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Franz Walter: Herbst der Volksparteien angebrochen

Die Bundestagswahl hat Union und SPD jeweils das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte beschert. Das ist nicht nur Folge der Wählerwanderung zu den Kleinen - es ist auch ein Symptom, sagt der Parteienforscher Franz Walter. Von unserer Mitarbeiterin Claudia Renner

Mainz. "Der Status Volkspartei ist nur ein Zwischenstadium", sagt der Göttinger Parteienforscher Franz Walter bei einer Vortragsveranstaltung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Mainz. Das Wählerverhalten werde immer sprunghafter, seufzen die Volksparteien, wenn sie nach den Motiven der Wechselwähler suchen.

Walter dreht den Spieß um: "Die Volatilität innerhalb der Parteien ist stärker als in der Wählerschaft." Im Klartext: "SPD und CDU sind in den vergangenen Jahren in ihrer Aussage wechselhafter geworden als in Jahrzehnten zuvor."

1972 kamen SPD und Union zusammen auf mehr als 90 Prozent der Wählerstimmen - bei der Bundestagswahl im September nur noch auf 56,8 Prozent. Die Zeiten, in denen CDU und SPD je 40 Prozent und mehr holen, sind nach Walters Einschätzung vorbei.

Volksparteien verlieren nicht mehr nur an ihren Rändern nach rechts und links - sie bröckeln im Kern. Die SPD verlor in den elf Jahren ihrer Berliner Regierungszeit 24 Prozentpunkte bei gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmern. "Früher hätte man gesagt, das sind die Kader", sagt Walter. Die CDU verlor in acht Jahren 14 Prozent bei Selbstständigen. Bei der Landtagswahl in Thüringen wanderten massenhaft katholische Wähler ab - früher die "Treuesten der Treuen".

Die Sozialdemokraten haben in elf Jahren mehr als 17 Prozentpunkte verloren, vier Fünftel ihrer Ministerposten und 300 000 Parteimitglieder. Traditionelle SPD-Milieus samt Gesang- und Fußballvereinen trocknen aus, weil es kaum noch Funktionäre gibt, die als "Kümmerer" solche Gemeinschaften organisieren. "Die CDU hat strukturell noch mehr Probleme, die in 10 bis 15 Jahren zum Tragen kommen": Schon heute wählen Männer unter 60 Jahren nur zu 30 Prozent CDU. Die treue Wählerschaft unter den Rentnern verliert sie aus demografischen Gründen.

In Ostdeutschland ist die SPD ohnehin keine Volkspartei, so Walter. Ein Grund sei, dass die SPD sich nach der Wende 1990 gegen die Aufnahme von Zehntausenden Eintrittswilligen aus der SED entschied. Dadurch wurde die SED-Nachfolgerin PDS im Osten zur Massenpartei. Bei Landtagswahlen wird die SPD dort nur vierte bis sechste Kraft.

Die gewählten Vertreter repräsentieren zudem nicht (mehr) die Breite der Gesellschaft. 1949 waren 20 Prozent der Bundestagsabgeordneten Unternehmer.

Wie weiter, Volksparteien? Rezepte, wie sie auf ihren Statusverlust reagieren sollten, kann und will Walter nicht ausstellen. Nur einen Rat hat er für die SPD: "Die Sozialdemokratie ist eine Partei der Mitte", sie habe sie selbst produziert, indem sie sozialen Aufstieg ermöglicht hat. Beide Volksparteien müssten künftig mit Wahlergebnissen von bestenfalls um die 35 Prozent leben. Daher sollten beide "allianzfähig" sein.

Franz Walter. Foto: privat
Franz Walter. Foto: privat