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Gefährliche Korrosion im Reaktor - Brennelementhüllen von Cattenom beschädigt?

Cattenom. In 25 von 58 französischen Kernkraftwerken soll es zur Korrosion von Rohren gekommen sein, die die Brennelemente umhüllen. Auch die Anlage in Cattenom ist davon angeblich betroffen. Bernd Wientjes

Cattenom. Christoph Pistner spricht von einer "ernstzunehmenden" Sache. Korrosion von Brennelementhüllen in Kernkraftwerken sei zwar normal, müsse aber genaustens beobachtet werden. Pistner ist stellvertretender Leiter der Abteilung Nukleartechnik und Anlagensicherheit am Ökoinstitut in Darmstadt, einem gemeinnützigen, privaten Forschungsinstitut. Wie gefährlich die angeblich von Korrosion betroffenen Hüllen der Brennelemente in Cattenom sind, kann er nicht sagen. Wichtig sei, dass die Rohre, die die Brennelemente umhüllen und vom Kühlwasser trennen, nicht komplett oxidieren und damit eventuell rissig werden könnten. Dann nämlich könne Radioaktivität nach draußen gelangen.
Französische Medien berichten, in 25 der 58 französischen Kernkraftwerke seien Brennstoffhüllen von Korrosion betroffen. Darunter sollen auch die grenznahen Anlagen in Cattenom und Fessenheim im Elsass sein.
Der Kraftwerksbetreiber, der französische Energiekonzern EDF, hat der französischen Nachrichtenagentur AFP gesagt, dass "zum jetzigen Zeitpunkt kein Sicherheitsproblem festgestellt wurde und dass es folglich kein Betriebsproblem gibt". Laut EDF sei ohnehin geplant, im nächsten Jahr die Brennelemente in Cattenom auszutauschen.
Die rheinland-pfälzische Energieministerin Eveline Lemke (Grüne) verlangt von der französischen Atomaufsicht und von der Umweltministerin des Nachbarlandes Aufklärung über das Ausmaß der Korrosion der Brennelementhüllen in Cattenom. Lemke spricht von einem Skandal. Man dürfe die Mängel nicht auf die leichte Schulter nehmen. Sie fordert erneut die Abschaltung des "Pannenreaktors".
Laut Nuklearexperte Pistner könnte starke Korrosion der Hüllen ein vorzeitiges Wechseln der Brennelemente notwendig machen. Die zwischen 0,6 und 0,8 Millimeter dicken Hüllen sollen aus der Metalllegierung Zirkaloy bestehen. Experten sagen, dass bei diesem Material eine Korrosion unvermeidbar ist. Durch den Einfluss von Sauerstoff oxidiert das Material. Die ständige Strahlung im Reaktor hat ebenfalls Einfluss auf die Struktur der Legierung. Die Korrosion begrenze die Einsatzzeit der Brennelemente auf höchstens fünf Jahre, heißt es weiter.
Die Korrosion solcher Hüllen hat 1969 im schweizerischen Lucens zu einem schweren Reaktorunfall geführt. In einem Versuchsatomreaktor schmolz die Magnesiumhülle eines Brennstabs und auch das darin enthaltene Uran. Es kam zu Explosionen. Das Uran gelangte in das Kühlwasser. Weil der Versuchsreaktor in einen Fels gebaut worden war, drang keine Radioaktivität nach draußen. Wie sich später herausstellte, waren durch Korrosion völlig verstopfte Brennelementhüllen Grund für den Unfall. Kühlgas konnte nicht mehr durchfließen, es kam zur Kernschmelze.