Vorsitzender des Bundesausschusses spricht über Einsparungen im Gesundheitswesen

Serie Hauptsache gesund : „Ich darf keinen Arzt zwingen, sich auf dem Land niederzulassen“ - Interview mit Chef des Bundesausschusses im Gesundheitswesen

Der Vorsitzende des Gemeinsamen Bundesausschusses spricht über mögliche Einsparungen im Gesundheitswesen und die Herausforderungen der Zukunft. Das Gremium legt fest, welche Leistungen von den Krankenkassen bezahlt werden.

() Wird im Gesundheitswesen an den falschen Stellen gespart? Wer bestimmt, welche Leistungen von den Krankenkassen übernommen werden? Darüber hat unser Redakteur Bernd Wientjes mit Josef Hecken gesprochen.

Herr Hecken, die Bertelsmann-Stiftung fordert eine deutliche Reduzierung der Zahl der Krankenhäuser, um die medizinische Versorgung in Deutschland zu verbessern. Haben wir zu viele, zu schlechte Kliniken in Deutschland?

JOSEF HECKEN Bertelsmann ist für mich kein Maßstab: Man muss zwischen Grund- und Spezialversorgung unterscheiden. Wir brauchen für die Grundversorgung geeignete Krankenhäuser, die überall in erreichbarer Nähe sein müssen. Daneben muss es Häuser geben, die auf die Behandlung schwerer und komplexer Erkrankungen spezialisiert sind. Aus der Perspektive der Patientinnen und Patienten ist es höchst sinnvoll, sich zur Behandlung schwerer Erkrankungen in die Obhut von Spezialkliniken zu begeben und nicht in das nächst liegende Krankenhaus. Dass es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl von komplexen Operationen und deren Qualität gibt, ist erwiesen.

Sind kleine Krankenhäuser überhaupt noch rentabel? Wie kann deren Überleben gesichert werden?

HECKEN Ich fordere nicht eine undifferenzierte und rasenmäherartige Schließung von Kliniken auf dem Land. Das wäre im Bereich der Grundversorgung sogar völlig falsch, denn immer mehr ältere Menschen brauchen stationäre Versorgungsangebote bei der Inneren Medizin, der allgemeinen Chirurgie und durch Schlaganfall-Einheiten in erreichbarer Nähe, damit sie im Notfall auch schnell stabilisiert und behandelt werden können. Weil das so ist, hat der Gemeinsame Bundesausschuss bei der Notfallversorgung maximale Wegezeiten festgelegt. In vielen Bereichen, vor allem in Ballungsräumen, gibt es aber zu viele defizitäre Versorgungsangebote. Daher ist ein Strukturwandel nötig, der die medizinische Grundversorgung der Menschen durch eine kluge Verzahnung von ambulanten und stationären Angeboten sichert.

 Auch bei den Ärzten sehen Sie eine Überversorgung. Wollen Sie, dass Patienten in der Eifel oder im Hunsrück künftig einen halben Tag unterwegs sind, um zum nächsten Arzt zu kommen?

HECKEN Nein! Das ist nicht so. Ich kenne doch die Versorgungsrealität.

Auf dem Land haben wir viel zu wenig Ärzte, vor allem Hausärzte. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat im Mai neue Regeln für die wohnortnahe ärztliche Bedarfsplanung beschlossen. Nach Umsetzung des Beschlusses gibt es bundesweit 3470 neue Niederlassungsmöglichkeiten, zusätzlich zu den heute rund 3440 offenen Niederlassungsmöglichkeiten. Das sind 7000 offene Arztsitze! Von den neuen Niederlassungsmöglichkeiten entfallen 1446 auf Hausärzte, rund 776 auf Psychotherapeuten, 476 auf Nervenärzte und 401 auf Kinder- und Jugendärzte. Wir haben bei der Weiterentwicklung der Bedarfsplanung erstmals auch explizit die Erreichbarkeit von Haus-, Kinder-, Augen- und Frauenärzten als Prüfkriterium festgelegt. Dies zusammen stärkt auch die Versorgung in ländlichen Regionen – vorausgesetzt, es gibt genügend Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, die sich auf dem Land niederlassen wollen.

Was muss getan werden, um das zu ändern?

