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Interview mit Bildungsministerin Stefanie Hubig

Bildung : „Schule ist kein Supermarkt“

Die Bildungsministerin verteidigt wegfallende Abstandsregeln und sagt, warum Klassenfahrten tabu sind.

(flor) Lehrer kritisieren sie für wegfallende Abstandsregeln, werfen ihr Stimmungsmache vor: Im TV-Interview reagiert die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) auf die Kritik.

Die Sommerferien starten, viele Familien fahren weg. Haben Sie ein mulmiges Gefühl, dass die Infektionszahlen wieder steigen?

Stefanie Hubig: Wir werden die Situation genau beobachten. Es ist wichtig, dass Familien sich in den Sommerferien weiterhin verantwortungsbewusst verhalten, indem sie die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten. Für Familien, die in Risikogebiete fahren, gibt es eine klare Regelung: Sie müssen nach ihrer Rückkehr zwei Wochen in Quarantäne oder einen Coronatest machen. Ist der negativ, dürfen die Kinder auch wieder in die Schule gehen. Natürlich appellieren wir an Eltern und Lehrkräfte, in den letzten beiden Wochen der Ferien möglichst nicht in Risikogebiete zu fahren.

Der Unterricht startet nach den Ferien – ohne Abstandsregeln in den Klassen. Der Lehrerverband VBE kritisiert, warum die erforderliche Distanz von 1,50 Meter im Supermarkt gilt – aber nicht in den Klassenräumen. Geht das Ministerium ein zu großes gesundheitliches Risiko ein?

Hubig: Schule ist kein Supermarkt. Sie ist ein sozialer Ort, an dem Schüler und Lehrer miteinander lernen wollen. Wir haben uns eng und genau mit unseren Gesundheitsexpertinnen und -experten abgestimmt. Und sie haben uns grünes Licht gegeben und betont, dass es verantwortbar ist, Kinder wieder in ihren gewohnten Klassenverband gehen zu lassen, weil die Infektionszahlen in Rheinland-Pfalz sehr niedrig sind.
Klar ist aber auch: In der Schule gelten weiter Hygieneregeln. Dazu gehört auch, außerhalb der Klassen weiterhin auf den Abstand von 1,50 Meter zu achten.

Der Philologenverband warnt davor, dass sich Schüler in den Bussen zusammenpferchen und sich anzustecken drohen. Die Gefahr ist doch nicht von der Hand zu weisen?

Hubig: In den Bussen herrscht nach wie vor die Pflicht, einen Mund- und Nasenschutz zu tragen, um Infektionen zu vermeiden. Zuständig für die Schülerbeförderung sind aber die Städte und Kreise. Sie müssen dafür sorgen, ausreichend Kapazitäten an Bussen zur Verfügung zu stellen.

Klassenfahrten sind in den kommenden Monaten tabu. Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass die Landesregierung Busfahrten in größeren Gruppen misstraut?

Hubig: Nein. Es gibt vielmehr einen pädagogischen Grund, warum wir Klassenfahrten und längere Aufenthalte außerhalb der Schule jetzt erst mal zurückgestellt haben: Die Schülerinnen und Schüler sollen sich im nächsten halben Jahr erst einmal auf das Lernen konzentrieren. Wir wollen sehen, wo sie stehen, wo sich in der Corona-Zeit Lücken aufgetan haben, wo sie Unterstützung brauchen. Nur so können wir möglichst schnell in einen regulären Unterrichtsbetrieb zurückkehren.

Sie fordern alle Lehrer auf, in die Schulen zurückzukehren. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass sich viele Pädagogen nicht doch ein Attest besorgen und Mitte August fehlen?

