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Eingeworfen: Schmerzmittel im Sport - Die 50er Packung Ibuprofen 800 ist immer dabei

Trier. Sie sind legal, doch ihre Nebenwirkungen können auf lange Sicht verheerend sein: Wieso immer mehr Profi- und Hobbysportler Schmerzmittel wie Ibuprofen oder Paracetamol in großen Mengen einwerfen und sich nicht um die Folgen scheren. Eine Recherche, die nachdenklich stimmt. Von Marek Fritzen

Es ist ein Satz, der so oder so ähnlich immer wieder fällt. Sportartenübergreifend. Eishockeyspieler, Fußballer, Basketballer, Radsportler - sie alle kennen das, sie alle berichten davon. Einige offen, andere verdeckt. Aber sie kennen es alle - und sie leben damit, sie trainieren damit, sie spielen damit, jeden Tag. Bei Daniel Bartsch, Mannschaftskapitän von Fußball-Oberligist FSV Salmrohr, klingt dieser Satz so: "Ibuprofen ist allgegenwärtig." Bei Lukas Golumbeck, Spieler von Eishockey-Hessenligist Eifel-Mosel Bären aus Bitburg, hört es sich so an: "Irgendjemand hat bei Spielen immer Ibus drin."

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Kilian Dietz, Center bei Basketball-Zweitligist Römerstrom Gladiators Trier, sagt: "Eine 50er Packung Ibuprofen 800 geht bei uns im Team innerhalb von ein bis zwei Wochen weg." Und dann ist da Sebastian Schmitz, der eigentlich ganz anders heißt. Der in seiner Jugend als ambitionierter Nachwuchs-Radrennfahrer einen Wettkampf nach dem anderen gefahren ist. Der davon berichtet, in welch hohem Maße schon im Jugendbereich Aspirin, Ibuprofen oder Paracetamol verabreicht werden und wie einfach Radsportler an rezeptpflichtige Asthmasprays kommen, um im Wettkampf vermeintlich leistungsfähiger zu sein. "Da gehst du zum Arzt, sagst, du bekommst unter Belastung schlecht Luft, hustest zwei-, dreimal, und schon verschreibt der dir ein Asthmaspray."

Ibuprofen, Paracetamol, Aspirin - es sind Schmerzmittel, die fast jeder schon mal eingeworfen hat, wenn der Kopf schmerzt oder der Rücken zwickt. Doch vor kurzem überraschte Niko Kovac, Trainer von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt, mit der Aussage: "Im Fußball geht es ohne Schmerzmittel nicht." Hat er recht? Und wenn ja: Wie sieht das in anderen Sportarten aus, speziell im Amateurbereich? "Ja", sagt Daniel Bartsch, "was Niko Kovac da gesagt hat, stimmt, das kann ich nur bestätigen. Schmerzmittel sind gang und gäbe". Bartsch muss es wissen. Er ist Fußballer, hat für Fortuna Köln in der Regionalliga West gespielt, später für die TuS Koblenz in der Regionalliga Südwest, heute ist er Kapitän des FSV Salmrohr in der Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar. Zwar versuche er selbst, so gut es geht auf Schmerzmittel zu verzichten, doch bei vielen Teamkollegen sehe das ganz anders aus: "Zwei Ibuprofen vor dem Spiel sind bei vielen normal, gerade bei Spielern mit chronischen Schmerzen."

Gedanken über mögliche Langzeitfolgen des hohen Tablettenkonsums mache sich im Team niemand, im Gegenteil. "Wie ich das so beobachte, nimmt der Konsum an Schmerzmitteln zu. Der Sport wird immer physischer, immer schneller, da kann man es sich nicht leisten, mit Schmerzen ins Spiel zu gehen. Lieber schluckt man da ein Schmerzmittel, um 100 Prozent geben zu können." Außerdem, so berichtet Bartsch, seien auch Koffeintabletten ein Thema. "Ich habe in der Vergangenheit Spieler kennengelernt, die diese Tabletten regelmäßig vor Spielbeginn geschluckt haben, um hellwach und aggressiv zu sein. Das merkte man denen auch an."

