Junge Union: Tilman Kuban wird neuer JU-Vorsitzender

Deutschlandtag der Jungen Union : Tilman Kuban wird neuer JU-Vorsitzender

Tilman Kuban ist neuer Vorsitzender der Jungen Union. Eine Wahl wie ein Boxkampf. Laut, turbulent und ein Schlagabtausch konservativer Standpunkte.

Es wird schon vor der Wahl geschrieen und gebrüllt. „Tilman, Tilman“, Delegierte der Jungen Union können sich am Samstag in Berlin beim Deutschlandtag der Nachwuchsorganisation von CDU und CSU gar nicht wieder einkriegen, als der 31-jährige Kandidat für den Vorsitz, Tilman Kuban aus Niedersachsen, seine feurige Bewerbungsrede hält. Sturmfest, erdverwachsen steht er da, robuste Statur, im weißen Hemd, heute einmal nicht mit aufgekrempelten Ärmeln, aber mit fuchtelnden Armen, die Faust geballt, Farbe im Gesicht. Fröhlich, bissig, kampfbereit.

Seine Fans klatschen, kreischen, klopfen. Mit sogenannten Klatschpappen, auf denen „#Kubaner“ steht, schlagen sie auf die Tische, und sie rufen: „Ich bin ein Kubaner“. Kuban steht auf der Bühne und wettert gegen „linke Spinner“, „grünen Verbotsfetischismus“ und „Toiletten vom dritten bis zum 312. Geschlecht“. Er ist für konsequentere Abschiebungen von Straftätern, „5G bis in jede Milchkanne“, bezahlbaren Wohnungen, mehr Innovation für die Vermeidung von Plastikmüll, für eine nationale Mittelstandsstrategie. Und Mitgliederbefragungen bei neuen Positionierungen der Union.

Er skizziert eine sehr konservative Linie. Kuban unterscheidet sich da nicht von der großen Mehrheit der JU. Die Jugendorganisation der Union war schon immer so. Nah an Helmut Kohl, fern von Angela Merkel.

Man weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, ob es die Mehrheit der 320 Delegierten ist, aber Kubans Anhänger sind laut. Sie wollen es seinem Herausforderer Stefan Gruhner so schwer wie möglich machen. Der NRW-Delegierte Diego Faßnacht beklagt sich im Netz, Flyer von Kuban seien von den NRW-Tischen genommen worden, und der Landesvorstand habe nicht kommuniziert, dass seine Nominierung von Gruhner nur mit einer Stimme Mehrheit ausgefallen war. Faßnacht bekommt digitale Unterstützung, sogar von einer Rücktrittsforderung an JU-Landeschef Florian Braun ist die Rede.

Braun sagt unserer Redaktion, er habe nirgends Flyer abräumen lassen. Nur er selbst habe keine „Klatschpappe“ haben wollen. Weder für den einen noch den anderen Kandidaten. Streit um Klatschpappen. Die Nerven liegen blank.

Eigentlich hätte Gruhner zuerst reden sollen. G kommt vor K im Alphabet. Aber Kuban wollte das nicht hinnehmen. Kuban first, war seine Ansage, verlautet aus Vorstandskreisen. Schließlich wird eine Münze geworfen - und Kuban gewinnt. Er darf anfangen. Trotzdem wird zuerst Gruhner aufgerufen. Panne in der Regie. Irgendwie hatte der Tagungsleiter das mit der Münze nicht mitbekommen. So muss das für alle hörbar erklärt werden. Blöd gelaufen.

Nach tosendem Beifall für Kuban geht Gruhner ans Mikrofon. Er fängt leiser an. Ein Dankeschön an Paul Ziemiak, der den JU-Vorsitz abgegeben hat, weil die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer ihn im Dezember zum Generalsekretär gemacht hat. Auch er trägt kein Jackett. Das gilt bei der JU schon als modern. Legere Kandidaten, zumindest in der Kleidung. Ziemiak hatte bei seiner ersten Wahl zum JU-Chef 2014 in Inzell noch eine Anzugjacke an.

