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Faire Ernährung
Eine Frage der Fairness

 Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) auf der Grünen Woche
Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) und Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) auf der Grünen Woche FOTO: dpa / Christoph Soeder
Immer mehr Bürger verlangen nach gesunden Lebensmitteln und einer besseren Haltung von Tieren vor ihrem Tod. Es mangelt jedoch an klaren Kennzeichen und dem Verständnis für die Digitalisierung der Agrarwirtschaft. Von Kristina Dunz und Holger Möhle

Gerd Müller hat gerade „fair“ gefrühstückt. Lebensmittel, sauber produziert, niemand ausgebeutet, Tierwohl beachtet. Schöne heile, kleine Welt. Die Wirklichkeit sieht meistens anders aus. Oft fehlt es Verbrauchern an Zeit, Geld oder Wissen – oder an allem zusammen -, um so zu essen wie der Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit am Eröffnungstag der Internationalen Grünen Woche in Berlin. Der CSU-Politiker hat obendrein bei allem was er tut, immer auch die Brille der sogenannten Dritten Welt auf, wo er verdorrte Erde, Kinder mit Hungerbäuchen und untragbare Bedingungen bei der Produktion von Kakao, Kaffee oder Baumwolle für Textilien  vorfindet. Deshalb mahnt er: „Es darf nicht sein, dass wir weiterhin Güter nach Europa importieren, in denen ausbeuterische Kinderarbeit steckt.“ Und es darf nicht sein, dass im reichen Deutschland, wo es Essen im Überfluss gibt, Umwelt und Tiere gnadenlos ausgebeutet werden - damit wird Müllers Kabinettskollegin, Argar- und Ernährungsministerin Julia Klöckner (CDU), auf der Grünen Woche konfrontiert. Alles in allem eine grundsätzliche und ethische Frage: Was ist fair?

Das Fotomodell Toni Garrn ist mit Müller mitgekommen. Die Frau isst kein Fleisch. Zum Ausgleich verzehrt sie Insekten. „Das ist eine Super-Protein-Source“, sagt sie an einem Stand mit Heuschrecken, Mehlwürmern und Grillen. Das ist allerdings auch ein Ausdruck der Wohlstandsgesellschaft.

Gut sieben Milliarden Menschen Weltbevölkerung könne man „nicht über Fleisch, Fleisch, Fleisch“ ernähren, sagt Müller. Das ist auch nicht nötig. Denn immer mehr Menschen in Deutschland bemühen sich um einen bewussteren Konsum von Fleisch. Vielen ist es nicht mehr egal, wie das Tier vor seinem Tod gelebt hat. Sie möchten mit gutem Gewissen, Schweine-Rindfleisch- oder Hühnerfleisch essen. Die Supermarktketten Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl, Netto, Penny und Rewe wollen ab 1. April einheitliche Packungsaufdrucke mit der Aufschrift „Haltungsform“ in die Läden bringen. Das von Klöckner geplante staatliche Tierwohllabel wird voraussichtlich erst 2020 starten, was der Ministerin den Vorwurf einträgt, dass sie als Politikerin nicht vorangeht, sondern vom Handel längst abgehängt wurde. Verbraucher regeln gerade selbst den Markt, indem sie auch im Supermarkt nach Fleisch greifen wollen, das nicht aus fragwürdiger Haltung kommt.

Der Trend zum bewussteren Umgang mit dem Nutztier spiegelt sich auch durch solche Stände auf der Grünen Woche wider: Ein Jahr haben sich Chefköche und Forscher an einem neuartigen Burger versucht, jetzt wird ein „unglaublicher BurgerW vorgestellt. Er ist zu 100 Prozent pflanzlich - aus Sojaeiweiß, Weizeneiweiß, Raps- und Kokosnussöl und Roter Beete. Die Zielgruppe: die sogenannten „Flexetarier“, Menschen also, die weniger Fleisch essen, aber nicht auf den Geschmack verzichten wollen. Der Markt dafür ist in Europa und Nordamerika groß. Nichts für Afrika, nichts für die arme Welt.

In Deutschland gibt es derart viele Marken und Produkte, dass Verbraucher den Überblick verlieren, erst recht darüber, was im Essen drin ist. Zu viel Fett, zu viel Zucker, zu viele, zu  ungesunde Kalorien. Die Krankenkassen beklagen hohe Kosten wegen der Folgen von Übergewicht und Diabetes – zunehmend auch bei Kindern. Verbraucherschützer fordern deshalb eine klare Kennzeichnung von Lebensmitteln. Der Geschäftsführer der Organisation Foodwatch, Martin Rücker, sagt unserer Redaktion: „Was den Bürgerinnen und Bürgern wirklich helfen würde, weniger nach zuckerhaltigen und fetten Produkten zu greifen, wäre eine verständlichere Kennzeichnung der Waren, eine Lebensmittelampel.“ Es sei einfach „mühsam“, die „Beschreibung auf der Rückseite“ zu lesen und zu verstehen. Der Einkauf sei damit viel zu zeitaufwendig. Rücker: „Es muss einfacher für die Menschen werden, sich gesund und ausgewogen zu ernähren.“

Klöckner hingegen findet, die Ampel würde Menschen in die Irre führen.  Auch der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL), der Spitzenverband der Lebensmittelwirtschaft, ist gegen die Ampel. Eine Nährwerttabelle auf jedem Produkt reiche aus. Kleingedrucktes statt Klarheit auf den ersten Blick. Die Ernährungsministerin will bis zum Sommer Vorschläge für eine deutlichere Kennzeichnung von Lebensmitteln vorlegen – immerhin auf der Vorderseite der Waren.

Und dann ist da noch die Digitalisierung. Für die Bauern ein Riesenthema, ebenso für die Ministerin  und die Kanzlerin. Angela Merkel (CDU) prognostiziert: 2025 wird jede zweite Kuh in Westeuropa vom Roboter gemolken. Und Klöckner moniert,  selbstfahrende Laster lösten allgemeine Begeisterung aus,  aber die Bäuerin stellten sich viele noch als eine Frau vor, die mit der Milchkanne in der Hand über den Hof renne. 5G tatsächlich an jeder Milchkanne? Ja, unbedingt sagen die Landwirte. Wer hat denn noch ein gutes Gefühl, wenn Trecker über die Felder fahren und Gift spritzen, um Unkraut zu vernichten? Sollte die Technik so ausgefeilt werden, dass darauf verzichtet werden kann, weil eine präzise gesteuerte Ackerhacke das Gift ersetzen kann, freuen sich nicht nur die Biobauern.

Bei aller technischen Entwicklung und notwendigen Digitalisierung müsse aber darauf geachtet werden, dass das immense Datenvolumen auch in jedem kleineren Betrieb beherrschbar bleibe - letztendlich werde es weiterhin auf den Landwirt und sein Herz und seinen Verstand ankommen, sagt der Agrarexperte der Grünen-Bundestagsfraktion, Biobauer Friedrich Ostendorff aus NRW. Er erinnert sich an die Einstellung seiner Großmutter. „Das Auge des Herrn mästet das Vieh“, habe die gläubige Bäuerin immer gesagt, erzählt er. Und das gelte auch heute noch. Auch das ist eine Frage der Fairness.