| 10:44 Uhr

Analyse
Die Mär vom unpolitischen Sport

Düsseldorf. Sportler betonen verlässlich ihre Unabhängigkeit von allem Politischen - auch jetzt Ilkay Gündogan. Doch diese Trennung ist nicht aufrechtzuerhalten. Die Realität zeigt, wie oft der Sport nur allzu gern die Nähe zum Staat sucht. Gianni Costa

Sportler betonen ihre Unabhängigkeit von allem Politischen - jetzt auch Ilkay Gündogan. Doch diese Trennung ist nicht aufrechtzuerhalten. Die Realität zeigt, wie oft der Sport nur allzu gern die Nähe zum Staat sucht.

Ilkay Gündogan wird gemeinhin als ein Fußballer mit außergewöhnlichem intellektuellen Tiefgang beschrieben. Dieser Gündogan, 27 Jahre alt, wird vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fünf Wochen vor der türkischen Parlaments- und Präsidentschaftswahl gemeinsam mit Mesut Özil und weiteren Spielern zu einer Audienz geladen. Ein deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln lässt sich also mit einem Politiker fotografieren, der es nach allgemeiner Ansicht mit der Demokratie nicht so genau nimmt und der seine Kritiker auch schon mal monatelang ohne Anklage einsperrt. Einer, der nicht zuletzt aus Deutschland als Despot harsch kritisiert wird.

Also passiert, was zu erwarten war: breite Empörung hierzulande. Entsetzen über das Verhalten der beiden Fußballprofis. Und es passiert noch etwas Zweites, das ebenso erwartbar war: Statt eines klaren Bekenntnisses oder einer Rechtfertigung wird das Armutszeugnis mit einer wohl von Marketingexperten glattgeschliffenen Erklärung auf den Punkt gebracht. "Es war nicht unsere Absicht, mit diesem Bild ein politisches Statement abzugeben, geschweige denn Wahlkampf zu machen", bekundet Gündogan. Und: "Fußball ist unser Leben und nicht die Politik."

Es gehört zu den großen Märchen unserer Zeit, dass sich der Sport den Anstrich verordnet hat, nicht politisch zu sein. Das ist natürlich weltfremd auf ganz vielen Ebenen. Sport ist selten nur ein Wettkampf oder ein Spiel. Im Sport geht es um knallharte Interessen, im Kleinen wie im Großen. Der Sport bietet eine verlockend gigantische Bühne zur Inszenierung. Alle wollen sich im Glanz eines Siegers sonnen oder zumindest den Unterlegenen öffentlichkeitswirksam aufmuntern. Sport ist ein Statussymbol für die Mächtigen - der Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen ist auch Ausdruck der Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft. Deshalb wird getrickst und geschummelt bis weit über die Grenzen des Erträglichen hinaus. Das alles ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern gelebte Praxis seit jeher.

Der Sport indes windet sich um klare Positionierungen herum. Weil man es sich mit möglichst Wenigen verscherzen möchte, legt man sich auf möglichst wenig fest. Wenn man Sportler und Funktionäre nach einer politischen Haltung fragt, dann kommt oft der Satz, aus diesen Themen halte man sich lieber heraus. Ganz oft heißt es, der Sport sei schließlich unpolitisch. Er ist es jedenfalls so lange, wie es ihm nicht unmittelbar nutzt. Denn wenn ein neues Stadion gebaut werden soll, ruft ein Verein nur allzu gerne in der politischen Debatte in Erinnerung, welch große gesellschaftliche Bedeutung er hat. Weil er es dann doch für mehr als angebracht hält, staatliche Unterstützung zu bekommen.

Und die Politik ist gerne bereit, den Doppelpass mit dem Sport zu spielen. In Nordrhein-Westfalen hat Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) das Projekt "Sportland Nummer eins" ausgerufen, neben der Modernisierung Hunderter maroder Trainingsplätze träumt der Landesvater von Olympischen Spielen an Rhein und Ruhr im Jahr 2032. Dadurch, erklärt Laschet, könnte vieles beschleunigt werden: Autobahnausbau, Digitalisierung, Modernisierung. Plötzlich gibt es eine Vision, und das Geld für sportliche Ziele ist plötzlich ausreichend vorhanden.

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) war nach dem Bekanntwerden des Treffens zwischen seinen Nationalspielern Gündogan und Özil mit Erdogan in höchster Alarmstimmung. Verbandspräsident Reinhard Grindel, zuvor 14 Jahre für die CDU Mitglied des Bundestages, war eifrig darum bemüht, das Thema irgendwie einzufangen. "Der DFB respektiert und achtet selbstverständlich die besondere Situation unserer Spieler mit Migrationshintergrund. Aber der Fußball und der DFB stehen für Werte, die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden", twitterte Grindel. Die Profis hätten sich für ein Wahlkampfmanöver "missbrauchen lassen".

Grindel selbst hat dabei wenig Berührungsängste mit politischen Systemen, die nicht gerade als weltoffen bezeichnet werden können. Die Weltmeisterschaft in Russland ist aus seiner Sicht okay, weil man sich ja schließlich nicht dem Dialog verschließen könne. Wladimir Putin gilt nicht gerade als Sinnbild politischer Integrität, Boykott sei aber ja auch keine Lösung. Ähnlich verhält es sich mit China, wo der DFB sich gute Geschäfte ausrechnet und deshalb nicht ganz so intensiv auf die Einhaltung von Menschenrechten pocht. Oder Katar, wo die nächste Weltmeisterschaft stattfinden soll und wo im Gegensatz zu Franz Beckenbauer schon viele kritische Beobachter Sklaven auf den Baustellen entdeckt haben. Die Türkei ist für den DFB in vielerlei Hinsicht ein politisch heikles Thema. Die Türkei konkurriert mit Deutschland um die Austragung der Europameisterschaft 2024. Und dann wäre da auch noch der Kampf um Talente - der DFB ist naturgemäß darum bemüht, möglichst viele Spieler für die eigene Auswahl auszubilden und nicht in die Heimatländer der Eltern oder Großeltern abwandern zu lassen.

"Sport ist die wahrscheinlich größte Kommunikationsplattform der Welt", wird Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nicht müde zu betonen. Mehr als 100 Jahre vorher hatte das auch schon der irische Weitspringer Peter O'Connor verstanden. Bei den "Olympischen Zwischenspielen" 1906 in Athen hatte er die Silbermedaille gewonnen, dem Sieger stahl er aber dennoch die Aufmerksamkeit: Der Ire weigerte sich, dass für ihn die britische Flagge gehisst wurde. Er kletterte auf den Fahnenmast, schwenkte die grüne Fahne für sein Heimatland und demonstrierte damit für die Unabhängigkeit seines Geburtslandes Irland.