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Inspektoren sagen mangelhaft, Betreiber alles bestens

Cattenom. Der Betreiber des französischen Kernkraftwerks Cattenom hat einen eigenen 390-seitigen Prüfbericht über die Anlage veröffentlicht. Er steht im Widerspruch zu einem Bericht der französischen Atombehörde, in dem Sicherheitsmängel aufgeführt sind. Bernd Wientjes

Cattenom. Wasser, das aus verrosteten Rohren tropft, nicht richtig funktionierende Notstromaggregate, ein mangelhafter Notfallplan. Es ist kein gutes Zeugnis, das die Inspektoren der französischen Atomaufsicht dem Kernkraftwerk Cattenom ausstellen. Auf 22 Seiten listen sie die Ergebnisse ihres Kontrollbesuches vom 2. bis 4. August auf. Die Inspektion fand im Rahmen des europaweiten Stresstests aller Atomkraftwerke statt. Darin heißt es auch, dass das Kraftwerk nicht ausreichend auf eine Naturkatastrophe wie ein Erdbeben vorbereitet ist (der TV berichtete). Nun hat der Betreiber des Kraftwerks, der französische Energiekonzern EDF, seinen eigenen Prüfbericht ins Internet gestellt. Auf 390 Seiten wiederholt er detailliert, was bereits kurz nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima mitgeteilt worden war: Das Kernkraftwerk Cattenom ist sicher. Allein auf 68 Seiten wird anhand von Tabellen und Statistiken nachzuweisen versucht, dass ein Erdbeben bis zur Stärke 5,4 auf der Richter-Skala Cattenom nichts anhaben kann. Das hatte der Direktor des Kraftwerks, Stéphane Dupré-la-Tour, immer wieder versichert. Auch die Notfallkommunikation wird in dem EDF-Papier detailliert dargestellt. Am Ende des Berichts wird auf fünf Seiten zusammengefasst, was bei der vom Betreiber veranlassten Überprüfung des Kraftwerks festgestellt worden ist.
EDF hat für alle 80 Atomanlagen in Frankreich derart ausführliche Berichte angefertigt, insgesamt 7000 Seiten umfassen sie. Die Informationen aus den Untersuchungen werden auch für die europaweiten Stresstests benötigt. Bis Donnerstag vergangener Woche sollten 14 Staaten dafür Zwischenberichte einreichen. Der Abschlussbericht der EU-Kommission wird im April 2012 erwartet.
Die Trier-Saarburger Grünen-Landtagsabgeordnete Stephanie Nabinger kritisiert, dass EDF im Zwischenbericht den Zustand des Kraftwerks beschönige und in "einem viel zu positiven Licht" darstelle. Das wirtschaftliche Interesse der Betreiber, die Anlage so lange wie möglich am Netz zu lassen, dürfe nicht bedeuten, dass Mängel und Risiken verschwiegen werden.
Die Anlage habe bei der Inspektion "einen schlechten Gesamteindruck" gemacht, sagte die rheinland-pfälzische Energie- und Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) gestern. Zusammen mit Luxemburg und dem Saarland hatte Rheinland-Pfalz einen Experten beauftragt, an den Inspektionen der Atomaufsicht teilzunehmen. Er habe die Befürchtungen des Landes bestätigt, dass die technische Ausstattung und auch die Sicherheit des Kraftwerks Cattenom "erhebliche Mängel" haben. "Es ist erschreckend und nicht tolerierbar, dass die Sicherheitstechnik an etlichen Stellen Lücken aufweist", sagte Lemke. Sie forderte - wie bereits vorigen Samstag bei der Anti-Cattenom-Kundgebung im saarländischen Perl - die Abschaltung der Anlage. Am Freitag werden sich Vertreter der Strahlenschutzbehörden von Rheinland-Pfalz, vom Saarland und aus Luxemburg im Großherzogtum mit Mitarbeitern der französischen Atombehörde treffen und den Inspektionsbericht analysieren. Rheinland-Pfalz lege besonderen Wert auf Erdbebensicherheit und Hochwasserschutz sowie das Management von schweren Unfällen, hieß es.Meinung

Glaubwürdigkeit verspielt
Die Kluft zwischen den Erkenntnissen der französischen Atombehörde und der Betreiber des Kraftwerks von Cattenom ist logisch: Den Kontrolleuren geht es darum, Mängel aufzudecken und die Sicherheit der 80 zumeist in die Jahre gekommenen französischen Anlagen zu erhöhen. Frankreich, und damit auch die Atombehörde, steht unter Druck. Trotz Fukushima hält man dort anscheinend unbeeindruckt an der nuklearen Energiegewinnung fest. Ernstzunehmende Atom-Kritik gab es bislang im Nachbarland nicht. Auch die dortige Atombehörde galt lange Zeit nicht gerade als unabhängig. Doch im Rahmen der europaweiten Stresstests können es sich die Atomaufseher nicht leisten, beschönigende Berichte abzuliefern. Anders als der Betreiber der Atomkraftwerke, der staatliche dominierte Energiekonzern EDF. Ihm geht es dar-um, seine Anlagen - darunter das Kernkraftwerk Cattenom - so lange wie möglich am Netz zu lassen. Daher werden offenkundige Sicherheitsmängel in Cattenom verschwiegen, Pannen als nicht relevant abgetan. Damit verspielt EDF endgültig seine Glaubwürdigkeit und tut alles dafür, den berechtigten Zorn der Bürger in der Region gegen Cattenom noch weiter anzufeuern. b.wientjes@volksfreund.deDie Stresstests für Europas Atommeiler laufen nach Plan. Alle 143 Atomkraftwerke in 14 EU-Ländern werden zurzeit getestet. Der Abschlussbericht der EU-Kommission wird im April 2012 erwartet. Falls eine Anlage durchfällt, will Brüssel den Mitgliedsstaaten empfehlen, Reaktoren abzuschalten. Derzeit hat die EU keine rechtliche Handhabe, eine Kraftwerksschließung zu verlangen. Als Konsequenz aus dem Atomunglück in Japan unterzieht die EU aber erstmals Atommeiler einem einheitlichen Sicherheitstest. Der Startschuss dazu war am 1. Juni gefallen. Damit marschiert die EU international voran. Bei den Tests wird geprüft, wie die Atommeiler auf Naturkatastrophen wie Erdbeben, Hochwasser oder Flugzeugunglücke vorbereitet sind. Terrorgefahren sind zunächst ausgeklammert. dpa