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Die Stasi-Spur führt ins Bistum Trier

Für das Geschehen im Vatikan hat sich auch die DDR-Spionageabteilung interessiert. Viele Informationen kamen von inoffiziellen Mitarbeitern, die offiziell für katholische Einrichtungen arbeiteten. Fotos: TV-Archiv
Für das Geschehen im Vatikan hat sich auch die DDR-Spionageabteilung interessiert. Viele Informationen kamen von inoffiziellen Mitarbeitern, die offiziell für katholische Einrichtungen arbeiteten. Fotos: TV-Archiv
Trier. Joseph Ratzinger wurde seit den 70er Jahren von der Stasi bespitzelt. Diese Nachricht ist zwar seit Jahren bekannt, sorgt aber im Vorfeld des Deutschlandbesuchs von Benedikt XVI. für neuerliche Schlagzeilen. Ausgerechnet zwei Trierer haben bei den Bespitzelungsaktionen im Vatikan offenbar eine Hauptrolle gespielt. Rolf Seydewitz

Trier. Als sich der langjährige Leiter des Koblenzer Ablegers der Bischöflichen Pressestelle vor vier Jahren in den Ruhestand verabschiedete, lobte sein Chef Stephan Kronenburg das "nahezu allumfassende Fachwissen" des scheidenden Kollegen. Die nett gemeinte Anmerkung musste zumindest auf Eingeweihte unfreiwillig komisch wirken. Denn der so gebauchpinselte Mitarbeiter war mehr als ein Jahrzehnt lang inoffizieller Mitarbeiter des ostdeutschen Ministeriums für Staatssicherheit.
Beste Kontakte nach Rom


Unter dem Decknamen "Antonius" lieferte der Stasi-Spion ab Mitte der 70er Jahre reichlich Informationen aus dem Umfeld des Vatikans ans Mielke-Ministerium. Der Mann hatte beste Kontakte, denn er war seinerzeit Rom-Korrespondent der katholischen Nachrichtenagentur KNA. Und er war fleißig, nicht nur als Journalist. Nach einem Bericht des Mitteldeutschen Rundfunks lieferte "Antonius" unter anderem massenhaft Informationen über den damaligen Papst Johannes Paul II. und den Präfekten der Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger. Mit Ratzingers zunehmender Bedeutung wuchs auch das Interesse der Staatssicherheit am späteren Papst. Mindestens ein Dutzend inoffizieller Mitarbeiter der Stasi-Auslandsspionage soll regelmäßig über Ratzinger nach Ost-Berlin berichtet haben. "IM Antonius war sicher der wertvollste Stasi-Agent in der katholischen Kirche in Westdeutschland", sagt der Historiker und Stasi-Forscher Bernd Schäfer.
Der in den USA arbeitende deutsche Wissenschaftler glaubt auch zu wissen, wer den KNA-Journalisten einst für die Stasi angeworben hat: der Benediktinerpater Eugen Karl Brammertz aus Trier. Bevor Brammertz 1974 nach Rom ging, dort unter anderem für die Vatikanzeitung Osservatore Romano arbeitete, unterrichtete der der Abtei St. Matthias angehörende Priester 20 Jahre lang Religion an zwei Trie rer Gymnasien. Der spätere KNA-Korrespondent und Sprecher der Bischöflichen Pressestelle war sein Schüler.
Spion im Nebenjob


Der Lehrer hatte offenbar seit Anfang der 60er Jahre einen "Nebenjob", von dem im Westen niemand wusste: Pater Eugen Karl Brammertz war Stasi-Spion. Unter dem Decknamen "Lichtblick" berichtete der Priester etwa über Abhörmöglichkeiten in den vatikanischen Gemächern oder von Rombesuchen deutscher Politiker und Bischöfe. "Oft etwas zu spektakulär oder lästerhafter Klatsch", urteilt Stasi-Forscher Schäfer, schränkt aber ein, dass der im Ruf eines "Party-Löwen" stehende Brammertz durchaus auch substanzielle Informationen geliefert habe.
Da war sein früherer Schüler schon von anderem Schrot und Korn. "Antonius hatte einen systematischeren Durchblick und Verstand als Lichtblick", sagt Historiker Schäfer. Entsprechend wertvoll seien die von ihm gelieferten Informationen gewesen, etwa über die versuchte Einflussnahme der Regierung Helmut Kohl auf die Deutsche Bischofskonferenz.
Nach Schäfers Recherchen hat "IM Antonius" bis zum bitteren Ende der DDR an das Ministerium für Staatssicherheit berichtet. Der Spion in Diensten der katholischen Kirche wurde 1992 enttarnt, nachdem deutsche Verfassungsschützer die in den Besitz des amerikanischen Geheimdienstes CIA gelangte Klar- und Decknamenkartei der Stasi durchforsten durften.
Als die Vorwürfe bekanntwurden, setzte die katholische Nachrichtenagentur ihren inzwischen von Rom nach Wiesbaden gewechselten Redaktionsleiter vor die Tür. Noch im gleichen Jahr wurde er vom Bistum Trier als Leiter der Koblenzer Pressestelle eingestellt. "Natürlich kannten wir damals die Vorwürfe", sagt Bistumssprecher Stephan Kronenburg, "die Einstellung war eine bewusste Entscheidung des damaligen Trierer Bischofs Hermann-Josef Spital." Es sei eine zutiefst christliche Einstellung, jemandem zu vergeben, der einen Fehler gemacht habe. Auch strafrechtlich kam der ehemalige Spion mit einem blauen Auge davon: Er wurde ohne Prozess zu einer Geldstrafe verurteilt.
"IM Lichtblick" erlebte das aus seiner Sicht wohl traurige Ende der DDR nicht mehr: Er starb 1987 in Rom an einem Hirnschlag. Sein Leichnam wurde auf dem Mönchsfriedhof der Trierer Abtei St. Matthias beigesetzt.
Brammertz\' Mitbrüder haben sich später öffentlich mit dem Fall auseinandergesetzt. "Einmal mehr wird deutlich, welch abgründige Geheimnisse die Seele eines Menschen zu bergen vermag", meinte vor zwölf Jahren der damalige Abt Ansgar Schmidt.