situationen der Verzweiflung gibt. Aber aus Angst vor dieser letzten Phase die ganze Zeit in Sorge zu verbringen, ist echte Zeitverschwendung.

Was wollen Sie damit den Menschen vermitteln?

VON HIRSCHHAUSEN Ich will vor allem rüberbringen: Seid nicht die ganze Zeit gegen das Leben. Ich bin Anti-Anti-Aging! Wir sind biologisch mit zwei Programmen  ausgestattet: Vermehr Dich und verzieh Dich. Bringe etwas Neues in die Welt – seien es Kinder oder Ideen –  und dann steh’ dem Neuen nicht ewig im Weg. In einem meiner Lieblingscartoons, den ich jeden Abend auf der Bühne zitiere, sagt  Charly Brown: „Eines Tages werden wir alle sterben“, darauf antwortet ihm Snoopy: „Ja, aber an allen anderen Tagen nicht“.

Hand aufs Herz, fühlen Sie sich über 50 alt? Oder ist 50 das neue 30?

VON HIRSCHHAUSEN Also ich will mich überhaupt nicht beschweren. Ich kann immer noch alles, was ich mit 30 konnte – halt nur nicht mehr am gleichen Tag. Nein, im Ernst, ich bin gerade 52 Jahre alt geworden und mir ist klar – es liegt weniger vor mir als hinter mir. Das war und ist für mich aber kein Grund, Angst vor dem Alter zu haben oder mich alt zu fühlen. Ein Problem hat man doch wirklich nur, wenn man nicht 50 wird! Um es klar zu sagen: Das Alter ist besser als sein Ruf! Die meisten Menschen sind mit 70 besser drauf als mit 17. Altern ist kein Abgesang – Altern ist Leben für Fortgeschrittene.

Woran liegt es, dass Ältere sich heute fitter fühlen, als das noch vor 30, 40 Jahren der Fall war?

VON HIRSCHHAUSEN Es ist tatsächlich der Fall, dass wir heute gesünder älter werden, auch wenn sich das erstmal nicht so anfühlt. Zum Beispiel kennt doch jeder in seinem Umfeld jemanden mit Demenz. Dabei ist die Chance für einen 70-Jährigen, an Demenz zu erkranken, heute geringer als noch vor 20 Jahren. Das liegt an vielen Dingen, von besserer Bildung bis Gesundheitsversorgung. Dement zu werden heißt heute salopp: Man ist vorher nicht an etwas anderem gestorben.

Was kann die Medizin dazu beitragen, dass man länger gesund lebt?

VON HIRSCHHAUSEN Das wichtigste Feld ist die gesundheitliche Aufklärung. Bildung ist der größte Hebel für die Lebenserwartung. So kostet zum Beispiel Übergewicht Lebenszeit und oft auch Lebensfreude. Jeder kann so dick sein wie er will, das ist keine Frage von Moral. Aber wenn man etwa Berlin anschaut, liegen zwischen Neukölln und Zehlendorf nicht nur zehn Kilometer, sondern auch zehn Jahre Lebenszeit – und das ist unglaublich ungerecht. Deshalb engagiere ich mich für mehr Gesundheitskompetenz, von der Vorschule über ein Schulfach Gesundheit bis hin zur Fähigkeit, im Netz Sinn und Unsinn zu unterscheiden. Wir sind so stolz darauf, das Land der Dichter und Denker zu sein, aber die Hälfte der Bevölkerung weiß nicht, wann ein Fieber anfängt oder wie man einen Beipackzettel liest. Das müssen wir ändern.

Soll die Medizin alles, was sie auch kann? Wo sehen Sie die ethischen Grenzen der Medizin? Lebensverlängerung um jeden Preis? Darf oder soll die Medizin auch Leben beenden, wenn es ein Todsterbenskranker wünscht?

VON HIRSCHHAUSEN In der ARD gab es gerade die Reportage „Hirschhausen im Hospiz“, die Sie noch in der Mediathek sehen können. Für drei Tage lebte ich in einem Hospiz in Bochum mit und habe da eine andere Art von „Heilkunst“ kennengelernt. Ausgerechnet die Menschen, die am nächsten mit dem Tod zu tun haben, haben am wenigstens Angst vor ihm. Krankenschwestern, die vorher auf Intensivstationen gearbeitet hatten, sagten mir: Das hier hat sehr viel mehr mit dem Leben zu tun als alles, was wir bisher zur Lebenserhaltung getan haben. Ich beobachtete an mir auch ein Umdenken vom Tun zum Lassen. Im Hospiz  ticken die Uhren anders. Es ist ein Ort, der komplett herausgenommen ist aus der ganzen Betriebsamkeit der Hochleistungsmedizin und unserer Welt. Mit meiner Arzt-Denke wollte ich vor dem Betreten jedes Zimmers wissen: Welches Krankheitsbild? Welche Komplikationen? Welche Prognose? Eine der Schwestern sagte zu mir: „Entspann dich, das ist hier alles nicht mehr so wichtig. Begegne dem Menschen in diesem Zimmer doch einfach so, wie er ist.“ Und das stimmt. Es geht im Hospiz um Begegnung, Würde und um Echtheit. Menschen, die darum wissen, wie kostbar die ihnen verbleibende Zeit ist, haben auf anderes keine Lust mehr. Insofern ist der Moment, in dem es ganz existenziell auf den Tod zugeht, für viele auch befreiend: Sie müssen kein Bild von sich selbst mehr aufrechterhalten. Sie müssen es niemandem mehr Recht machen. Ich habe im Hospiz Menschen getroffen, die sehr gelassen waren und sogar fröhlich.

Wie alt wollen Sie eigentlich werden? Und wie wird es ihnen dann gehen?

Für seine ARD-Reportage „Hirschhausen im Hospiz“ lebte Eckart von Hirschhausen drei Tage im Hospiz in Bochum. Foto: Eckart von Hirschhausen/Camillo Wiz
Das Erfolgsrezept von Eckart von Hirschhausen lautet: Pausen machen, Spaß haben – und keine Angst vor dem Alter! Foto: WDR/Ben Knabe/Ben Knabe/WDR

VON HIRSCHHAUSEN Die Frage nach einer Zahl kann ich Ihnen nicht beantworten, aber die nach dem „wie“. Ich möchte selbstbestimmt in meiner Wohnung alt werden, umgeben von lieben Menschen, eingebettet in ein soziales Netzwerk von Engagement, füreinander da sein und Sinn und Lebensfreude. Ich wünsche mir dann noch „gebraucht“ zu werden, so wie wahrscheinlich die meisten Menschen … Und natürlich halbwegs gesund und mobil,  oder um es mit dem Gebet der Achtzigjährigen etwas salopper zu sagen: Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht!

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