| 17:48 Uhr

Antisemitismus
Ohne Kippa auf die Straße

Ein Mann mit Kippa, auf der ein Davidsstern eingenäht ist.
Ein Mann mit Kippa, auf der ein Davidsstern eingenäht ist. FOTO: Fredrik von Erichsen / dpa
Paris. In Frankreich sind Juden stärker antisemitischer Gewalt ausgesetzt als anderswo.

Roger und Mireille Pinto werden den 8. September 2017 nie vergessen. Das Rentnerpaar wurde in seinem Haus im Pariser Vorort Livry-Gargan gefesselt und geschlagen, bevor die Angreifer mit Geld, Kreditkarten und Schmuck verschwanden. „Sie haben zu uns gesagt: Ihr seid Juden, ihr habt Geld“, erinnert sich Roger Pinto im Fernsehen an den Schreckenstag. Seine Frau zeigt das Chaos in ihrem Kleiderschrank, das die Täter auf der Suche nach einem Safe hinterließen. Sie hatte noch nicht die Kraft, die Spuren zu beseitigen. „Dabei haben wir nicht einmal einen Safe.“

Die Pintos sind nicht die einzigen, die in den vergangenen Monaten Opfer eines antisemitischen Angriffs wurden. Der brutalste Fall war der von Sarah Halimi, die im April von ihrem Angreifer nachts in ihrer Wohnung im Pariser Stadtteil Belleville misshandelt und dann mit dem Ruf „Allah Akbar“ aus dem Fenster des dritten Stocks geworfen wurde. Wochenlang sorgte der tödliche Überfall kaum für Schlagzeilen. Der Täter wurde schnell in die Psychiatrie eingewiesen, bevor die Staatsanwaltschaft dann doch den antisemitischen Hintergrund anerkannte.

335 antisemitische Taten zählte das Innenministerium im vergangenen Jahr – deutlich weniger als noch 2015. Doch noch immer sind die Juden, die ein Prozent der französischen Bevölkerung ausmachen, Opfer von rund 30 Prozent der rassistisch motivierten Angriffe. Ein Vergleich der politischen Stiftung Fondapol von sieben europäischen Ländern kam im September zu dem Schluss, dass die französischen Juden am stärksten antisemitischer Gewalt ausgesetzt sind. Dabei lebt ausgerechnet in Frankreich die größte jüdische Gemeinde Europas mit rund 500 000 Mitgliedern.

Frankreich hat auch die meisten Muslime in Europa – rund fünf Millionen. Das führt gerade in der Banlieue rund um die Großstädte zu Problemen. „Der gewalttätige Antisemitismus geht zum Großteil von der muslimischen Gemeinde aus“, sagt Francis Kalifat. Der Präsident des jüdischen Dachverbandes CRIF spricht das aus, was sonst kaum einer zu sagen wagt – aus Sorge, das ohnehin komplizierte Zusammenleben der Religionen noch weiter zu gefährden. „Man muss damit aufhören, sich hinter diese intolerante Minderheit zu stellen“, fordert die Philosophin Elisabeth Badinter. Sie prangert als eine der wenigen im Magazin Express das Schweigen nach dem Tod Halimis an. „Die Stimmen, die sich erheben, werden seltener. Deshalb sage ich meinen Landsleuten: Lasst die Juden ihren Kampf nicht alleine führen.“

Beispiel Garges-Lès-Gonesse, eine Vorstadt im Norden von Paris. Die Synagoge liegt dort mitten zwischen Wohnblocks. Geschützt durch einen grünen Zaun, der schon vielfach übermalt wurde, weil immer wieder neue antisemitische Parolen darauf geschmiert wurden. „Die Leute werden oft bedroht, aber keiner erstattet Anzeige“, berichtet der Vorsitzende der Synagoge, Alain Bensimon, der Zeitung Le Monde. Auch Kalifat weist darauf hin, dass die Statistik nur die antisemitischen Handlungen erfasst, die auch angezeigt werden. „Es gibt aber auch den alltäglichen Antisemitismus, den die Juden erleben, die in den Problemvierteln rund um Paris wohnen“, sagt der CRIF-Vorsitzende. „In manchen Orten in Frankreich ist es unmöglich, mit der Kippa auf die Straße zu gehen.“

Kalifat sieht die französischen Juden neben dem muslimischen Antisemitismus auch dem „klassischen“ Antisemitismus der Rechtsextremen ausgesetzt, wie er im Front National vorkommt. „Der Front National ist für uns eine geächtete Partei, denn rund um ihn finden wir all die Nostalgiker der Nazi-Besatzung Frankreichs“, sagt der 65-Jährige. Die von FN-Chefin Marine Le Pen propagierte „Reinigung“ von dem alten rechtsextremen Gedankengut überzeugt den CRIF nicht. Doch auch die extreme Linke wird von dem einflussreichen Dachverband abgelehnt. „Sie ist Träger eines neuen Antisemitismus, nämlich des Hasses auf Israel.“

In den vergangenen Jahren verließen viele französische Juden ihre Heimat, um nach Israel auszuwandern. Die massenweise „Aliyah“ begann nach dem Anschlag auf die jüdische Schule 2011 in Toulouse und erreichte ihren traurigen Rekord 2015 mit 7900 jüdischen Emigranten. „Seit dem Anschlag von Toulouse waren die Juden Ziele“, bemerkt Kalifat. „Doch mit dem Angriff auf das Bataclan 2015 hat sich das geändert, denn plötzlich ist ganz Frankreich zur Zielscheibe geworden.“ Die Zahl der Auswanderer ging danach zurück und lag im vergangenen Jahr bei rund 5000.

Roger und Mireille Pinto wollen ihr Einfamilienhaus in Livry-Gargan verlassen. Aber vorher will Roger Pinto noch gegen seine mutmaßlichen Angreifer aussagen, die die Polizei diese Woche festnahm. „Sie sollen für das, was sie uns angetan haben, zur Rechenschaft gezogen werden.“