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Verkehr
Fracht hui, Passagiere pfui

  Seit Anfang der Woche gibt es im Auftrag der chinesischen Fischhandelsgesellschaft Fishforever eine neue Frachtflugverbindung vom Hahn aus nach China.
Seit Anfang der Woche gibt es im Auftrag der chinesischen Fischhandelsgesellschaft Fishforever eine neue Frachtflugverbindung vom Hahn aus nach China. FOTO: Flughafen Frankfurt-Hahn
Lautzenhausen. Die Entwicklung des Flughafens Hahn ist zwiegespalten. Der Güterumschlag wächst, die Zahl der Fluggäste geht immer weiter zurück. Eine weitere Reduzierung der Flüge von Ryanair könnte die Planungen des chinesischen Airport-Besitzers ins Wanken bringen. Von Bernd Wientjes

Es gibt sie noch, die guten Nachrichten vom Flughafen Hahn. Anfang der Woche teilte der Flughafen auf seiner Facebook-Seite und über den Kurznachrichtendienst Twitter mit, dass es einen neuen Frachtflieger auf dem Hunsrück-Flughafen gibt. Die Fluggesellschaft Air Cargo Global wird im Auftrag der chinesischen Fischhandelsgesellschaft Fish­forever zweimal   wöchentlich vom Hahn über Oslo in Norwegen nach Tianjin in China fliegen. Transportiert werde hauptsächlich Fisch – „aber auch andere Güter“, heißt es auf der Facebook-Seite des Flughafens Hahn.  Bereits im Dezember war eine neue, regelmäßige Frachtverbindung vom Hunsrück nach China gestartet worden.

Damit setzen sich das mit der mehrheitlichen Übernahme des Flughafens durch das chinesische Konsortium HNA im Jahr 2017 begonnene Wachstum beim Frachtflug und die Orientierung nach Asien weiter fort. Das Frachtgeschäft boomt nach einem deutlichen Einbruch auf dem Hahn wieder kräftig. Wenn der Frachtverkehr nachhaltig eine Perspektive auf dem Hahn habe, könnte sich die Investition der Chinesen dort als rentabel zeigen, ist der Luftfahrtexperte Christoph Brützel aus Bad Honnef überzeugt.

Doch bei den Passagieren liegt der Flughafen weit hinter den Erwartungen zurück.

HNA hat im Businessplan, den es vor dem Kauf des Airports dem Land vorlegte (dem bis dahin 82,5 Prozent des Flughafens gehört hatten), mit 2,5 Millionen Passagieren pro Jahr und einer Verdopplung der Einnahmen des Passagiergeschäftes gerechnet. Damit sollten, wie von der EU-Kommission vorgeschrieben, bis 2024 schwarze Zahlen auf dem Hunsrück geschrieben werden. Stattdessen geht die Zahl der Passagiere immer weiter zurück, im vergangenen Jahr um gut 500 000. Und auch in diesem Jahr muss mit einem weiteren Minus bei den Fluggästen gerechnet werden. Der Hauptkunde auf dem Hunsrück, die irische Ryanair, reduziert das Angebot im Sommerflugplan deutlich. Statt vier Maschinen wollen die Iren nur noch zwei Flugzeuge fest auf dem Hahn stationieren.

 Passagierzahlen an deutschen Flughäfen_InterRed
Passagierzahlen an deutschen Flughäfen_InterRed FOTO: TV / Schramm, Johannes

Das wiederum deutet darauf hin, dass im Winterflugplan, für den bislang nur eine neue Verbindung – und zwar nach Kiew – von Ryanair angekündigt ist, womöglich gar kein Flugzeug der Gesellschaft mehr  am Hahn steht –  und dieser als Basis aufgegeben wird.

Bislang war die Zahl der bedienten Strecken und die der stationierten Flugzeuge im Winter immer deutlich reduziert worden. Und eine Basis irgendwo im Nirgendwo mache angesichts des nahezu flächendeckenden Angebots an Billig-Fliegern in Deutschland wenig Sinn, glaubt Brützel.

„Ryanair wird sich wieder mehr in Richtung des ursprünglichen, echten Billigflugmodells hinbewegen“, sagt Michael Santo, Luftfahrtexperte und Vorstand der Münchener Unternehmensberatung h&z. Das bedeute, jede Basis für sich müsse nach kurzer Zeit einen Gewinnbeitrag leisten. „Tut sie das nicht, kann sie zügig geschlossen werden“, so Santo gegenüber unserer Zeitung. Er betont allerdings, dass der Hahn „auch eine gewisse Attraktivität besitzt und im Ryanair-Flugplan“ etabliert ist. „Alles Situationen und Bedingungen, die woanders erst einmal aufgebaut werden müssten.“

 Bereits vergangene Woche hat Ryanair angekündigt, möglicherweise Standorte aufzugeben. Hintergrund ist der Gewinneinbruch im vierten Quartal des vergangenen Jahres. Laut dem Branchendienst airliners.de heißt es in einem internen Memo des Ryanair-Personalchefs, dass alle Routen und Basen „sehr genau“ geprüft würden. In den kommenden Monaten sollen Mitarbeiter und deren Gewerkschaften, die von Streckenstreichungen oder dem Schließen von Basen betroffen sind, informiert werden.

Eine solche Informationsveranstaltung hat es laut Bürgerinitiative gegen den Nachtflughafen Hahn kürzlich am Hunsrück-Flughafen gegeben. Dabei soll verkündet worden sein, dass ein Großteil der auf dem Hahn stationierten Ryanair-Führungskräfte damit rechnen müsse, in Kürze versetzt zu werden – unter anderem nach Berlin, wo Ryanair am Flughafen Tegel ab April eine Basis errichtet will. Wer sich nicht versetzen lassen wolle, müsse kündigen, soll es bei der streng vertraulichen Informationsveranstaltung geheißen haben.

Santo hält die Ankündigung von Ryanair, sich von verschiedenen Flughäfen zurückzuziehen, für „ein gut kalkuliertes, fast schon choreographiertes Drohszenario“. Wegen des massiven Gewinnrückgangs erstmals seit fünf Jahren werde nun „logischerweise an der Kostenschraube“ gedreht. „Dabei sind natürlich die Regionalflughäfen schnell gute Ziele, da diese eine schwache Verhandlungsposition gegenüber Ryanair besitzen“, sagt der Experte.

Brützel sieht die möglichen Schließungen von Basen eher als Reaktion auf die mittlerweile verstärkte gewerkschaftliche Organisation der Ryanair-Piloten. Damit gehe der Fluggesellschaft ihre bisherige Flexibilität verloren, ihre Mannschaften in Europa „hin- und herzuschieben“. Brützel sagt: „Ryanair wird daher die Anzahl der Basen auf wenige, jeweils größere, reduzieren.“ Die Schließung der Basis auf dem Flughafen Bremen sei, so Santo, aus diesem Grund geschehen „als ein Signal an Gewerkschaften, Arbeitnehmervertretungsstrukturen bei Ryanair einfach nicht zu akzeptieren“. Die Britische Pilotengewerkschaft spricht ebenfalls von durch Ryanair angedrohte Schließungen von Basen. Aktuell ist die Rede davon, zwei der drei Ryanair-Standorte auf den Kanaren dichtzumachen.