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Kolumne: Gesellschaftskunde
Propheten von heute

 Papst Franziskus begrüßt Klimaaktivistin Greta Thunberg.
Papst Franziskus begrüßt Klimaaktivistin Greta Thunberg. FOTO: REUTERS / YARA NARDI
Meinung „Fridays for Future“ polarisiert. So sehr, dass selbst Bischöfen die Worte verdreht werden. Von Frank Vollmer

Beachtliche Erregung hat vor einigen Tagen Berlins Erzbischof Heiner Koch verursacht, als er in einem Satz die Worte „Freitagsdemos“ und „Jesus“ in den Mund nahm. Koch habe Greta Thunberg, Anführerin der „Fridays for Future“-Bewegung, mit Christus verglichen, war vielerorts zu lesen. Stimmte leider nur bedingt. „Mich erinnern die Freitagsdemos ein wenig an die biblische Szene vom Einzug Jesu in Jerusalem“, hatte Koch gesagt, sich explizit auf die hohen Erwartungen des Volks am Palmsonntag bezogen und sogar hinzugefügt, er wolle Thunberg eben nicht „zu einem weiblichen Messias machen“. Koch verglich Phänomene, nicht Personen. Aber wen kümmern solche Spitzfindigkeiten, wenn man seine herrische Unduldsamkeit gegenüber diesen frechen Kindern auch noch mit einer solchen vermeintlichen Entgleisung würzen kann?

Koch sagte auch (auch das wurde ihm um die Ohren geschlagen, zu Unrecht), die Gesellschaft brauche „von Zeit zu Zeit echte Propheten, die auf Missstände und Fehlentwicklungen hinweisen“. Nur wenn man das ausschließlich religiös verstehen wollte, wäre es anstößig. Propheten gebe es auch in der Neuzeit, sagte schon beim Kirchentag 2007 einer, der zeitgeistiger Flausen nun wirklich unverdächtig war: Joachim Kardinal Meisner.

„Fridays for Future“ ist keine Sekte, sondern eine politische Bewegung mit einer von vielen (von mir nicht) als charismatisch empfundenen Symbolfigur. Nicht mehr, nicht weniger. Kein Wahn, sondern von Wissenschaftlern unterstützte Warnung. Meisner attackierte damals mit ausdrücklichem Blick auf den Umweltschutz die falschen „Propheten, die uns weismachen wollen, alles Machbare sei auch erlaubt“. Wer gegen deren Überheblichkeit das Wort erhebt, dem sollte man schon zuhören. Wie auch immer man ihn dann nennt.

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