Es dauert nicht lange, dann passiert dasselbe: Gruhner gestikuliert, ballt die Faust, ruft, schimpft. Gegen die Grünen, gegen die Linken, gegen die SPD, für die „Abteilung Attacke gegen rechts und links“, eine „Kampfansage an die AfD“ und „klare Kante für die Erneuerung der Union“, damit „niemand mehr an der Jungen Union vorbeikommt“. Auch Gruhner will mehr Mitgliederbeteiligung in CDU und CSU. Sein großer Schwerpunkt ist die Digitalisierung. Er will die JU zum „digitalsten Jugendverband“ machen.

Seine Unterstützer schreien und brüllen genauso wie zuvor jene für Kuban. Der Berliner JU-Vorsitzende Christoph Brzezinski ist sichtlich irritiert. Er hatte sich noch um Mäßigung bemüht und von der Möglichkeit zum Jubel nach dem Wahlergebnis gesprochen. Kein Chance, das geht unter. Ein Deutschlandtag der Jungen Union, wo während der Reden getobt wird wie bei einem Boxkampf - das ist etwas Neues.

Kuban und Gruhner sind völlig unterschiedliche Typen. Aber die ganz großen Unterschiede in ihrer Politik, ihrer Ausrichtung sind bei diesem Rede-Duell nicht zu erkennen. Beide warnen die Mutterparteien CDU und CSU davor, sich immer mehr um Rentenzahlungen zu kümmern und zu wenig um die junge Generation. Dann laufe etwas schief im Land.

Es heißt, Gruhner, der Landtagsabgeordnete aus Thüringen, sei näher an Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) aus NRW. Kuban habe Sympathien für die WerteUnion, die Kramp-Karrenbauer in ihrer Rede auf dem Deutschlandtag etwas abgewatscht hat. „Wir sind eine Union der Werte“, mahnte Kramp-Karrenbauer. Sie unterstelle mal alles, dass sie wegen der Werte der Union in die Partei eingetreten seien. „Dafür brauche ich keine eigene Organisation.“ Sie habe keine Lust, dass die CDU „irgendwann bei 15 Prozent zu enden“ - so wie es die SPD mit ihren Flügeln erreicht habe.

Kramp-Karrenbauer wünscht sich eine Junge Union, „die uns Dampf macht“. Sie könne das als Parteivorsitzende gut aushalten. Und gleich, wer die Wahl gewinne, die Junge Union, die Union müssten zusammenhalten. Eine Kampfkandidatur sei ein Privileg. Es geht ein Raunen durch die Halle am Alexanderplatz, die schon zu DDR eine Kongresshalle war. An den Kampf von Kramp-Karrenbauer, Spahn und Friedrich Merz können sich alle gut erinnern. Härte wäre den meisten wohl eher zu dieser Kampfkandidatur eingefallen als Privileg. Und Kramp-Karrenbauer sagt jetzt auch, es sei ganz schön, „einfach mal zuschauen zu können“. „Jens Spahn und ich wissen um die Angespanntheit.“

Gruhner empfiehlt sich als Stachel im Fleisch der Groko. Überhaupt als ein Stachel gegen alles, was gegen die Interessen der 100.000 Mitglieder starken Jungen Union steht. Er wäre der erste Ostdeutsche an der Spitze der Jungen Union.

Kuban kandidiert für das Europaparlament. Er sagt, er trage das Herz auf der Zunge. Aber: „Wer keine Reibung erzeugt, kann auch nichts bewegen.“ Deshalb: „Wenn ihr einen Macher wollt, dann lasst es uns gemeinsam anpacken.“

Er gewinnt. Mit 62,7 Prozent. Er schlägt die Hände vor das Gesicht und schüttelt mit dem Kopf. Er kann es nicht fassen. Seine Leute umringen und umjubeln ihn. Es dauert bis er auf die Bühne kommt. Auf die Frage, ob er die Wahl annimmt, sagt er: „Von Herzen gerne“. Und bittet um Zusammenhalt. Reibung inklusive.

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