Hubig: Unsere Lehrerinnen und Lehrer gehen sehr verantwortungsbewusst und couragiert mit der Situation um. Das zeigt sich alleine daran, dass viele Lehrkräfte in der Corona-Krise zur Schule gekommen sind, obwohl sie mehr als 60 Jahre alt sind und zur ursprünglichen Risikogruppe gehören. Wir leben nun in einer Zeit, wo die Gefahr, sich anzustecken, niedrig ist. Dennoch gilt selbstverständlich: Die Lehrkräfte, die Schutz brauchen, bekommen ihn auch.

Unterm Strich braucht es also keine zusätzlichen Lehrer?

Hubig: Grundsätzlich müssen wir damit rechnen, dass einzelne Kinder zu Hause bleiben werden und mit Fernunterricht beschult werden müssen. Und dass auch Lehrkräfte ausfallen. Das erfordert einen höheren Bedarf an Vertretungslehrern. Wir werden entsprechend handeln und dafür zusätzliche Ressourcen zur Verfügung stellen.

Sie sagten in dieser Woche, es könne nicht sein, dass alle Menschen in ihren Alltag zurückkehren, Schulen aber zu bleiben. Der Philologenverband deutet das als Stimmungsmache gegen Lehrer.

Hubig: Das weise ich entschieden zurück. Ich habe in der gesamten Zeit deutlich gemacht, wie viel Hochachtung ich davor habe, wie unsere Lehrkräfte diese Krise bewältigen. Wir sind in Rheinland-Pfalz bei der Öffnung der Schulen stufenweise vorgegangen und haben gesundheitliche Risiken immer bedacht – und das werden wir auch weiter tun. Es ist aber auch klar, dass Kinder und Jugendliche ein Recht auf Bildung haben und das Recht verwirklicht werden muss. Denn das Recht auf Bildung wiegt schwerer als das Recht, in den Biergarten zu gehen.

Der Vulkaneifeler FDP-Abgeordnete Marco Weber twitterte über Lehrerkritik zu Abstandsregeln, die Pädagogen könnten auch agieren wie andere Arbeitnehmer – und arbeiten. Hat er recht?

Hubig: Unsere Lehrkräfte machen einen richtig guten Job und mir ist wichtig, dass sie dafür gute Arbeitsbedingungen haben. Gemeinsam haben wir es in Rheinland-Pfalz erreicht, dass wir so niedrige Infektionszahlen haben, dass wir nach den Sommerferien wieder zum regulären Schulbetrieb zurückkehren können.

Die Lehrergewerkschaft GEW warnt: Dem Druck, digitales Lernen zu beherrschen, können Lehrer nicht umfänglich in sechs Wochen Sommerferien gerecht werden. Wann beherrschen denn alle Lehrer den Digitalunterricht?

Hubig: Wir haben unsere Angebote an Fortbildungen stark erhöht und bieten auch in den Ferien jeden Tag welche an. Wir haben bereits unglaublich viele fitte Lehrkräfte, aber wir brauchen noch mehr. Allein über „Medienkompetenz macht Schule“ gab es bereits 115 000 Teilnahmen an Fortbildungen. Das im Mai neu eingeführte Web-Videosystem ist relativ einfach in der Handhabung. Und mit weiteren Fortbildungen werden wir dauerhaft alle Lehrkräfte erreichen.Darüber hinaus werden wir jetzt mit den rund 24 Millionen Euro vom Bund zusätzliche 40 000 bis 50 000 Tablets und Notebooks anschaffen, die bedürftige Kinder und Jugendliche ausleihen können.

Die „FAZ“ lobte Sie als Glücksfall für die Kultusministerkonferenz, die Sie führen. In Rheinland-Pfalz ernten Sie oft Kritik von Medien und Verbänden. Werden Sie im eigenen Bundesland nicht verstanden?

Hubig: Es gehört zur Aufgabe von Verbänden, eine Ministerin zu kritisieren und Dinge einzufordern. Wichtig ist mir, dass wir dabei immer den konstruktiven Dialog gesucht haben. Das wird auch von vielen Seiten geschätzt. Und ich glaube, dass es das ist, was wir auch in einer solchen Krise brauchen. Ein konstruktives Miteinander.