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Gesellschaftskunde
Religiöse Feste sollten nicht der Abgrenzung dienen, sondern Interesse wecken.

Es wird in diesen Tagen ja wieder viel gesprochen über die Frage, was die deutsche Kultur ausmacht. Oft wird dann das Reizwort der Leitkultur ausgepackt - und löst zuverlässig die bekannten Reflexe aus: Statt darüber nachzudenken, was unser Zusammenleben bestimmt, worauf es basiert, wie es sich verändert, geht es dann schnell um Ausgrenzung.

Oder darum, die Frage nach der spezifisch deutschen Kultur als bieder abzutun, weil der moderne Zeitgenosse ja ohnehin in aller Welt zuhause ist und sich seine Kultur im globalen Dorf zusammenstückelt. Allerdings wächst der Überdruss an den bekannten Streitmustern. Und so taucht in aktuellen Debatten nun häufiger der Begriff der "kulturellen Ressource" auf. Der ist zwar weniger griffig, macht aber deutlich, dass Kultur etwas ist, aus dem Menschen schöpfen. Das also nähere Betrachtung verdient. Zugleich ist eine kulturelle Ressource nichts, das im Besitz einer bestimmten Gruppe ist. Oder allein dazu gedacht wäre, dem Einzelnen bei der Konstruktion seines Selbstbildes zu dienen. Kulturelle Ressourcen werden gemeinsam geschaffen, sind weder fix, noch exklusiv - und sie können veröden.

Darum ist es so wichtig, Traditionen wie Umzüge zu St. Martin, Osterfeuer oder die heutigen Fronleichnamsprozessionen zu begehen - im Wissen um ihren christlichen Gehalt und ihre Geschichte. Sie sind Teil unserer kulturellen Ressource, auch wenn sie nicht von allen begangen werden. Und zugleich ist Offenheit gefordert gegenüber anderen Traditionen, die eine Bereicherung dieser Ressource werden können, wenn es Austausch über Sinn und Herkunft gibt. Viele Muslime in diesem Land begehen gerade Ramadan. Sie fasten als Zeichen der Gottgefälligkeit. Darüber, was das in modernen Zeiten bedeutet, lässt sich etwa diskutieren. In gegenseitigem Respekt. Und mit echtem Interesse.

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(RP)