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Frauenärzte kritisieren katholische Kliniken

Trier. Scharfe Kritik an katholischen Kliniken: Der Vorsitzende des Bezirksfrauenärzteverbandes, Heinrich Hackenberg, wirft den Häusern unchristliches und unsoziales Verhalten vor. Bernd Wientjes

Trier. Heinrich Hackenberg ist sauer. Der Frauenarzt und Vorsitzende seines Berufsverbandes im Bezirk Trier macht den katholischen Krankenhäusern, die sich weigern, vergewaltigten Frauen die Pille danach zu verordnen, schwere Vorwürfe. Gerade christliche Kliniken seien verpflichtet, Vergewaltigungsopfern zu helfen. "Diese Hilfe zu verweigern ist unchristlich und unsozial", empört sich der Mediziner.
Kardinal entschuldigt sich


Hintergrund ist die Abweisung eines Vergewaltigungsopfers in zwei katholischen Krankenhäusern in Köln. Der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner hat sich gestern bei der Frau öffentlich entschuldigt. "Dieser Vorgang beschämt uns zutiefst, denn er widerspricht unserem christlichen Auftrag und Selbstverständnis." Es gebe keine kirchliche Anweisung, Vergewaltigungsopfer anders zu behandeln oder abzuweisen. "Eine Vergewaltigung ist ein schlimmes Verbrechen", erläuterte der Kardinal. In einem solchen Fall müsse jede notwendige medizinische, seelsorgerische und menschliche Hilfe geleistet werden, einschließlich der Spurensicherung.
Meisner sprach sich allerdings indirekt gegen die Verordnung der Pille danach aus. Die Kirche sieht in ihr eine Form der Abtreibung.
"Das ist absolut falsch", stellt der Frauenarzt Hackenberg klar. Die Pille danach sei keine Abtreibungspille. Sie verhindere, dass eine Befruchtung der Eizelle stattfinde. Die Abtreibungspille gebe es auch, sie dürfe aber nur von dafür zugelassenen Ärzten verabreicht werden. Mit ihr würden bereits bestehende Schwangerschaften abgebrochen, erklärt Hackenberg.
Den Ärzten in den Kliniken macht Hackenberg im Übrigen keinen Vorwurf. Sie seien als Angestellte des Krankenhausträgers an dessen Weisungen gebunden. Doch mit solchen Vorgaben, die es auch in einigen katholischen Krankenhäusern in der Region Trier gibt (der TV berichtete), würde die Behandlungsfreiheit von Ärzten eingeschränkt, sagt Hackenberg. Es sei nicht hinzunehmen, dass katholisch geführte Häuser einen derartigen Druck auf ihre Mitarbeiter ausübten. "Die Ärzte sind verpflichtet, Menschen zu helfen, erst recht Menschen, die in Not geraten sind." Und: Ärzte seien in erster Linie ihrem Gewissen verpflichtet. Das sehen auch einige katholische Krankenhausträger so. Etwa die Trierer Cusanus-Trägergesellschaft (ctt), zu der unter anderem das Verbundkrankenhaus Bernkastel/Wittlich gehört. Sie überlässt ihren Ärzten die Entscheidung, Frauen die Pille danach zu verordnen, sagte vergangene Woche eine ctt-Sprecherin unserer Zeitung. Der Landesvorsitzende des Frauenärzteverbandes, Werner Harlfinger, schließt sogar nicht aus, Kliniken, die vergewaltigten Frauen die entsprechende Hilfe versagen, die staatliche Förderung zu streichen.
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz sieht in der Diskussion einen Beleg dafür, "wie wichtig die Freiberuflichkeit des Arztes ist." Nur so könne verhindert werden, "dass Ärzte nicht dem Wohle ihrer Patienten dienen, sondern den Interessen Dritter - seien dies Krankenkassen oder auch Krankenhausträger", sagt KV-Sprecher Rainer Sauerwein.
Die KV betreibt in einigen katholischen Krankenhäusern wie etwa dem Trierer Mutterhaus auch Bereitschaftsdienstzentralen, in denen etwa am Wochenende hausärztliche Notfälle behandelt werden. Die dort arbeitenden Ärzte seien dem Krankenhausträger nicht weisungsgebunden. Mit anderen Worten: Sie können in bestimmten Fällen auch die Pille danach verordnen.
Der Vorfall in Köln ist für den neuen rheinland-pfälzischen Sozialminister Alexander Schweitzer (SPD) Anlass, mit den 33 katholischen Krankenhausträgern im Land zu reden. Das Gespräch soll schon "sehr bald" stattfinden, sagte eine Ministeriumssprecherin unserer Zeitung. Rechtlich gebe es allerdings an der Haltung der Kliniken nichts auszusetzen.