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"Es geht um Anerkennung erlittenen Leids"

Der Trierer Bischof Stephan Ackermann (47) ist Missbrauchsbeauftragter der Deutschen Bischofskonferenz. Mit dem TV spricht Ackermann über die bisherigen Erkenntnisse und mögliche Entschädigungen an die Opfer.

Trier/Berlin. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann, seit Jahresanfang 2010 von der Deutschen Bischofskonferenz als Missbrauchsbeauftragter eingesetzt, leitet die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche. Mit dem geistlichen Oberhaupt des Bistums Trier sprach TV-Korrespondent Werner Kolhoff.

8000 Opfer sexuellen Missbrauchs haben sich bei der Bundesbeauftragten Christine Bergmann gemeldet. Wie viele waren es bei Ihnen?

Stephan Ackermann: Bis zur letzten Auswertung Ende November hatte unsere Hotline rund 3500 Telefonate geführt. Das waren nicht alles Opfer, sondern auch Angehörige von Opfern. Dabei wurden 432 Sexualdelikte benannt, die durch Priester oder Ordensleute begangen wurden. In letzter Zeit sind die Anruferzahlen gesunken, auf etwa 200 pro Woche.

Was empfinden Sie angesichts des Umfangs des Missbrauchs in kirchlichen Einrichtungen?

Ackermann: Wir wussten in der Vergangenheit zwar schon von einzelnen Fällen. Deshalb hat die Deutsche Bischofskonferenz ja 2002 Leitlinien zum Umgang mit sexuellem Missbrauch in Kraft gesetzt. Aber diese Größenordnung war und bleibt ein Schock.

Kann man da noch von Einzeltätern und einzelnen Verantwortlichen reden, oder gab es ein System des Missbrauchs?

Ackermann: Die Meldungen erstrecken sich über sechs Jahrzehnte und über alle Bistümer. Angesichts dieses großen Zeitraums muss man weiterhin von einzelnen Tätern sprechen und von einzelnen Verantwortlichen, die ihrer Pflicht nicht gerecht geworden sind. Aber in bestimmten Institutionen, in einzelnen Schulen oder Internaten, haben Strukturen dazu beigetragen, dass der Missbrauch, den Einzelne verübten, über längere Zeit möglich war. Wir haben gelernt: Da wo Einrichtungen abgeschlossen sind von der Außenwelt, ob in der Kirche, im Sport oder auch in der Familie, ist die Gefahr von Missbrauch besonders groß.

Muss man die Rechte von abhängigen Menschen, ob Kinder in der Kita oder Senioren im Altersheim, verbessern?

Ackermann: Eindeutig ja. Man muss viel sensibler sein, viel genauer hinschauen und entsprechende Mechanismen der Transparenz schaffen.

Wird diese Konsequenz in der Katholischen Kirche begriffen?

Ackermann: Ja. Wir haben die Leitlinien überarbeitet. Neu ist die Rahmenordnung zur Prävention. Darüber hinaus gibt es eine Handreichung für Schulen, Internate und Kindertagesstätten. Dort sind Standards festgeschrieben. Jetzt geht es darum, sie im Alltag umzusetzen.

Muss es auch eine materielle Entschädigung der Opfer geben?

Ackermann: Wir sind offen für eine Zahlung an die Betroffenen. Da muss man natürlich über die Höhe reden. Aber unser Konzept ist umfangreicher. Wir halten zum Beispiel auch einen Präventionsfonds für sinnvoll, an dem wir uns beteiligen wollen. Er soll helfen, künftige Taten zu verhindern. Zu unseren Vorschlägen gehört die Übernahme von Therapiekosten, vor allem bei der Paarberatung. Denn viele Betroffene haben später Bindungsprobleme. Wir haben eine Härtefallregelung vorgesehen für Menschen, die besonders schwer geschädigt sind.

Welche Höhe der Entschädigung können Sie sich vorstellen?

Ackermann: Wir haben unser Modell beim runden Tisch in Berlin eingebracht und müssen jetzt dort die Diskussion abwarten. Wir sprechen ganz bewusst nicht von Entschädigung, sondern von der Anerkennung erlittenen Leids.

Über einen Fonds wie beim runden Tisch Heimerziehung?

Ackermann: Den haben wir nicht vorgesehen. Die Betroffenen müssen die materielle Anerkennung zunächst vom Täter erhalten. Erst dann tritt eine Institution ein, in der sie geschädigt wurden: Von der Kirche, wenn es die Kirche war, und zwar das konkrete Bistum. Vom Sportverein, wenn der Missbrauch dort geschehen ist. Allerdings sollten sich dann alle Institutionen zu einer solchen Zahlung verpflichten.

Am runden Tisch müssen wir Kriterien und Größenordnungen festlegen. Das wird schwierig, aber wir müssen uns dem stellen.