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Luftschlag gegen Syrien
Wie reagiert jetzt Putin?

Russlands Präsident Wladimir Putin. (Archiv)
Russlands Präsident Wladimir Putin. (Archiv) FOTO: ap, AZ
Moskau. Für Russlands Präsidenten steht angesichts der neuen Luftschläge der USA auf Syrien viel auf dem Spiel. Nicht zu reagieren hieße, der Welt gegenüber einzugestehen, dass Russland doch keine Supermacht ist. Hochrangige Diplomaten drohen mit Konsequenzen.

Die USA, Großbritannien und Frankreich hatten in der Nacht zum Samstag drei Ziele in Syrien als Vergeltung für den mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz bei einem Angriff in Duma bei Damaskus attackiert, für den sie die Regierung von Präsident Baschar al-Assad verantwortlich gemacht haben. Die Assad-Regierung, dessen wichtigster Verbündeter Russland ist, streitet die Vorwürfe ab, Chemiewaffen gegen Zivilisten eingesetzt zu haben.

"Es ist unser Präsident, der über das Schicksal der Welt entscheidet", sagte der Rechtspopulist Wladimir Schirinowski über Putin im russischen Staatsfernsehen, bevor es zu dem Militärschlag der Westmächte in Syrien gekommen war. "Wir dürfen nicht riskieren, unser Gesicht zu verlieren", sagte der Militärexperte Michael Chodarenok.

Dass Putin nicht davor zurückschreckt, mit militärischer Gewalt Fakten zu schaffen, ist spätestens seit Beginn der Krise in der Ukraine bekannt. Nach dem Sturz der vom Kreml unterstützten Regierung in Kiew ließ er seine Soldaten 2014 die Halbinsel Krim besetzen und unterstützt bis heute die Separatisten im Osten des Landes.

Harte Linie in der Krimkrise

Später sagte Putin, er sei angesichts der Spannungen in der Ukraine bereit gewesen, für den Fall einer "besonders negativen Entwicklung" die russischen Nuklearstreitkräfte in Alarmbereitschaft zu versetzen.
Zudem betonte er, er habe den Westen gewarnt, dass Russland bereit sei, für die Krim zu kämpfen. Die USA und die EU ließen es damals nicht darauf ankommen und reagierten stattdessen mit wirtschaftlichen Sanktionen. Eine Kursänderung des Kremls blieb jedoch aus.

Als 2015 dann die Assad-Regierung kurz vor dem Zusammenbruch zu stehen schien, setzte Putin erneut auf militärische Gewalt. Aleppo und andere syrische Städte unter Rebellenkontrolle wurden fortan von russischen Kampfjets bombardiert. Assad gewann wieder die Oberhand.
Innerhalb weniger Monate mussten viele der Rebellen aufgeben.

"Niemals jemanden in die Enge treiben"

In russischen Dokumentationen sprach Putin zuletzt von Erinnerungen an die eigene Jugend in einem Arbeiterviertel im früheren Leningrad, dem heutigen St. Petersburg. "Auf den Straßen von Leningrad habe ich vor 50 Jahren gelernt: Wenn ein Kampf unvermeidbar ist, musst du zuerst zuschlagen", sagte er.

Eine andere der vom Präsidenten zum Besten gegebenen Episoden ist gerade angesichts der aktuellen Entwicklungen in Syrien bezeichnend:
Im Eingangsbereich seines heruntergekommenen Mietshauses stand Putin nach eigenen Angaben einmal einer Ratte gegenüber. Als er sie in eine Ecke gedrängt habe, sei sie plötzlich auf ihn losgegangen. "Sie rannte auf mich zu und jagte mich, sprang von einem Treppenlauf zum anderen und schnappte sogar nach meiner Hand", berichtete der Präsident in einem Interview. "Man sollte niemals versuchen, jemanden in die Enge zu drängen."

Nach dem Wahlsieg von Donald Trump schien sich Putin zunächst Hoffnungen auf ein besseres Verhältnis zu den USA zu machen. Als vor einem Jahr der damals neue US-Präsident als Reaktion auf einen mutmaßlichen Einsatz chemischer Waffen einen syrischen Militärflughafen angreifen ließ, beließ es Moskau bei verbalen Protesten. Inzwischen sind die Beziehungen der beiden Länder aber so schlecht wie seit vielen Jahren nicht mehr - nicht zuletzt wegen der anhaltenden Ermittlungen zur russischen Einmischung in den US-Wahlkampf 2016.

"Inakzeptabel und unzulässig"

Wie wird Putin also auf die Militärangriffe in Syrien reagieren?
"Derartige Aktionen werden nicht ohne Konsequenzen bleiben", schrieb der russische Botschafter in den USA, Anatoli Antonow, am frühen Samstagmorgen auf Twitter. Washington, London und Paris seien allein dafür verantwortlich. Zudem erklärte Antonow: "Den Präsidenten Russlands zu beleidigen, ist inakzeptabel und unzulässig."

Bereits im März warnte Waleri Gerassimow, Generalstabschef der russischen Streitkräfte, dass ein US-Angriff auch russisches Militärpersonal in Syrien gefährden würde. Ein Gegenangriff Russlands werde sich daher nicht nur gegen die amerikanischen Raketen richten, sondern auch gegen die Schiffe oder Flugzeuge, von denen aus sie abgeschossen würden, sagte er.

Als Trump nach dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz Assads vom 7.
April per Twitter mit Raketenangriffen drohte, verließen mehrere russische Kriegsschiffe den Hafen der syrischen Stadt Tartus. Nach Angaben des Vorsitzenden des Verteidigungsausschusses im russischen Parlament, Wladimir Schamanow, geschah dies, um die Schiffe vor einem möglichen Angriff in Sicherheit zu bringen.

Warnungen vor "nuklearem Abgrund"

Auf dem nördlich von Tartus gelegenen Luftwaffenstützpunkt Hemeimim sind mehrere Dutzend russische Kampfjets stationiert. Zudem soll Moskau zum Schutz der Küste Luftabwehrraketen mit einer Reichweite von bis zu 450 Kilometern vor Ort haben. Im Falle einer militärischen Eskalation könnte Russland darüber hinaus auf die Nutzung von Militärflughäfen des Verbündeten Iran hoffen, von denen aus Syrien schneller zu erreichen wäre als vom eigenen Staatsgebiet aus.

Während der Tonfall in den russischen Medien aggressiv ist, stimmte der russische Politiker Alexej Puschkow mildere Töne an. Ein atomarer Konflikt müsse unbedingt vermieden werden, sagte der Vorsitzende des auswärtigen Ausschusses in der Staatsduma - und verwies auf die Potenziale der konventionellen Waffen des Landes. "Wir müssen unsere Verbündeten in Syrien schützen, ohne dabei in den nuklearen Abgrund zu stürzen."

(csi/ap)