Gleiche Prüfung für alle? - Das Zentralabitur fällt im Land durch

Bildung : Gleiche Prüfung für alle? - Das Zentralabitur fällt im Land durch

Ob Schüler, Lehrer oder Regierung: In Rheinland-Pfalz gibt es nur wenige Fans davon, überall die gleichen Prüfungen zu schreiben.

Susanne Eisenmann hat sich als baden-württembergische Kultusministerin einen Namen gemacht, die 2021 für die CDU als Spitzenkandidatin im „Ländle“ antreten wird. Ihr Ruf nach einem Zentralabitur hallt aber bis nach Rheinland-Pfalz durch. ´

Geht es nach Eisenmann, sollen Schüler in den 16 Bundesländern die gleichen Abiturprüfungen schreiben, damit Noten vergleichbar sind. Bislang ist das nicht der Fall. Die Folge: Noten klaffen kräftig auseinander, wie Zahlen zeigen. Im Schuljahr 2016/17 schlossen ­Abiturienten in Thüringen mit einer durchschnittlichen Note von 2,18 ab, wo sie in Rheinland-Pfalz bei 2,49 landeten und in Niedersachsen bei 2,57. In Thüringen bekamen 2,6 Prozent aller Absolventen die für Studiengänge wie Medizin begehrte Traumnote 1,0, in Schleswig-Holstein bloß 0,8 Prozent.

Ungerecht finden das viele Kritiker, die meinen, dass das Abitur in manchen Bundesländern einfacher sei, was viele Schüler benachteilige. Den gemeinsamen Aufgabenpool mit einheitlichen Abi-Aufgaben in Mathe, Deutsch, Französisch und Englisch, den die Länder seit 2017 gemeinsam nutzen, betrachtet Lehrerverbandschef Heinz-Peter Meidinger als gescheitert, weil viele Länder die Aufgaben gar nicht einsetzten.

Ein Zentralabitur, wie es sich Meidinger schon ab dem Jahr 2025 vorstellen kann, stößt in Rheinland-Pfalz aber auf breiten Widerstand. Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sagt, ein Zentralabitur konterkariere den Bildungsföderalismus. Helga Lerch, bildungspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion im Mainzer Landtag und selber jahrelang im Lehrerberuf tätig, betont: „Wenn ein großer internationaler Konflikt war, habe ich mit den Schülern in Sozialkunde darüber gesprochen, weil es sie bewegt hat. Wenn Lehrer aber strikt angehalten sind, auf ein Zentralabitur hinzuarbeiten, bleibt ein großes Stück Freiheit auf der Strecke.“ Daniel Köbler (Grüne) stimmt zu: „Die Tendenz, dass alle das gleiche Wissen auswendig lernen, würde sich verstärken“, moniert er. Und AfD-Fraktionsvize Joachim Paul fürchtet: „Bei einem Zentralabitur würden wir Gymnasien mit Spitzenleistungen konsequent abschaffen.“ Die Länder, warnt der Oppositionspolitiker, würden sich nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. „Es ist zu erwarten, dass sich die Kultusminister an Standards von Berlin und Bremen orientieren – nicht an Bayern.“ Noten-Ungerechtigkeiten bei der Hochschulbewerbung würde Paul durch „Eignungstests“ lösen lassen. CDU-Fraktionsvize Anke Beilstein fordert zunächst innerhalb von Rheinland-Pfalz mehr Vergleichbarkeit, da die wenigsten Abiturfragen landeseinheitlich gestellt würden. Vergleichbarkeit sei wichtig, wenn es um die Bewerbung um einen Studienplatz oder eine begehrte Lehrstelle geht, findet Beilstein. „Wenn in einer solchen Situation nicht garantiert werden kann, dass das Niveau des Abiturs in Rheinland-Pfalz gleich hoch ist, ist das ein schlechter Zustand.“

Bei den Eltern spricht Rainer Schladweiler von „geteilten Meinungen“, wenn es um das Zentralabitur geht. Der Regionalelternsprecher aus dem Raum Trier ist aber gegen das einheitliche Abi. „Wenn in Rheinland-Pfalz mehr Unterricht ausfällt als in Bayern, sind unsere Schüler doch klar im Nachteil, weil sie bis zu den Prüfungen weniger Stoff aufgenommen haben.“ Ein striktes Nein kommt von der Landesschülervertretung, die dennoch eine einschneidende Reform fordert. Lucas Fomsgaard schlägt vor, Abiprüfungen abzuschaffen, die „hohen Stress“ verursachten. Die Idee: Die Abi-Note solle sich aus dem Mittelwert der in der Oberstufe erbrachten Leistungen bilden. Noten, finden die Schüler, brauche es auf Dauer ohnehin nicht. „Sie werden oft zu willkürlich verteilt.“

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