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Zensurversuche: Diese Bücher sollten 2019 aus US-Bibliotheken verbannt werden

Literatur : Entrechtete Frauen und kindliche Zauberer

Diese Bücher sollten 2019 aus US-Bibliotheken verbannt werden, darunter ein Roman von Margaret Atwood.

(KNA) Die Vereinigung der US-amerikanischen Bibliotheken (ALA) veröffentlicht jedes Jahr im April eine Liste mit jenen Büchern, die am häufigsten aus Schulen oder Bibliotheken verbannt werden sollten. Erstellt wird die Liste vom Office for Intellectual Freedom (OIF) der Bibliotheksvereinigung – in dem Wissen, dass sie keineswegs vollständig ist. Denn ihren Schätzungen zufolge werden 82 bis 97 Prozent aller Versuche, Bücher auf diese Weise zu zensieren, nicht öffentlich.

Acht Bücher der Top Ten für 2019 waren für junge Erwachsene geschrieben und behandelten LGBT-Themen (Homo- und Bisexualität, Transgender und Queer). Wie auch schon 2018 führte der Roman „George“ von Alex Gino die Liste an. Er schildert die Transgender-Erfahrungen eines Mädchens, das von der Umwelt als Junge wahrgenommen wird. Man solle kein Buch in die Hand von Kindern geben, das Diskussionen oder Erklärungen benötige, so ein vielfach angeführter Vorwurf. Außerdem stehe das Buch im Gegensatz zu traditionellen Familienstrukturen und enthalte sexuelle Anspielungen.

Erst auf Platz sieben findet sich ein für Erwachsene geschriebener Roman: „Die Geschichte der Dienerin“ (1985) der kanadischen Autorin Margaret Atwood. Die Vorwürfe hier lauten auf Obszönität, Gotteslästerung und ausdrücklich sexuellen Inhalt. In dem Werk geht es um einen christlich-fundamentalistischen Staat Gilead (ehemals USA), wo Frauen entrechtet und als Gebärmaschinen benutzt werden.

Atwood ist sehr zufrieden, dass sie sich auf der Liste wiederfindet. Nicht, dass ihr Roman noch Werbung benötigte, denn seit der Veröffentlichung ist er zum Klassiker der Weltliteratur geworden und wird in Deutschland im Englisch-Unterricht gelesen. Seit 2017 dient der Roman als Basis für eine sehr erfolgreiche Serie des Streaming-Dienstes Hulu.

In einer Reaktion schreibt die Kanadierin: „Wenn man Schriftsteller ist und einen jeder mag, dann macht man a) etwas falsch oder b) exitiert nicht. Ich bin sehr glücklich, mich in der Gesellschaft der Bibel, Shakespeare, John Bunyan, Lord Byron, Emily Bronte, Gustave Flaubert, James Joyce, Nawal el Sadawi, Angela Carter, Anonymous of A Woman in Berlin und so vielen anderen zu befinden. Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich in einer Demokratie lebe, denn so bin ich nicht im Gefängnis oder werde aus einem Flugzeug geworfen.“

Den neunten Platz auf der Liste nehmen die Harry-Potter-Romane von J. K. Rowling ein, weil sie Magie und Zauberei propagieren. Es ist nicht das erste Mal, das sich die Reihe um den jungen Zauberer mit der markanten Narbe hier wiederfindet. 2000 bis 2009 nahmen die Harry-Potter-Bücher den unangefochtenen Spitzenplatz für die Dekade ein.

Warum Harry Potter auf der Liste der zu verbietenden Bücher landete, macht ein Vorfall von 2019 deutlich. Eine katholische Schule im US-Bundesstaat Tennessee hatte die gesamte Buchreihe aus der Schulbücherei verbannt – wie örtliche Medien berichteten, auf Anraten des Schulpfarrers. Dieser habe zuvor mit mehreren Exorzisten in den USA und in Rom darüber beraten, hieß es. Und man sei zu dem Schluss gelangt, dass die in den Geschichten enthaltenen Flüche und Zaubersprüche ein Risiko für junge Leser darstellen könnten.

Die kanadische Schriftstellerin Margaret Atwood. Foto: dpa/Arne Dedert

Nach Angaben der Bibliotheksvereinigung gab es im vergangenen Jahr 377 Bestrebungen, den Zugang zu bestimmten Büchern oder anderen Materialien in Bibliotheken, Schulen oder Universitäten zu verhindern. Die Zensurforderungen gingen sowohl von Benutzern als auch von Bibliothekaren, Lehrern, Studenten, politischen oder religiösen Gruppen aus. Nicht immer waren sie erfolgreich. Dennoch: Die Top Ten der „Most Challenged Books“ sind die beliebtesten Seiten ihrer Internetpräsenz, so die American Library Association.

(kna)