Siegen oder fliegen: Für Jogis Jungs geht es gegen Schweden um alles

Fußball-Weltmeisterschaft : Siegen oder fliegen: Für Jogis Jungs geht es gegen Schweden um alles

Das zweite Spiel in der WM-Vorrunde ist für Deutschland ein Endspiel – dem Weltmeister droht das frühzeitige Aus. Der Bundestrainer sagt: Wir schaffen das. Die Fans sind verunsichert.

Hängepartie in Berlin, Hängepartie bei der Fußball-WM. Für Deutschland läuft es derzeit nicht rund. Und auch bei der Stimmung unter den Fans ist noch Luft nach oben, um im Sportjargon zu bleiben. Angesichts der Niederlage gegen Mexiko und der dramatischen Ausgangslage vor dem Spiel gegen Schweden am heutigen Samstag in Sotschi am Schwarzen Meer (20 Uhr, ARD)  verwundert das nicht. Aber die Gründe reichen tiefer.

Jede Titelverteidigung ist von vornherein psychologisch schwierig. Denn das, was man unbedingt wollte, hat man ja bereits bekommen. Nun will man es noch einmal. „Und dieses Recycling hat nicht mehr die gleiche Aura“, erläutert Stephan Grünewald, Psychologe und Leiter des Marktforschungsinstituts Rheingold in Köln. „Das kennt man von sich selbst. Und auch bei den Spielern scheint dieser Hunger, diese Erfolgsgeilheit eben nicht mehr so gegeben zu sein.“

Grünewald ist davon überzeugt, dass sich sogar die aktuelle politische Lage in Berlin direkt auf die Befindlichkeiten der Fans und der Nationalelf auswirkt. „Das Land befindet sich derzeit nicht gerade in einer Aufbruchstimmung“, meint er. „Selbst die Notlösung große Koalition ist gerade dabei, sich zu zerlegen. Solche übergreifenden Stimmungslagen strahlen auch immer auf den Fußball aus.“

Noch komplizierter wird die Gemengelage durch den AfD-Faktor. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth hat kürzlich in einem Interview vor einer „nationalen Selbstbeweihräucherung“ gewarnt. „Feiern ja, Nationalismus nein.“ Ist Fahnenschwenken samt entsprechender Kriegsbemalung also schon wieder tabu?

Früher war die Sache klar: Euphorie ja, Patriotismus eher nein, denn der konnte ja wieder in Fanatismus umschlagen. Dann kam das Sommermärchen von 2006, die große nationale Lockerungsübung, und plötzlich war das „Schland-Gefühl“ – benannt nach akustisch verzerrten „Deutschlaaand“-Gesängen – unverdächtig. Diese Unschuld ist jetzt aber zumindest ein Stück weit wieder verloren gegangen, weil die Nationalflagge verstärkt für Deutschtum reklamiert wird.

Festzuhalten bleibt: Die WM-Stimmung in Deutschland ist  bislang äußerst verhalten. Vielleicht  kann ein gutes Spiel gegen die Schweden das ändern – und vor allem ein Sieg für das Team von Jogi Löw. Sonst wäre die WM womöglich vorbei, bevor sie richtig begonnen hat. Das deutsche Lager verbreitet Zuversicht, die goldene Generation um Neuer, Kroos und Müller will nicht als gescheiterte Weltmeister in die Geschichte eingehen. Und der Bundestrainer bemüht die Merkel’sche Mentalität: „Wir schaffen das“.