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"Die Säuglinge starben wie die Fliegen"

Irmgard Marx, damals Domke (rechts), im Jahr 1944 mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Freundin. Foto: privat
Irmgard Marx, damals Domke (rechts), im Jahr 1944 mit ihrer Mutter, ihrem Bruder und ihrer Freundin. Foto: privat
Graach. Vor 70 Jahren, im Januar 1945, erreichte die Front des Zweiten Weltkriegs die deutschen Ostgebiete. Millionen Menschen aus Ost- und Westpreußen wurden vertrieben. Unter den Flüchtlingen war die damals zwölfjährige Irmgard Marx, die heute in Graach lebt. Sie erlebte Schreckliches. Winfried Simon

Graach. Irmgard Marx (82) hält ein kleines Bild in der Hand. Es zeigt den Dom und das Schloss Marienwerder. Das Foto ist eine Erinnerung an ihre einstige Heimat und an eine unbeschwerte, behütete Kindheit. Diese glückliche und sorglose Zeit endete abrupt im Januar 1945. Marienwerder war bis dahin eine wohlhabende Stadt in Westpreußen mit fast 20 000 Einwohnern. Irmgard Marx, die damals Domke hieß, ist dort aufgewachsen. Ihr Vater Gustav hatte einen gut gehenden Handwerksbetrieb für Gesundheitstechnik und Heizungsanlagen mit zuletzt 30 Mitarbeitern.
Die Domkes wohnten in einer hübschen Villa mit Barockgarten. Sie konnten sich ein Hausmädchen leisten. "Ich hatte eine Kindheit wie aus dem Bilderbuch", sagt Irmgard Marx. Als der Krieg Marienwerder erreichte, änderte sich alles. Ihr Vater war in letzter Minute zum Volkssturm eingezogen worden. Die Russen nahmen ihn gefangen, fünf schlimme Jahre verbrachte er in einem Lager. 1978 hat Irmgard Marx ihre Erinnerungen an die Flucht aus ihrer Heimat aufgeschrieben. Es sind Erinnerungen an schreckliche Erlebnisse. Sie sagt: "Es ist, als wäre alles erst gestern geschehen. So etwas kann kein Mensch vergessen."
Ihre Erinnerungen beginnen mit den Worten: "Am 21. Januar 1945, es war sehr kalt und hoch verschneit, hieß es plötzlich: ‚Rette sich, wer kann\'. Auf zwei Schlitten wurden Koffer, Decken und mein damals siebenjähriger Bruder aufgeladen. Meine Mutter und ich zogen je einen Schlitten." Eine wochenlange Odyssee unter ungeheuren Strapazen begann. In einem völlig überfüllten Zug ging es zunächst bis zur zugefrorenen Weichsel. Dort fand die Familie Anschluss an den großen Treck der Bauern und Gutsbesitzer. Irmgard Marx: "Auf dem Eis brachen zum Teil die Wagen ein, Pferde ertranken. Auf der verlassenen Seite des Flusses standen die russischen Panzer und schossen Phosphorgranaten in die Flüchtlingsströme. Frauen, die den Weg über das Eis nicht geschafft hatten, wurden bestialisch vergewaltigt. Diese Nacht bleibt die schrecklichste meines Lebens."Neue Heimat in Düsseldorf


In einem Krankenzug, der Wöchnerinnen evakuierte, ging es weiter. Nach einigen Tagen hatten die Menschen nichts mehr zu essen. Der Proviant war verbraucht, gegen den Durst kratzten sie Eis und Schnee von den Zugfenstern. Irmgard Marx erinnert sich: "Die schlecht versorgten Wöchnerinnen begannen zu riechen, die Babys starben wie die Fliegen, weil die Mütter keine Milch hatten. Einige Mütter müssen wahnsinnig geworden sein."
Nach einem Zwischenaufenthalt in Pommern ging es in den nächsten Schreckenszug, einen Viehtransport ebenfalls ohne Proviant. Die Fahrt ging auf offenen Langholzloren unter Tieffliegerbeschuss nach Schleswig-Holstein.
Die Mutter fand mit ihren zwei Kindern eine Unterkunft auf einem Bauernhof nahe Flensburg. Sie lebten in einer winzigen Kammer und blieben dort fünf Jahre. Für ihr Essen mussten sie schwer schuften. Irmgard tauschte den von ihrer Mutter vor der Flucht in ihrem Mieder eingenähten Schmuck und die Goldstücke auf dem Schwarzmarkt gegen Essbares ein. Sie war 13 Jahre alt. Heute sagt sie: "Ich bin über Nacht erwachsen geworden." 1950, als die große Umsiedlung begann, fand die Familie, der Vater war unter glücklichen Umständen inzwischen dazugestoßen, eine neue Heimat in Düsseldorf. Irmgard nahm eine Stelle als Sekretärin an, später arbeitete sie als freie Journalistin. Sie schrieb für Tageszeitungen und Magazine Opern- und Theaterkritiken. Sie heiratete Gerhard Marx, der, welch ein Zufall, ebenfalls aus Marienwerder stammt. Beide lernten sich in Düsseldorf bei einem Flüchtlingstreffen kennen.
Ihr fünf Jahre jüngerer Bruder Hubert studierte und leitete ein großes Unternehmen für Medizin- und Sicherheitstechnik. Mitte der 70er Jahre bauten Irmgard und Gerhard Marx ein Haus auf der Graacher Schäferei. Der Vater hatte in der Gefangenschaft schwer gelitten, er starb bereits 1953, Mutter Antonie starb 1964. Irmgard schreibt in ihren Erinnerungen: "Gerade als es uns besser ging, verloren wir den Ernährer und waren wieder auf uns gestellt. Trotzdem haben wir Kinder gute Berufe. Nur unsere arme Mutter ist auch früh gestorben. Sie ist irgendwie an dem ganzen Elend, das ihr zugestoßen ist, zerbrochen."Extra

Im Januar 1945 begann die Rote Armee mit der Winteroffensive. Die sowjetischen Soldaten hatten sich bis zu 3000 Kilometer durch ihr eigenes, beim deutschen Rückzug systematisch zerstörtes Land vorgekämpft. Auf ihrem Rückzug hatten die deutschen Truppen Städte, Dörfer und Getreidefelder abgebrannt und Massenevakuierungen vorgenommen. Da die NS-Führung verboten hatte, die Evakuierung der deutschen Bevölkerung vorzubereiten, flüchteten die Menschen oft erst ein letzter Minute. 1,5 Millionen Flüchtlinge konnten über die Ostsee evakuiert werden, etwa die gleiche Zahl erreichte über Land die Oder. Hunderttausende starben in Schnee und Eis. red

Irmgard Marx mit einem Bild, das den Dom und das Schloss Marienwerder in ihrer westpreußischen Heimat zeigt. TV-Foto: Winfried Simon
Irmgard Marx mit einem Bild, das den Dom und das Schloss Marienwerder in ihrer westpreußischen Heimat zeigt. TV-Foto: Winfried Simon