Inwieweit der laxe Umgang mit Schmerzmitteln oder Koffein-Tabletten dazu führe, dass die Hemmschwelle sinkt, illegale Stoffe zu schlucken, will der Akteur des FSV Salmrohr nicht bewerten. Fakt sei allerdings: "Anders als in der Regionalliga gibt's in der Oberliga keine Dopingkontrollen. Bei meinen Regionalliga-Stationen Koblenz und Köln waren wir dazu verpflichtet, dem Mannschaftsarzt jedes Mittel inklusive Beipackzettel vorzulegen, bevor wir es eingenommen haben."

Knapp 40 Kilometer von Salmrohr entfernt, in Bitburg, trägt Eishockey-Hessenligist Eifel-Mosel Bären seine Heimspiele aus. Daran, dass sich die Bären in ihrer ersten Hessenliga-Saison gleich den zweiten Tabellenplatz hinter Kassel erspielt haben, hat Stürmer Lukas Golumbeck großen Anteil. Die Worte des 27-Jährigen klingen alarmierend: "Mit Ibuprofen geht fast alles", sagt Golumbeck, "selbst wenn einer wegen einer Verletzung nicht mehr richtig laufen kann, dann nimmt er zwei Tabletten, und er kann spielen."

Die Saison sei kurz, da könne sich niemand erlauben, lange auszufallen. "Wir kennen den Beipackzettel von diesen Schmerzmitteln, wissen genau, wann wir was wie lange vor dem Spiel nehmen müssen, damit es zur richtigen Zeit wirkt." Neben Schmerzmitteln trinke ein Großteil des Eishockeyteams vor Spielen auch sogenannte Booster, Energie-Cocktails. "Nach der Einnahme spürt man schnell einen Bewegungsdrang, befriedigt man diesen nicht, fängt es an zu kribbeln", berichtet Golumbeck. Wenn er einen Booster getrunken habe, könne er zudem nachts meist nur schlecht einschlafen. Aber er betont: "Bedenken habe ich wegen der Einnahme nicht, so lange man das nicht übertreibt, ist es okay."

Ein Satz, der Eric Kuhnen nachdenklich stimmt. Der Ernährungsberater und Lebensmitteltechniker beobachtet, dass eben- solche Energy-Drinks immer beliebter werden, gerade bei Hobbysportlern. "Die Leute kommen nach einem Zehn-Stunden-Arbeitstag nach Hause, trinken einen Booster, um beim Sport nach Feierabend wieder Vollgas geben zu können." Dabei, so betont Kuhnen, wisse niemand, was die Einnahme solcher Drinks auf lange Sicht mit dem Körper mache. "Koffein, Taurin, Arginin, Niacin und Vitamin B12 - diese Stoffe sind darin sehr hoch dosiert enthalten. Die Sportler sind total aufgepusht, das Schmerzempfinden wird herabgesetzt - das ist so, als würde man fünf, sechs Tassen Kaffee hintereinander trinken, das kann nicht gut sein."

Auffällig sei, so berichtet die Inhaberin einer Apotheke in der Region, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, dass der Verkauf von freiverkäuflichen Schmerzmitteln wie Ibuprofen zugenommen habe.
Außerdem erzählt die Apothekerin, wie "immer mal wieder" junge Männer mit von Ärzten ausgestellten gültigen Rezepten in ihre Apotheke kämen, um sich Testosteron abzuholen. Testosteron - ein rezeptpflichtiges Sexualhormon, das den Muskelaufbau fördert, gleichzeitig aber fatale Nebenwirkungen wie Schrumpfhoden oder Zeugungsunfähigkeit haben kann. "Ich würde die Herren am liebsten mal fragen, ob sie wissen, was sie sich mit der Einnahme antun", sagt die Apothekerin. Das Testosteron holen sich die Kunden - oft Hobby-Bodybuilder - in Ampullen ab.

"Hier wird so einiges genommen", berichtet der Mitarbeiter eines Trierer Fitnessstudios, der auch lieber anonym bleiben möchte. "Das ist nicht alles legal, was die hier nehmen, vor allen Dingen sind es oft Leute, von denen man es überhaupt nicht erwarten würde."

