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Dorfschule: Lehrergewerkschaft fürchtet "Beerdigungsrichtlinien"

Neroth/Mainz. Eine Woche noch, dann herrscht Klarheit: Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig äußert sich dann zum drohenden Aus für Dorfschulen. Lehrerverbände warnen davor, dass eine Reform zu weit gehen könnte. Florian Schlecht

Wenn Anke Brausch von dem Alltag an der Grundschule Neroth erzählt, stößt sie meistens auf Staunen. Denn Brausch leitet in dem Ort (Landkreis Vulkaneifel) eine klassische Dorfschule - nur 29 Kinder lernen dort Deutsch und Mathe. Die erste Klasse lernt mit der zweiten Klasse in einem Raum, die dritte Klasse mit der vierten. Was in der Stadt ungewöhnlich sein mag, ist auf dem Land oft Alltag. Und Brausch schwärmt von dem Modell: "Ich erlebe hier Schule, wie ich es mir immer vorgestellt habe", sagt die Schulleiterin. Befremdliche Anonymität erlebe sie nicht, dafür aber Gemeinschaft. "Es gibt keine geheime Telefonnummer, wir bereiten die Weihnachtsmesse vor, Karneval feiern wir mit Vereinen in unserer Schule, Eltern bauen auf dem Spielplatz eine Seilbahn und grillen dabei."

Idyll in Gefahr?

Neroth ist ein Musterbeispiel für eine Dorfschule, wie es Gerhard Bold vorschwebt. Geht es nach dem Vorsitzenden der Lehrergewerkschaft Verband für Bildung und Erziehung (VBE), sind die kleinen Grundschulen häufig eine "letzte Bastion" des Lebens auf dem Land. "Vielerorts gibt es keinen Arzt mehr, keinen Bäcker - und auch keinen Sparkassenautomaten", sagt er. Dann bleibe nur noch die Schule, in der sich die Gemeinde treffe.

Bold warnt davor, dass dieses Idyll nun in Gefahr gerät. Der Grund: Bildungsministerin Stefanie Hubig stellt am 31. Januar die Leitlinien vor, die wohnortnahe Grundschulen unter die Lupe nehmen sollen. Bold warnt schon jetzt vor "Beerdigungsrichtlinien" und wirft der Landesregierung vor, in erster Linie sparen zu wollen. 310 Lehrerstellen will Rheinland-Pfalz in der Legislaturperiode bis 2021 streichen - besonders Stellen, die nach Eintritt von Lehrern in den Ruhestand nicht mehr besetzt werden.

Der VBE rechnet vor, dass 76 Schulen nicht der Mindestgröße mit 48 Schülern entsprechen, davon 22 Schulen in der Region Trier (siehe Extra). Bold schließt nicht aus, dass davon Schulen zur Prüfung stehen. "Für das Leben auf dem Land ist das fatal. Gründen junge Menschen eine Familie, stellen sie sich schon die Frage, ob eine Schule in der Nähe ist." Kleinen Kindern sei es außerdem nur schwer zuzumuten, morgens eine halbe Stunde im Bus zu sitzen, um zur Schule zu fahren.

Bettina Brück, bildungspolitische Sprecherin der SPD aus Thalfang (Kreis Bernkastel-Wittlich), spricht sich hingegen dafür aus, zunächst die Leitlinien abzuwarten. Sie sieht nicht nur Vorteile in den kleinen Dorfschulen. Schon heute stimmten Eltern mit Füßen ab - und meldeten ihr Kind in größeren Grundschulen mit einem umfangreicheren Angebot an. Nur sieben Kinder zu unterrichten - was an der Grundschule in Klotten (Kreis Cochem-Zell) die niedrigste Zahl des Landes ist - sei wenig sinnvoll.

Jeden Fall zu prüfen, das kündigt Bildungsministerin Hubig an. Die SPD-Politikerin weist die Befürchtung einer Schließungswelle von sich. Das Prinzip der "kurzen Beine, kurzen Wege" behalte das Land bei. Es gehe darum, Einzelfälle "transparent, nachvollziehbar und unter Berücksichtigung der lokalen Gegebenheiten" zu betrachten, zumal das Schulgesetz vorschreibe, dass jede Grundschule mindestens eine Klasse je Stufe umfassen muss. Hubig : "Wir wollen ein wohnortnahes Grundschulangebot überall im Land sichern - verlässlich, planbar und nachhaltig."

Gerhard Bold kann sich hingegen nicht vorstellen, dass die Leitlinien ohne "ein Sterben" von Schulen auskommen. Lehrer wie Anke Brausch sind von der Debatte genervt. Sie beschwichtige immer wieder besorgte Eltern am Telefon. Mit einem Ende der Dorfschulen rechne sie nicht, sagt Brausch. Und legt nach: "Ich werde bis zum Ende dafür kämpfen, dass es auch nicht anders kommt."Extra: Kleine Grundschulen

76 Grundschulen gibt es in Rheinland-Pfalz, die nicht auf 48 Schüler kommen.

In der Region Trier gibt es nach den Angaben des Statistischen Landesamtes 22 davon. In Trier sind das die Grundschulen Kürenz (10) und Pallien (44), im Landkreis Trier-Saarburg dagegen Schöndorf (15), Greimerath (29), Trittenheim (29), Mandern (42) und Ralingen (44), in Bernkastel-Wittlich hingegen Malborn (28), Morbach (30), Reil (30), Heidenburg, Veldenz, Wintrich (je 31) sowie Monzelfeld (43), im Eifelkreis Bitburg-Prüm Oberkail (36), Preist (37), Karlshausen (39), Lützkampen, Neidenbach (je 45) und Daleiden (46) sowie im Vulkaneifelkreis Neroth (29) und Wallenborn (36). Gesunken ist in Rheinland-Pfalz die Zahl der Grundschüler. 1995/96 gingen noch 179.199 Schüler in die Grundschulen, 2015/16 waren es noch 134.852. flor

Meinung

Bloß nichts übertreiben!

Von Florian Schlecht

Es dürfte der heikelste Auftritt werden, den Stefanie Hubig in ihrer Zeit als Bildungsministerin bislang erlebt hat. Wenn die SPD-Politikerin sich in der kommenden Woche zur Zukunft der kleinen Grundschulen äußert, gucken viele besorgte Lehrer, Eltern und Schüler aus ganz Rheinland-Pfalz nach Mainz. Wie es mit den Dorfschulen weitergeht, ist die erste große Reform von Hubig als Bildungsministerin. Es ist eine Reform, die sitzen muss - und die sie nicht zu weit treiben darf.

Natürlich müssen sich Kritiker bewusst machen, welchen Sinn kleine Schulen noch haben, in die nur eine einstellige Zahl von Schülern geht und die zum Sommer hin kaum mehr mit weiteren Neuzugängen rechnen können. Aber: Viele Dörfer sind schon zu leidgeplagt, um ihnen den ganz großen Schnitt zumuten zu dürfen. Wo Supermarkt und Landarzt inzwischen nur noch viele Autominuten entfernt sind, da würde durch einen Wegfall von Grundschulen der Reiz für junge Familien weiter sinken, aufs Land zu ziehen. Für manches Dorf wäre das ein fatales Signal. Zugleich sollte die Ministerin kreative Ideen auf Lager haben, wie kleine Grundschulen auch über eine bestandende Prüfung hinaus eine bessere Zukunft haben können. Nur zu sagen, ob man den Rotstift ansetzt oder nicht, das reicht bei einer solch wichtigen Frage nämlich ebenfalls nicht aus.

f.schlecht@volksfreund.de