| 09:12 Uhr

Passau
Mia san Söder

Der Aschermittwoch dient der CSU traditionell zur Selbstvergewisserung. Mit dem künftigen Ministerpräsidenten hat sie einen neuen Star gefunden. Die Gnade einer Grippe bewahrt Horst Seehofer davor, das live miterleben zu müssen. Gregor Mayntz

Einmal im Jahr geht es für Werner Niemann von Peine nach Passau. Der niedersächsische CDU-Kommunalpolitiker ist so fasziniert von der bayerischen Schwesterpartei, dass er mit drei Dutzend Parteifreunden in der Dreiländerhalle ganz vorne sitzt, wenn dort am Aschermittwoch geholzt wird. Das weiß-blaue Gefühl ist für Niemann so ähnlich wie das schwarz-gelbe für BVB-Fans im Westfalenstadion. Niemann staunt, wie rege die CSU an der Basis ist: "Das ist toll, echte Demokratie von unten nach oben."

Genau dieses Gefühl versucht auch die CSU-Regie bei diesem politischen Aschermittwoch zu inszenieren. Sie haben die Bankreihen auf die Bühne gestellt, machen es auf riesigen Bildschirmen zusätzlich rustikal. Mag das Label "Laptop und Lederhose" für den Anspruch der CSU abgegriffen sein, Generalsekretär Andreas Scheuer erfindet es neu mit der Verbindung aus "Touchpad und Trachtenjanker".

Einen solchen trägt auch Markus Söder, der mit seiner Frau Karin geradezu genussvoll zum Klang des Bayerischen Defiliermarschs in die Halle schreitet. Die Political Correctness mache am Aschermittwoch Pause, bemerkt er - um dann doch eine Panne in Sachen Korrektheit anzuprangern. Der Defiliermarsch stehe grundsätzlich nur amtierenden bayerischen Ministerpräsidenten zu. Pause. Grinsen. Und dann: "Ich komme damit emotional zurecht." Der Saal lacht.

Und Söder läuft zu einer Form auf, dass der Dank für die Leistungen des scheidenden Vorgängers beinahe als Formsache erscheint. Mag Söder zwar immer noch nicht in der Staatskanzlei sitzen und auf unbestimmte Zeit auch noch nicht in der Parteizentrale - an diesem Aschermittwoch hat er emotional die CSU übernommen. Ob Horst Seehofer das geahnt hat? Jedenfalls hat ihn die Gnade einer Grippe davor bewahrt, das selbst erleben zu müssen, wie Söder abräumt.

Söders 74-minütige Rede ist eine Kampfansage an die AfD. Und zwischen den Zeilen Kritik an Angela Merkel, die namentlich nicht vorkommt. Es sei ein Fehler gewesen, zu lange auf die Strauß-Strategie nicht gehört zu haben, wonach rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Partei entstehen dürfe. Und seinen Vorschlag, eine Amtszeitbegrenzung von zehn Jahren in die Verfassung zu schreiben, sieht Söder nicht nur als "gut für Bayern", sondern ausdrücklich auch als "Signal für Deutschland". So viel zu einer Kanzlerin im dreizehnten Amtsjahr. Merkel-Kritiker klatschen besonders laut. Es sind nicht wenige.

Nun sei er wieder "hier in meinem Revier", hat Söder eingangs gerufen. Jubel bekommt er für die Ansage, in Bayern keine "Berliner Verhältnisse" zu wollen. Großen Jubel erntet er für die Feststellung, dass die Balance nicht mehr stimme zwischen Leistungen für Flüchtlinge und denen für die einheimische Bevölkerung. Und als er ruft: "Wer nicht anerkannt ist, muss zurück in seine Heimat und...", geht der Rest im zustimmenden Getöse unter.

Diese Grundstimmung buchstabiert Söder weiter durch - bis hin zur Ankündigung, die christliche Prägung in der Verfassung zu verankern, da der Islam kulturgeschichtlich nichts mit Bayern zu tun habe. Als Zusammenfassung mag die Feststellung stehen, Konservative müssten das Original wählen, die AfD sei keine Ersatz-Union; wer sich für sie entscheide, bekomme eine schwache SPD in der Regierung.

Ach, die SPD. Söder macht sich nur ein wenig mitleidig lustig über deren Chaosstunden. Aber Scheuer verhöhnt Martin Schulz als "Draußenminister", nennt SPD-Vize Ralf Stegner einen "linken Spinner". Der CSU-General lässt es so krachen, als rechne er nicht damit, in anderthalb Monaten mit der SPD am Kabinettstisch zu sitzen. Und doch enthüllt Söder diese Personalie beim Aschermittwoch: So wie Scheuer eine gute Rede gehalten habe, werde er auch ein guter Bundesminister sein. Dabei hatte sich Seehofer die Bekanntgabe für den 5. März vorbehalten. Das hat Söder nun bereits übernommen. Auch das.