Der hohe Schmerzmittel-Konsum, so findet Kilian Dietz, sei auch darauf zurückzuführen, dass sich niemand - egal ob im Büro oder im Sport - erlauben könne, länger zu fehlen. "Ich hatte selbst den Fall", sagt der Center von Basketball-Zweitligist Römerstrom Gladiators Trier, "dass ich in der Vorbereitung Schmerzen im Rücken hatte. Wenn ich da erst mal ausgesetzt hätte, wäre ich natürlich raus gewesen, hätte zu viel verpasst, also habe ich mir Ibuprofen eingeworfen."
Drei Ibuprofen-800-Tabletten am Tag sind für den 2,02-Meter- und 110-Kilogramm-Mann in Saison-Phasen wie diesen keine Seltenheit. "Morgens mit dem Frühstück die erste, dann nachmittags eine und abends, vor dem Schlafengehen, die letzte - denn sonst kann man aufgrund der Schmerzen nach Spielen oder dem Training oft nicht schlafen."

Zwar gebe es während der Saison auch Wochen, in denen weniger Schmerzmittel nötig seien, im Regelfall aber, so betont der 26-Jährige, sei eine Ibu-800er-Packung mit 50 Tabletten innerhalb von ein bis zwei Wochen im Team aufgebraucht. "Klar, ich weiß, dass solche Medikamente Sachen wie Leberzirrhose verursachen können, aber wirkliche Gedanken mache ich mir nicht", gesteht Dietz, "auch wenn meine Mutter mich immer wieder warnt und sagt, ich solle das ein wenig zurückfahren, aber wenn man in diesem Bereich spielen will, dann geht's nicht ohne Mittelchen wie Ibu". Vielfach, so erzählt der Mann aus Bernkastel-Kues, kämen Schmerzmittel auch präventiv zum Einsatz. "Wenn du weißt, dass es ein hartes Spiel werden kann mit vielen Schlägen und Fouls, dann schmeißt man sich vorher schon mal was ein, um möglichen Schmerzen zuvorzukommen." Eines, so betont er, käme bei den Gladiators allerdings nie infrage: Mittel einzunehmen, die auf der Dopingliste stehen. Dabei scheinen die Dopingproben in der 2. Basketball-Bundesliga alles andere als engmaschig zu sein. Wie Dietz berichtet, ist das Team in den vergangenen beiden Zweitliga-Spielzeiten kein einziges Mal getestet worden.

Getestet worden ist auch Sebastian Schmitz nie. Auch an jenem Tag nicht, als ihm der Schmerz nach dem Rennen so qualvoll durch die Glieder fährt. "Plötzlich hat mir alles so wehgetan", erinnert sich der 26-jährige, frühere ambitionierte Radrennfahrer. Vor zehn Jahren hat er das Rad endgültig in die Ecke gestellt. Was geblieben ist, sind die Erinnerungen. Aspirin, Ibuprofen und Asthmaspray gehören damals bei Rennen für die Jugendlichen dazu wie die Bremsen an den Rennrädern. "Ich habe lange nichts genommen", beteuert Schmitz, bei einem Rennen allerdings will er es vielen seiner Kollegen gleichtun, nimmt vor dem Start Schmerztabletten, um, wie er sagt, "den Schutzmechanismus im Körper auszuschalten, die Schmerzgrenze nach oben zu legen". Nach einigen Kilometern stürzt er schwer, verletzt sich am Bein, doch er fährt weiter. "Ich habe gar nichts gespürt, habe mich einfach wieder aufs Rad gesetzt und bin weitergefahren." Erst nach dem Rennen, im Auto auf dem Weg nach Hause, kommen die Schmerzen. "Das war so heftig, da wurde mir klar, dass ich so was nie mehr nehmen werde."

Die langfristigen Folgen der Schmerzmittel-Einnahme werden in seinen Augen unterschätzt. "Auf Dauer macht dich das Zeug kaputt", sagt Schmitz. "Dabei ist das alles ein Problem, das weit über den Sport hinausreicht, es ist ein Problem der Leistungsgesellschaft. Jeder will höher, schneller, weiter, das ist ein reines Ego-Ding." Eins stehe für ihn fest: "Wer bereit ist, für den Sport übermäßig Schmerzmittel, Asthmaspray und Ähnliches zu konsumieren, für den ist der Weg zum illegalen Doping auch nicht mehr weit."