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Damit sie wieder lachen lernen

Xenia Englberger hat erlebt, wie es Kindern geht, die sexuell missbraucht wurden. Und sie hat gesehen, wie ihr Lächeln zurückkehrt. TV-Foto: Katharina Hammermann
Xenia Englberger hat erlebt, wie es Kindern geht, die sexuell missbraucht wurden. Und sie hat gesehen, wie ihr Lächeln zurückkehrt. TV-Foto: Katharina Hammermann
TRIER. Schmerz und Freude liegen nah beieinander, wenn man Kindern hilft, die sexuell missbraucht wurden. Xenia Englberger berichtet über ihre Erfahrungen. ARRAY(0x197733f60)

Es gab Phasen, die sehr schmerzvoll waren für Xenia Englberger, besonders am Anfang. Im Team wollte sie sich das nicht anmerken lassen - sie als neue Praktikantin zwischen all den Profis. "Aber auf dem Nachhauseweg kam die Fassungslosigkeit", sagt sie. Und mit ihr die Frage, wie ein Mensch einem Kind so etwas antun kann. In ihrem einjährigen Praktikum hat die Psychologiestudentin beim Kinderschutzdienst (KSD) immer wieder Kinder kennen gelernt, die sexuell missbraucht wurden. Eines dieser Kinder hat sie intensiv betreut - hat es durch die verschiedenen Phasen seines Schmerzes begleitet und dabei etwas gelernt: "Die Arbeit mit Kindern ist etwas, wobei man noch sehr viel erreichen kann." Deshalb war sie auf ihrem Nachhauseweg auch manchmal glücklich. Am Anfang war das Kind verschüchtert, unsicher und passiv, voller Angst und Scham. "Ein sehr verletzliches Wesen", sagt Xenia. Da sei es zunächst einmal darauf angekommen, Vertrauen aufzubauen und zu erreichen, dass es gerne zu ihr kommt. Das erfordert ein Gespür dafür, was das Kind als unangenehm empfindet. Xenia musste zunächst einige Unsicherheiten überwinden. Denn wie geht man mit so einem Kind um? Bevor sie zum Kinderschutzdienst kam, hat sie in einer Kita gearbeitet, wo die Kleinen einfach zu ihr kamen, um zu kuscheln. Doch ein Kind, das missbraucht wurde, könnte körperlicher Kontakt verschrecken. Andererseits dürfe man die Kinder ja auch nicht behandeln wie ein rohes Ei. "Das merken die", sagt sie. Dem Kind fehlte der Zugang zu sich selbst. Die Antwort auf die Frage "Wie fühlst du dich?" konnte es nicht in Worte kleiden. Es schottete sich ab und verdrängte, dass es verletzt und wütend war. "Zeig mir mal den Dino, der so guckt, wie du dich fühlst", hat Xenia dann zu dem Kind gesagt und ihm verschiedene Abbildungen gezeigt - ein Dino weint, ein anderer ist wütend -, und statt Gefühle in Worte fassen zu müssen, lernte es spielerisch, wieder zu sich selbst zu finden. Doch das braucht Zeit, Zeit zum Basteln, Spielen, Singen. Zeit zum Nachdenken. Zeit zum Zuhören. Besonders Kinder, die es zu Hause schwer haben, genießen es, beim Kinderschutzdienst einfach mal die Fallbrücke hinter sich hochzuziehen. "Ich habe auch die Phase der Wut erlebt", sagt Xenia Englberger. Dann kriege man schon mal einen Fußball gegen das Schienbein oder ein Schimpfwort an den Kopf. "Es war schön zu sehen, dass die Kinder beim KSD dann genommen werden, wie sie sind", sagt sie. Denn gerade in dieser Phase, die viele Eltern oder Lehrer überfordert, sei es wichtig, das Kind seine Wut ausleben zu lassen. Auch Mädchen dürfen dann gegen den Box-Sack schlagen und laut "Nein" brüllen, wenn sie etwas nicht wollen. Denn gerade ein solches "Nein" könnte sie davor bewahren, noch einmal zum Opfer zu werden.Das Lachen kehrte in das Kindergesicht zurück

Einmal sei sie da gewesen, als ein Kind mit einer Kollegin "Nein" sagen übte, sagt Xenia. Am Anfang sei das "Nein" ganz leise gewesen. "Und dann wurde es, obwohl ich drei Zimmer weiter war, so laut, dass ich eine Gänsehaut bekommen habe." In Rollenspielen hat sie mit "ihrem" Kind geübt, wie es sich verhalten kann, wenn jemand es berührt, wie es nicht berührt werden möchte; hat mit ihm überlegt, zu wem es immer gehen kann; hat mit ihm einen Hilfsplan ausgeheckt. Und sie hat dem Kind beigebracht, dass sein Körper nur ihm alleine gehört. Irgendwann kehrte das Lachen in das Kindergesicht zurück: "Du, darf ich dir was erzählen?", hat es Xenia einmal verschwörerisch gefragt. Mit der Zeit wurde es immer selbstbewusster, hat sich getraut, Gefühle zu zeigen, neue Lebensfreude entwickelt. "Die Fröhlichkeit, die ich dem Kind gegenüber gezeigt habe, kam dann wieder zu mir zurück", sagt Xenia. Ihr Berufswunsch steht fest.