HECKEN Ich habe zum Beispiel im Mai die 1446 neuen Hausarztsitze zugelassen, am Tag des Beschlusses waren aber schon über 2800 Sitze in ländlichen Gebieten unbesetzt, weil viele Ärztinnen und Ärzte nicht aufs Land wollen. Hierfür, beispielsweise vonseiten der Kommunen, Anreize zu schaffen und zu motivieren, ist ganz wichtig. Einige Bundesländer haben auch Landarztprogramme beschlossen, die sehr gut sind und motivieren, aufs Land zu gehen. Die beste Planung kann nicht dafür sorgen, dass sich Ärztinnen und Ärzte gegen die Niederlassung in attraktiven Großstädten – dort haben wir es in der Tat mit Überversorgung zu tun – entscheiden und aufs Land ziehen. Ich darf rechtlich keinen Arzt zwingen, sich auf dem Land niederzulassen, es geht nur über Anreize.

Viele haben den Eindruck, dass es Ihnen und dem Gemeinsamen Bundesausschuss nur darum geht, ständig Leistungen zu reduzieren. Trügt der Eindruck?

HECKEN Ja, der Eindruck ist völlig falsch. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn Sie etwa die vergangenen drei Jahre anschauen, haben wir zahlreiche Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in den Leistungskatalog aufgenommen – darunter neue Früherkennungsuntersuchungen für Neugeborene, Ultraschall­screening auf Bauchaortenaneurysma, Thulium-Laserresektion zur Behandlung des bösartigen Prostatasyndroms und vieles mehr. Dazu kamen extrem teure Medikamente mit Jahrestherapiekosten pro Patient von mehreren Hunderttausend Euro, etwa bei Krebserkrankungen, bei Blutern oder bei seltenen Erkrankungen. Wir geben pro Jahr allein in der Gesetzlichen Krankenversicherung über 230 Milliarden Euro für Krankenhäuser, Ärzte, Arzneimittel sowie Heil- und Hilfsmittel aus. Das sind mehr als 630 Millionen pro Tag. Wenn ich die Ausgaben der Privaten Krankenversicherung, der Beihilfe und anderer Träger dazurechne, dann kommen wir auf Tagesausgaben von über einer Milliarde Euro, im Jahr mehr als 370 Milliarden Euro. Das sind 30 Milliarden mehr als der ganze Bundeshaushalt.

Aber nicht jede Behandlung wird von den Kassen bezahlt.

HECKEN Der Gemeinsame Bundesausschuss muss mit Blick auf diese Ausgabendimensionen sicherstellen, dass jede neue Leistung wirksam, ausreichend, wirtschaftlich und zweckmäßig ist. Dies gilt nicht nur für Arzneimittel, sondern selbstverständlich auch für Methoden, die im Krankenhaus oder in der ambulanten Versorgung zulasten der Gesetzlichen Krankenversicherung erbracht werden sollen. Diese Aufgaben erfüllt der Bundesausschuss auf der Grundlage von wissenschaftlichen Studien und trägt damit dazu bei, dass Versicherte und Patientinnen und Patienten vor unnötigen und schädlichen Behandlungen geschützt werden.

Wo gibt es im Gesundheitssystem Einsparmöglichkeiten?

HECKEN Wir leisten uns derzeit noch teure Doppelstrukturen. Durch eine kluge Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung ließe sich hier durch die Vermeidung von unnötigen Mehrfachuntersuchungen Geld einsparen, was im Übrigen ja auch für die Patientinnen und Patienten vorteilhaft wäre. Weiteres Einsparpotenzial sehe ich vor allem bei neuen, oft hochpreisigen Arzneimitteln. Die Arzneimittelausgaben sind der zweitgrößte Kostenblock bei den Ausgaben der Gesetzlichen Krankenkassen.

Wo muss mehr Geld in die Hand genommen werden?

 HECKEN Die Herausforderung der Zukunft liegt darin, die immer älter werdenden Menschen bestmöglich zu versorgen mit den zunehmenden Möglichkeiten einer Hochleistungsmedizin. Für mich ist hier ganz entscheidend, dass wir bei allen Behandlungsoptionen die Lebensqualität der Patientinnen und Patienten im Blick behalten, denn manches, was heute gemacht werden kann, ist für einige Patientinnen und Patienten sicher gut, bringt für andere aber außer Nebenwirkungen, Schmerzen und Leidensverlängerung wenig. Wir müssen in solchen Therapiesituationen am Lebensende Patienten und Angehörige viel besser über die Vor- und Nachteile von Therapien aufklären.

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