Universität Trier: Es lebe die Überraschung

Universität Trier : Es lebe die Überraschung

An der Universität Trier beginnen heute die Vorlesungen des Wintersemesters. Präsident Michael Jäckel verrät in seinem Gastbeitrag, warum alte Hüte wieder gefragt sind und wieso es wichtig ist, dass es in der Stadt eine Skater-Halle gibt.

Wenn der Beginn eines Semesters naht, dann heißt es auch häufig: „Jetzt geht der Alltag wieder los.“ Oder: „Jetzt wird es wieder voll an der Uni.“ Als würde man unentwegt der Einsamkeit und der Freiheit nachtrauern. Vielleicht hilft in solchen Situationen eine Beobachtung von Wilhelm Busch, der in seinen Bildergeschichten empfahl: „Stets findet Überraschung statt. Da, wo man‘s nicht erwartet hat.“ Reden wir also ein wenig von diesen unverhofften Dingen.

Es war zu Beginn des Jahres 2018, als ein Dekan eines Fachbereichs der Universität Trier mich zu der traditionellen Absolventenfeier einlud. Traditionell bedeutete zunächst: Was im Vorjahr stattgefunden hat, soll als Routine mit anderer personeller Besetzung so wieder geschehen. Aber dieses Mal fügte er hinzu, dass die Studierenden es anders feiern möchten: Absolventen-Hüte sollten getragen werden. Ich erwiderte spontan: „Gut, wenn diese Tradition gewünscht wird, dann wollen wir dieser auch entsprechend begegnen.“

Ich trug an diesem Tag also die Amtskette des Präsidenten. Diese zeigt stolz das Siegel der alten Universität Trier (eröffnet 1473). Und um zu verdeutlichen, was es in der Vergangenheit hieß, Bürger (nicht: Mitglied) dieser Universität zu sein, las ich den Absolventinnen und Absolventen Auszüge aus der damaligen Eidformel vor. Eltern, Freunde, Bekannte und Verwandte sowie der Lehrkörper des Fachbereichs vernahmen also sodann die folgenden Worte:

„Ich schwöre und gelobe Ihnen, dem Herrn Rektor der Universität und des Studium generale zu Trier und Ihren Amtsnachfolgern in allen Dingen, die Ihr Amt betreffen, Gehorsam und Ehrfurcht in allen erlaubten und ehrbaren Stücken …“

Der Eid erstreckte sich in seiner gedruckten Form auf insgesamt 17 Zeilen. Er sprach von Privilegien und Freiheiten, machte aber unmissverständlich klar, welcher Ordnungsrahmen fortan Geltung hatte. Heutige Grundordnungen von Universitäten sind wesentlich bescheidener. Sie definieren mitgliedschaftliche Rechte, auch Erwartungen und Pflichten, aber sie werden nicht mehr explizit mitgeteilt. Diese Überraschung im Jahr 2018 zu erleben, in einem Jahr, das an Jubiläen reich ist, hat noch eine besondere Bewandtnis. Denn in diesem Jubiläumsjahr wurde auch an das Unruhejahr 1968, das den Universitätsbetrieb an einigen Orten Deutschlands spürbar aus den Routinen des Alltags herausbrachte, erinnert. Eine „Politik des Bewusstseins“ sollte die Universitäten erfassen. Es war ein Protest gegen die sogenannte Ordinarienherrlichkeit.

In Trier hatte man zu dieser Zeit noch nicht wieder eine Universität, aber der Protest fand ja inmitten einer Phase zahlreicher Neu- beziehungweise Wiedergründungen von Universitäten in Deutschland statt, von der letztlich auch Trier (und Kaiserslautern) im Jahr 1970 profitierte. Denn zur Überraschung mancher hieß es in der Wochenzeitung Die Zeit: „Trier-Kaiserslautern ist die schnellste, geräuschloseste und effizienteste Neugründung der Nachkriegszeit.“

Für den Philosophen Karl Jaspers war es der Geist der Wissenschaft und der Wahrheit, der die Idee der Universität ausmacht. Vor 50 Jahren ging es um die demokratische Kontrolle der Produktivkraft „Wissen“. Studienwahlentscheidungen waren häufig davon bestimmt zu begreifen, was „eigentlich diese ganze sonderbare Gesellschaft trotz ihrer Absonderlichkeit zusammenhält“ (so der Philosoph Adorno): also ein Hoffen auf überraschende Erkenntnisse, auch ungewöhnliche.

Wenn heute Studierende ihre Studienwahlentscheidung gelegentlich mit systemfremden Kriterien begründen, etwa einen Studienstandort deshalb als attraktiv empfinden, weil es dort eine Skater-Halle gibt, dann muss deshalb nicht gleich die Sinnhaftigkeit des Studiums an sich infrage gestellt werden – aber der Unterschied ist überraschend eindeutig.

Mit der Überschrift „Die Versorgung der vielen“ beschrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung allgemein die „Wachstumsschmerzen“ heutiger Universitäten. Sie sind gleichwohl unter den akademischen Disziplinen ungleich verteilt. Auch im Jahr 2018 wird im Studium Beteiligung eingefordert. Die Struktur der Universität hat sich verändert, Studierbarkeit ist zu einer (durchaus berechtigten) Maxime geworden. Aber zugleich muss in dieser durchorganisierten Welt noch die Luft zum Atmen bleiben. Nur wenn Engagement auf Engagement trifft, kann Überraschendes gelingen und Überraschendes entstehen.

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