Jeder zweite Facharzt geht demnächst in Rente

Kostenpflichtiger Inhalt: Aus dem Archiv September 2019 : Jeder zweite Facharzt geht demnächst in Rente

Bis 2023 wird die Zahl an Augen-,  Hals-Nasen-Ohren-Ärzten und Co. drastisch sinken. Patienten werden das massiv spüren, prophezeit ein Experte.

Patienten warten monatelang auf den Termin beim Spezialisten, in Dörfern verwahrlosen Praxen, der Weg zum Kinderarzt zählt einige Kilometer mehr als früher, Operationen werden auf die lange Bank geschoben: Geht es nach dem Trierer Günther Matheis, müssen sich die Rheinland-Pfälzer auf einen massiven Mangel an Fachärzten einstellen. Der Chef der Landesärztekammer prophezeit: „Die Ausmaße, die wir jetzt bereits bei den Hausärzten spüren, werden wir in den nächsten Jahren besonders bei den Fachärzten erleben.“ Der große Unterschied: In der Peripherie des Landes werden die Wege dort noch weiter sein als bei den Hausärzten, wo wir eine ganze Armada von Programmen auf den Weg bringen und immer noch flächendeckender aufgestellt sind“, mahnt Matheis.

Im Land gehen nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung bis 2023 1987 Fachärzte – und damit 55 Prozent – in den Ruhestand. In der Region Trier sind es 307. Im Eifelkreis Bitburg-Prüm legen alleine 68 Prozent aller Kräfte den Kittel nieder. In der Masse trifft der Mangel aber nicht nur den ländlichen Raum, sondern auch die Stadt Trier, wo sich in den kommenden vier Jahren 134 Fachärzte in den Ruhestand verabschieden (siehe Extra). Die Nachwuchssorgen treffen Augenärzte, Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, genauso aber operative Fächer wie die Chirurgie, für die Matheis eine „Werbetour“ der Kammer ankündigt.Der Trierer fordert, den Rheinland-Pfälzern reinen Wein einzuschenken und ihnen einen Wandel in der fachärztlichen Versorgung zu vermitteln. „Die Politik muss den Menschen die Wahrheit sagen. Die Leute müssen sich darauf einstellen, dass nicht mehr jede Behandlung an jedem Ort zu jeder Zeit möglich ist“, sagt Matheis. Ähnlich sieht es die Kassenärztliche Vereinigung in Rheinland-Pfalz: Der Mangel an Fachärzten stelle größere Anforderungen an die Mobilität der Patienten und an die entsprechenden Angebote, die Gemeinden ihren Bürgern machen, sagt ein Sprecher. Heißt: Gebiete, in denen es in unmittelbarer Reichweite an Fachärzten fehlt, brauchen künftig mehr öffentlichen Nahverkehr oder Modelle wie Bürgerbusse, damit Einwohner ohne Auto zum Spezialisten kommen. Matheis rät Kommunen, die händeringend auf der Suche nach Ärzten sind, auch zu mehr Kreativität. „So wie der evangelische Pastor ins Pfarrhaus einzieht und dort alle Gebetsbücher parat liegen hat, können sie Ärzte mit einer Wohnung und der gesamten medizinischen Infrastruktur locken“, schlägt er vor.

Wie sehen die Rezepte in den Praxen aus, um den Mangel zu beheben? Sie gleichen oft dem Umgang mit der Hausärzte-Not. Wer auf dem Land arbeiten will, kann in Rheinland-Pfalz von Niederlassungsprämien profitieren, die bei bis zu 60 000 Euro liegen. Fachärzte arbeiten zunehmend in Gemeinschaftspraxen zusammen. Der Grad der Kooperation liege bereits jetzt bei rund 60 Prozent, die Versorgung konzentriere sich „überdurchschnittlich in Ballungsräumen und zentralen Orten“, teilt das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium mit. Wer junge Mitarbeiter begeistern will, müsse attraktive Weiterbildungen und Arbeitszeiten anbieten, sagt Günther Matheis. „Ich versinke im Boden, wenn mein Sohn sagt: ,Du warst früher nie für mich da.‘ Die Dienstpläne heute müssen viel familienfreundlicher sein, sonst machen junge Menschen da nicht mehr mit.“

Laut dem Gesundheitsministerium beschäftigt sich eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe derzeit auch gezielt mit der Frage, inwieweit in ländlichen Räumen die Krankenhäuser in die fachärztliche ambulante Versorgung eingebunden werden sollen. Das Klinikum Mutterhaus in Trier stellt sich bereits auf den Wandel ein, rechnet damit, dass „medizinische Fachkräfte sich wohl eher in Ballungsgebiete und generell zu größeren Krankenhäusern orientieren“. Die Kehrseite der Medaille: Dabei bestehe die Gefahr, dass Krankenhäuser der Grundversorgung „personell ausgedünnt werden und somit in Teilen der Patientenversorgung nicht flächendeckend gesichert sind“. In der Region bestehe zusätzlich die Konkurrenz durch die guten Lohnzahlungen in Luxemburg. Und auch an einem großen Klinikum wie dem Trierer Mutterhaus geht der Fachkräftemangel nicht spurlos vorüber. Einen Schrecken versetzte das Krankenhaus der Region Ende 2018 mit der Hiobsbotschaft, vorübergehend keine Patienten mehr stationär auf der Kinderkrebsstation aufnehmen zu können. Unter anderem hatten Ärzte das Haus verlassen. Die Klinik sucht nach neuen Kräften – bei Fachmedizinern und Pflegern. „Nach wie vor sind wir im hochspezialisierten Bereich der Kinderonkologie mit großem Engagement auf der Suche nach Kinderärzten mit entsprechender onkologischer Zusatzqualifikation, um die stationäre Versorgung wieder aufnehmen zu können“, teilt eine Sprecherin mit.

Um Arbeitskräfte anzusprechen, muss das Mutterhaus moderne Wege gehen – wie über die sozialen Netzwerke. Die Klinik wirft auch einen Blick über die Landesgrenzen hinaus. Im Oktober werde das Haus in Italien Pflegekräfte ansprechen, um ihnen einen Wechsel nach Trier schmackhaft zu machen. „Italien ist deswegen interessant für uns, da es dort gut qualifizierte Fachkräfte und mehr Bewerber als Stellen gibt.“ Günther Matheis warnt dagegen davor, anderen Ländern Ärzte und Pfleger abzuwerben. In Drittstaaten sei die Ausbildung oft „defizitär“, in nordafrikanischen Staaten nähere sich die ärztliche Versorgung „der x-Achse, was kranke Menschen dort vor riesige Probleme stellt“. Er fordert, die Medizinstudienplätze in Mainz aufzustocken. Der Trierer weiß aber: „Wir befinden uns in einer Situation, in der wir das System an Ärzten von unten erst wieder auffüllen müssen. Das dauert viele Jahre.“

Mehr von Volksfreund