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Eine ganz normale Nachbarin

Trier. Während in Mainz eine Triererin Ministerpräsidentin wird, geht in ihrem Wohnviertel das Leben weiter wie immer. "Wir freuen uns riesig für und mit Malu Dreyer - aber für uns bleibt sie eine ganz normale Nachbarin", sagt Hilde Greichgauer vom sozialen Wohnprojekt Schammatdorf. Christiane Wolff

Eine schwarze Limousine, Mainzer Kennzeichen, dunkle Scheiben, parkt an der Zufahrtstraße zum Schammatdorf. Eine Frau lädt eine kantige Reisetasche aus. Fast will man dieser Szene am Mittwochmittag eine besondere Bedeutung zumessen. Aha, der Sicherheitsdienst. Etwas in der Art.
Auch ein Feuerwehreinsatz in den Straßen des Schammatdorfs erregt am Mittwochmorgen mehr Aufmerksamkeit als an einem anderen Tag. Dabei hat nur eine achtlos weggeworfene Zigarette eine am Straßenrand stehende Matratze angekokelt.
Keine außergewöhnlichen Vorkommnisse also im Schammatdorf, kein Grund zur Besorgnis. Auch, wenn im Haus Nr. 27 die Ministerpräsidentin wohnt.
Auf eine gewisse Weise fällt es fast schwer zu glauben, dass das Zuhause der First Lady so unprätentiös ist. Eine Eigentumswohnung. Erstes Obergeschoss. 114 Quadratmeter. Fünf Zimmer. Zur Miete kosten die gleichen Wohnungen in den anderen zweieinhalbgeschossigen Mehrfamilienhäusern etwa 5,40 Euro pro Quadratmeter. Ein Schnäppchen für Trier.
Vor zehn Jahren ist Malu Dreyer ins Schammatdorf (siehe Extra) zu ihrem heutigen Ehemann Klaus Jensen gezogen, der dort seit 1984 wohnt. Dass die beiden sich in den vergangenen Monaten Grundstücke in einem der nobleren Vierteln der Stadt, etwa auf dem Petrisberg, angeschaut haben sollen, ist ein Gerücht. "Wir bleiben hier", betonte Triers Oberbürgermeister Jensen kürzlich im Gespräch mit dem TV. Ihre Wohnung haben sie in den vergangenen Jahren behindertengerecht ausgebaut.
Während in Mainz die neue Ministerpräsidentin gefeiert wird, nimmt im Schammatdorf der Alltag seinen Lauf. "Wir haben nichts Besonderes für heute geplant", sagt Hilde Greichgauer, Vorsitzende des Vereins Schammatdorf. Die Dorfgemeinschaft schickt eine Glückwunschkarte. Die Hofgemeinschaft - mehrere Häuser teilen sich im Schammatdorf gemeinsame Innenhöfe - plant einen Sektempfang. "Wir freuen uns hier alle außerordentlich, dass die Malu Ministerpräsidentin geworden ist", sagt Greichgauer. "Aber sie bleibt für uns eine ganz normale Nachbarin - und ich glaube auch fest, dass sie hier nichts anderes sein möchte."
Aus dem Kindergarten tönen Kinderstimmen. Sonst herrscht im Schammatdorf Ruhe. Die weißen Flocken auf Straßen, Wegen und Bäumen schlucken die Geräusche.
Eine Frau stapft durch den Schnee zu ihrer Wohnung. Sie schiebt einen Rollator vor sich her. Die 50-Jährige wohnt nicht nur in der Nachbarschaft der neuen Ministerpräsidentin, sie teilt auch deren Schicksal: Beide leiden an Multipler Sklerose. Vor Jahren ist die dunkelhaarige Frau von einem kleinen Dorf an der Mosel hierhergezogen. "Die Bedingungen für behinderte Menschen und die Nachbarschaft sind hier einfach optimal", sagt sie. Für Malu Dreyer freut sie sich: "Sie ist eine tolle Frau, ich bewundere sie, weil sie sich trotz ihrer Krankheit so durchsetzt - und sich dabei so ein sympathisches Wesen bewahrt." Extra

Im Schammatdorf in Trier-Süd leben alte, junge, behinderte und nichtbehinderte Menschen zusammen, gestalten gemeinsam ihren Alltag und helfen sich bei Problemen. Das soziale Wohnprojekt wurde Ende der 1970er Jahre von der Stadt Trier, der Abtei St..Matthias und der Wohnungsbau und Treuhand GmbH gegründet. woc