| 15:32 Uhr

Gewalt in Israel
Tote bei neuen Zusammenstößen an Grenze zum Gazastreifen

Ein palästinensischer Protestler in Hebron gibt einem brennenden Reifen einen Tritt.
Ein palästinensischer Protestler in Hebron gibt einem brennenden Reifen einen Tritt.
Jerusalem . Bei neuen massiven Protesten an der Grenze zu Israel sind am Freitag im Gazastreifen zwei Palästinenser getötet und 250 weitere verletzt worden. Ein Sprecher der palästinensischen Gesundheitsbehörde teilte mit, mehrere Menschen seien lebensgefährlich verletzt worden.

Nach Angaben der israelischen Armee waren rund 10.000 Palästinenser an Protesten und Ausschreitungen entlang der Grenze beteiligt. Sie verbrannten Autoreifen und schleuderten Steine in Richtung Israel. Dichter schwarzer Rauch stieg an zahlreichen Orten auf.

Die radikalislamische Hamas hatte vor einer Woche den "Marsch der Rückkehr" gestartet, insgesamt sollen die Proteste sechs Wochen andauern. Beim schlimmsten Ausbruch der Gewalt seit 2014 sind bisher 24 Palästinenser ums Leben gekommen.

Anlass der Proteste ist der 70. Jahrestag der Gründung Israels. Die Palästinenser sehen sie als Katastrophe an, weil 1948 Hunderttausende Palästinenser fliehen mussten oder vertrieben wurden. Sie pochen auf ein "Recht auf Rückkehr". Israel lehnt dies ab.

Palästinenser errichten "Rauchwand"

Mit dem Verbrennen Tausender Reifen erzeugten die Palästinenser an mehreren Orten eine "Rauchwand". Ziel war es, Scharfschützen auf der israelischen Seite der Grenze die Sicht zu erschweren. Israels Armee wirft der im Gazastreifen herrschenden Hamas vor, sie wolle im Schutz der Rauchschwaden Anschläge an der Grenze verüben.

Israels Armee erklärte das Grenzgebiet zum Gazastreifen am Freitag zum militärischen Sperrgebiet. Die Truppen setzten Mittel zur Bekämpfung von Unruhen ein, hieß es in der Mitteilung. Schüsse würden gemäß klarer Einsatzregeln abgefeuert. Israels Militär werde es nicht zulassen, dass der Grenzzaun beschädigt wird.

Die palästinensischen Aktivisten trugen beim Verbrennen der Autoreifen einen Mundschutz. Israel hat vor schweren Umwelt- und Gesundheitsschäden durch die Aktion gewarnt.

Reifen enthalten Kautschuk, Metalle, Schwefelverbindungen und andere Stoffe, die beim Verbrennen gesundheitsschädliche Substanzen bilden. So entstünden etwa Feinstaub, Rußpartikel und Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), erläuterte Joachim Wuttke vom Umweltbundesamt. Viele PAK seien krebserregend. "Der Feinstaub kann zudem andere Schadstoffe wie Schwefeldioxid mit in die Lunge transportieren, was dann Verätzungen hervorrufen kann" sagte Wuttke - so etwas sei auch beim Londoner Smog 1952 geschehen.

Am Karfreitag waren bei Konfrontationen 18 Palästinenser getötet worden, zwei starben später an ihren Verletzungen. Israelische Soldaten schossen nach Armeeangaben gezielt auf palästinensische Rädelsführer - die meisten der Getöteten waren nach israelischen Angaben militante Palästinenser.

Internationale Kritik an Israels Vorgehen

UN-Generalsekretär António Guterres forderte von allen Beteiligten Zurückhaltung. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (ICRC) äußerte sich besorgt über die hohen Opferzahlen. Rund 1750 Palästinenser sind nach Angaben der Gesundheitsbehörde seit Karfreitag verletzt worden, viele durch Tränengas. Das UN-Menschenrechtsbüro teilte mit, es gebe "starke Hinweise" darauf, dass die israelischen Sicherheitskräfte übertriebene Gewalt eingesetzt hätten. Guterres hatte eine Untersuchung der tödlichen Gewalt gefordert.

Die Hamas wird von den USA, der EU und Israel als Terrororganisation eingestuft. Sie bestreitet das Existenzrecht Israels und fordert die gewaltsame Errichtung eines islamischen Palästinas vom Mittelmeer bis zum Jordan.

(felt)