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Landwirtschaft
Bauernhöfe in der Region suchen nach Stadtkindern

FOTO: Friedemann Vetter
Bitburg/Lissendorf/Mainz . Es fehlen Landwirte, weil der Nachwuchs oft die Nachfolge scheut und die Betriebe wachsen. Landespolitiker wollen jetzt Quereinsteiger mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr locken.
Florian Schlecht

Fachkräfte fehlen besonders auf dem Land in vielen Berufen. In Hausarzt-Praxen gibt es immer weniger Mediziner. Und weil Handwerker rar sind, braucht es oft Monate, bis Arbeiter kaputte Dächer reparieren können. Doch auch, wenn es um die Menschen geht, die Fleisch, Obst und Gemüse auf den Markt bringen, warnt der Vulkaneifeler FDP-Landtagsabgeordnete Marco Weber vor einem massiven Fachkräftemangel – bei den Bauern.

Schon jetzt fehle es Höfen an ausgebildeten Kräften, weil Söhne und Töchter aus eigenen Familien immer seltener die Betriebe übernähmen. Die Folge: Höfe sterben – oder wachsen, weil andere Landwirte die Flächen pachten. Das verschärft wiederum laut Weber nur das Fachkräfteproblem: „Wenn Höfe größer werden, braucht es noch mehr Quereinsteiger außerhalb von Bauernfamilien, die in diesen Betrieben helfen können.“ Rücken diese nicht nach, sieht Weber die Existenz von Höfen in Gefahr – und auch die Versorgung mit regionalen Produkten.

Nach dem Statistischen Landesamt ist die Zahl der Betriebe im Raum Trier von 1991 bis 2016 von 13 796 auf 4463 geschrumpft, die der mehr als 100 Hektar großen Höfe aber von 100 auf 566 gestiegen. Weber geht davon aus, dass sich dieser Strukturwandel fortsetzt. Mit einem Freiwilligen Sozialen Jahr, das die FDP als Regierungspartei für grüne Berufe wie den des Landwirts fordert, will sie nun auch Stadtkinder, die nicht aus einer Bauernfamilie stammen, für den Beruf begeistern. Manfred Zelder, Vizepräsident des Bauernverbandes Rheinland-Nassau, befürwortet den Vorstoß. Es brauche mehr Quereinsteiger in der Landwirtschaft. Diese etablierten sich aber bereits spürbar stärker, sagt der Wittlicher.

Nach Angaben der rheinland-pfälzischen Landwirtschaftskammer schlossen in den vergangenen zehn Jahren 616 Menschen einen Ausbildungsvertrag in der Landwirtschaft ab, die aus keinem Familienbetrieb stammen. Jährlich stellen Quereinsteiger meist schon die Mehrheit der Einsteiger – bei bis zu 67 Prozent liegt deren Anteil.

Geht es nach Julia Romberg, die die Schule des Dienstleistungszentrums Ländlicher Raum (DLR) Eifel leitet, entschieden sich immer mehr Menschen „aus einem ökologischen Bewusstsein heraus“ für die landwirtschaftliche Ausbildung. Sie warnt zugleich vor falschen Vorstellungen von der Landwirtschaft, die zu Abbrüchen der Ausbildung führten. Quereinsteiger müssten sich bewusst sein, dass Landwirte keinen klassischen Acht-Stunden-Tag hätten und die Digitalisierung mit Melkrobotern und technisch gesteuerter Düngung längst auf den Höfen angekommen sei, sagt Zelder. Ohne Quereinsteiger sieht auch er die Existenz von Höfen gefährdet. Romberg sagt, die Schule bilde noch unter dem Bedarf aus. Nach letzten Erhebungen des Statistischen Landesamts ist bei 11 000 rheinland-pfälzischen Bauernhöfen die Nachfolge offen.

Auf den Trecker, fertig, los!