| 20:39 Uhr

"In unverantwortlicher Weise versagt"

Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem tödlichen Baumunglück in der Wilhelm-Rautenstrauch-Straße hat das Trierer Grünflächenamt zwei neue Bäume im Rautenstrauchpark gepflanzt. Dieser steht an der Stelle der Kastanie, die eine 70-jährige Triererin erschlagen hat. TV-Foto: Roland Morgen
Fast auf den Tag genau ein Jahr nach dem tödlichen Baumunglück in der Wilhelm-Rautenstrauch-Straße hat das Trierer Grünflächenamt zwei neue Bäume im Rautenstrauchpark gepflanzt. Dieser steht an der Stelle der Kastanie, die eine 70-jährige Triererin erschlagen hat. TV-Foto: Roland Morgen
Trier. Unter Tränen hört der 53-jährige Gärtnermeister am Donnerstagabend das Urteil. Strafrichter Wolf-Dietrich Strick wirft ihm vor, er habe "in unverantwortlicher Weise versagt" und sei schuldig der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung. Doch auch die Stadtverwaltung habe sich "eklatanter Organisationsmängel" schuldig gemacht. Jörg Pistorius

Trier. Drei Tage lang schaut die Welt in einen Verhandlungsraum des Trierer Amtsgerichts. Hier tagt keine Strafkammer und auch kein Schöffengericht, hier steht man auch nicht auf, wenn der Richter den Saal betritt. Hier sitzt ein einzelner Strafrichter und urteilt oft im Halbstundentakt über Alltagskriminalität wie Diebstähle, Hausfriedensbruch oder Körperverletzung.
Doch der Prozess um das tödliche Baumunglück vom November 2012 hebt das Amtsgericht auf eine höhere Ebene der Aufmerksamkeit. Drei Tage lang sind fast alle Besucherplätze von 9 bis 18 Uhr ständig besetzt, ein Dutzend Journalisten verfolgt jede Minute, neben dem Staatsanwalt sitzen zwei Anwälte der Nebenkläger. Jede Nuance dieser Hauptverhandlung unterstreicht, dass es seinen solchen Fall offenbar in Trier und generell in der Rechtsprechung noch nie gegeben hat. Ein auf städtischem Gelände stehender Baum fällt ohne einen äußeren Einfluss im November 2012 einfach um und trifft zwei Menschen. Einer erleidet viele Knochenbrüche, hat heute eine künstliche Hüfte und geht an Krücken. Ein weiterer stirbt sofort. Auf der Anklagebank sitzt ein Angestellter der Stadtverwaltung, zu dessen vielen Aufgaben es gehört, als schadhaft gemeldete Bäume näher zu untersuchen. Er hätte, so die Staatsanwaltschaft, die Alarmsignale sehen, den Baum untersuchen und seine Fällung veranlassen müssen.
"Wir haben über Schuld oder Unschuld des Angeklagten, und nur des Angeklagten, zu befinden", hat Richter Wolf-Dietrich Strick am ersten Prozesstag vergangene Woche betont. Um 16.30 Uhr am Donnerstag verkündet Strick das Urteil. Der Angeklagte ist schuldig der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Körperverletzung. Er wird zu einer Geldstrafe von 4800 Euro verurteilt, womit er nach Rechtskraft des Urteils als vorbestraft gilt. Doch auch die Stadt Trier habe sich "eklatanter Organisationsmängel" schuldig gemacht. Sie sitzt jedoch nicht auf der Anklagebank.

Staatsanwalt Arnold Schomer
unterstreicht in seinem Plädoyer, der Angeklagte sei weder kriminell, noch dürfe er zum Sündenbock für dieses Unglück werden. "Doch er wurde schon am 23. Juli auf den schlechten Zustand des Baums aufmerksam gemacht, hat aber nicht gehandelt", betont Schomer. Aus Überlastung habe der Gärtnermeister die Indikatoren für die mangelnde Standfestigkeit nicht erkannt. An einem Schuldspruch führe deshalb kein Weg vorbei. Schomer beantragte 60 Tagessätze zu je 30 Euro. Der Staatsanwalt kritisiert die Stadt Trier ebenso, wie es Richter Strick in seiner Urteilsbegründung tun wird: "Ich kann nicht überall große Bäume pflanzen und dann eine viel zu geringe Personal- und Finanzausstattung für deren Pflege und Kontrolle zur Verfügung stellen."


Rechtsanwältin Anne Bosch
vertritt den Nebenkläger Walter Schrage, dessen Frau Gisela durch den fallenden Baumstamm getötet wurde. "Für meinen Mandanten steht nicht Bestrafung, sondern Aufklärung an erster Stelle", betont sie.
Walter Schrage hat den gesamten Prozess gefasst verfolgt, auch die Plädoyers und die Urteilsverkündung hört er mit an. Bosch betont: "Für dieses Unglück sind mehrere Menschen verantwortlich. Das Grünflächenamt ist weit weg von einer intakten Organisationsstruktur."
Rechtsanwalt Otmar Schaffarczyk vertritt das zweite Unfallopfer, einen durch den Baumsturz schwer verletzten und heute gehbehinderten Trierer Juristen. Schaffarczyk greift den Angeklagten scharf an und bezeichnet ihn als Lügner. "Sie ziehen sich auf den Grundsatz zurück, wenn ich nichts mehr weiß, dann kann mir auch nichts passieren. Doch das ist falsch." Der Strafrechtsexperte bezieht sich damit auf die Aussage des Angeklagten, er sei am 23. Juli seiner Erinnerung nach eben nicht vor Ort im Rautenstrauchpark gewesen, als seine Kollegen ihm den üblen Zustand der dort stehenden Kastanie gemeldet hatten. Diese Aussage hat ein Mitarbeiter des Amts im Zeugenstand jedoch klar widerlegt. Auch die vom Angeklagten erwähnte Mappe mit über 100 Bäumen, die alle zur intensiven Zweitkontrolle anstehen, zieht Schaffarczyk in Zweifel "Wo ist denn diese Mappe? Zeigen Sie sie uns." Eine bloße Geldstrafe sei in diesem Fall "nicht angemessen".

Verteidiger Roderich Schmitz lehnt das Auftreten seines Kollegen als "maßlos" und "Plädoyer für den Boulevard" ab. Er fordert einen Freispruch. "Es gibt weder eine rechtliche Grundlage noch eine konkrete Dienstanweisung, wie die Zweitkontrollen auffällig gewordener Bäume zu handhaben sind", betont er. Der Angeklagte habe alle Zweitkontrollen innerhalb des gewaltigen Baumbestands der Stadt in Eigenregie festlegen und durchführen müssen. "Es kann kein Unrecht sein, etwas zu unterlassen, was realistisch betrachtet niemand vollbringen kann." Fahrlässigkeit liege hier nicht vor.

Der Angeklagte hat das letzte Wort. Man sieht ihm die unglaubliche Belastung an. "Sie haben beide großes Leid und große Schmerzen erfahren", sagt er in Richtung der Nebenkläger. "Es tut mir so sehr leid."

Kurz vor Verhandlungsbeginn im Amtsgericht Trier: der angeklagte Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit seinem Verteidiger. TV-Foto: Friedemann Vetter
Kurz vor Verhandlungsbeginn im Amtsgericht Trier: der angeklagte Mitarbeiter der Stadtverwaltung mit seinem Verteidiger. TV-Foto: Friedemann Vetter