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Gastbeitrag von Gregor Gysi
Debatte um Namen der Uni Trier: Es ist Zeit für Marx

Gregor Gysi, 70, Rechtsanwalt und Politiker (Die Linke, Mitglied des Bundestages).     
Gregor Gysi, 70, Rechtsanwalt und Politiker (Die Linke, Mitglied des Bundestages).      FOTO: privat
Trier. Als das ZDF vor fast 15 Jahren nach den größten Deutschen fragte und 1,5 Millionen Menschen antworteten, landete Karl Marx hinter Konrad Adenauer und Martin Luther auf Platz drei. Nicht wenige waren damals überrascht, gerade weil die Vereinnahmung des Marx’schen Werkes durch den Staatssozialismus ihn auf Dauer zu diskreditieren schien. Aber die Kraft und Wichtigkeit seines Denkens erwies sich als stärker und beeindruckender. Gastbeitrag von Gregor Gysi

Dies hat wohl auch damit zu tun, dass Marx weltweit bekannt und unser Zeitgenosse geblieben ist, schon weil es den Kapitalismus immer noch gibt. Marx hat ja nicht einfach eine Studie zum englischen Kapitalismus des 19. Jahrhunderts verfasst, sondern versucht, das, was er die kapitalistische Produktionsweise nennt, tiefgründig zu analysieren. Das schließt zeitbedingte Mängel nicht aus, trotzdem ging er weit über eine bloße Beschreibung hinaus und lieferte eine komplexe Sichtweise, die auch heute niemand auslassen kann, wenn er sich ernsthaft mit den Wirkungsweisen und Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaftsordnung befasst. Und selbst wenn man seinen Ansatz nicht teilt, so kann man doch bei Marx viel darüber lernen, wie man mit wissenschaftlicher Methode komplexe Sachverhalte analysieren kann.

Er ist also ohne Zweifel der größte Sohn der Stadt Trier, so wie es Johannes Gutenberg für Mainz und Johann Wolfgang von Goethe für Frankfurt/Main sind. Doch anders als in diesen beiden Städten tut sich die Universität Trier schwer damit, Karl Marx zu ihrem Namenspatron zu machen. Obwohl ihr geisteswissenschaftliches Profil die Universität geradezu dafür prädestinierte, soll Marx auf den Tarforster Höhen draußenbleiben und allenfalls in der Stadt an ihn erinnert werden. Dabei hätte Karl Marx möglicherweise sogar in Trier studiert, wenn nicht Jahrzehnte zuvor Napoleon die Universität wegen politischer Unzuverlässigkeit geschlossen hätte.

Offenkundig fürchten die Verantwortlichen in der 1970 neu gegründeten Universität einen solchen Vorwurf schon wieder. In Deutschland unterliegt ein selbstbewusstes Verhältnis zu historischen Persönlichkeiten regelmäßig der politischen Opportunität. So wie man es in Kommunen mit linken Mehrheiten sehr schwer hätte, eine Gasse nach Bismarck zu benennen, so ist es nahezu unmöglich, rechte Mehrheiten dazu zu bewegen, Clara Zetkin zu würdigen, die Hitlers NSDAP als Alterspräsidentin des Reichstages die Stirn bot. In Frankreich beispielsweise wäre eine solche Kleingeistigkeit undenkbar. Wir brauchen eine andere politische Kultur, die auch Karl Marx so würdigt, wie er es verdient hat. Es stünde der Universität Trier mehr als gut an, wenn sie dies mit der Entscheidung für Marx als Namenspatron anstieße und damit zugleich Karl Marx vom Erbe des staatssozialistischen Marxismus und seiner vorgeblich unumstößlichen Wahrheiten befreite, von dem Marx als Anhänger der wissenschaftlichen Dialektik mit Sicherheit nichts gehalten hätte. Er legte Wert darauf, kein Marxist zu sein. Also Trier: es ist höchste Zeit.

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