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Religion
Was Hitler über Hexen sagte und wie Jesus Frauen emanzipierte

Ein neues Buch beleuchtet die Schattenseiten der christlichen Religion – und lässt dabei manches weniger düster wirken.
Ein neues Buch beleuchtet die Schattenseiten der christlichen Religion – und lässt dabei manches weniger düster wirken. FOTO: Daniel Reinhardt / picture alliance / dpa
Trier. Der Bestsellerautor Manfred Lütz erklärt im TV-Interview, warum viele Christen ein völlig falsches Bild von ihrer Religion haben.

Die Christenheit dürfte ihre helle Freude an dem neuen Buch von Bestsellerautor Manfred Lütz haben. Verwirrenderweise wirkt es mit seinem reißerischen Titel „Der Skandal der Skandale. Die geheime Geschichte des Christentums“ und seiner knalligen Aufmachung auf den ersten Blick wie eine Abrechnung mit der Religion des Abendlandes.

Doch ist es genau das Gegenteil. Wissenschaftlich fundiert räumt Lütz mit allerlei „Fake News“ auf, die Nationalsozialisten, Kommunisten und andere über das Christentum in die Welt setzten. Sichtweisen, die sich so erstaunlich gut hielten, dass auch ein studierter Theologe wie der Autor bei der Recherche für sein neues Werk ins Staunen kam. Ein Werk, das der Öffentlichkeit allerdings nicht nur von Geistlichen wie dem Erzbischof von Wien und konservativen Politikern wie Jens Spahn und dem österreichischen Bundeskanzler präsentiert wird, sondern von Politikern, Journalisten und Kabarettisten, die überwiegend Atheisten sind: Gregor Gysi, Günther Wallraff, Volker Beck oder Jürgen Becker.

Das frisch veröffentlichte Buch, das es gleich in die Top 3 der aktuellen Sachbuch-Charts schaffte, widmet sich auf knapp 300 gut zu lesenden Seiten in chronologischer Reihenfolge der Geschichte und den bekanntesten Skandalen des Christentums und bringt dabei Überraschendes aus der Forschung ans Licht.

Wer es liest, wird feststellen, dass die Region Trier, wenn es um Kirchengeschichte geht, nicht Provinz, sondern Epizentrum ist. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit dem Bonner Autor über eine Religion gesprochen, die offenbar anders ist, als sie zu wissen glaubte.

Herr Lütz, Sie schreiben, das Christentum sei die unbekannteste  Religion der westlichen Welt. Wie das?

Manfred Lütz: Das liegt nicht daran, dass man zu wenig weiß, sondern dass das meiste davon einfach grotesk falsch ist. Obwohl ich fünf Jahre Theologie studiert habe, wusste ich vieles selbst nicht, bis ich das berühmte Werk „Toleranz und Gewalt“ des renommierten Kirchenhistorikers Arnold Angenendt gelesen hatte, das den internationalen Forschungsstand zur Geschichte des Christentums darstellt. Das Buch hat allerdings 800 Seiten mit 3000 Anmerkungen, und ist somit für Ottonormalverbraucher nicht gut verdaulich. Deswegen habe ich jetzt mit Arnold Angenendt zusammen eine Kurzfassung geschrieben. Ich habe das Buch von führenden Historikern lesen lassen, damit alles stimmt, aber auch von meinem Friseur, damit es locker bleibt.

Wie kann es sein, dass wir so danebenliegen?

Lütz: Das Christentum hat 2000 Jahre lang Gegner gehabt, die alle möglichen Fakenews in die Welt gesetzt haben. Es ist schon merkwürdig, dass die Diktaturen des 20. Jahrhunderts längst verschwunden sind, aber die Märchen, die die Hitlers und die Honeckers über das Christentum in die Welt gesetzt haben, die schwirren immer noch durch die Köpfe.

Welche Märchen denn?

Lütz: Heinrich Himmler hat zu beweisen versucht, dass neun Millionen blonde germanische Frauen im Mittelalter von den Priestern als Hexen getötet wurden. Noch heute kolportieren das Medien. Neuere seriöse Forschungsergebnisse, die unter anderem an der Universität Trier erarbeitet wurden, zeigen ein völlig anderes Bild: Es gab 50 000 Opfer in ganz Europa, die Hälfte davon in Deutschland. Durchgeführt wurden die Prozesse nicht von der Kirche, sondern von der weltlichen Justiz. Die Hexenverfolgungen fanden auch nicht im Mittelalter, sondern in der Neuzeit statt. Das Bistum Trier stand an vorderster Front, die Hexenverfolgung zu beenden.

Wie das?

Lütz: Wer im Mittelalter an Hexen glaubte, dem konnte es an den Kragen gehen, weil er ja offensichtlich einem heidnischen Aberglauben anhing. Regino von Prüm erklärte den Glauben an Hexen für eine Wahnvorstellung. Und beendet hat die Hexenverfolgung unter anderem der Jesuit Friedrich Spee. Die Forschung hat das erstaunliche Ergebnis erbracht, dass ausgerechnet die moderne juristische Elite für Hexenverfolgung eintrat, so Jean Bodin, der Begründer der Staatssouveränität, aber auch der atheistische Aufklärer Thomas Hobbes. Das alles war mir völlig neu.

Anmerkung der Redaktion: Regino von Prüm, gestorben 915 in Trier war Abt in Prüm, ehe er in die Trierer Abtei St. Maximin wechselte, wo er den „Canon episcopi“ schrieb, der sich gegen den weit verbreiteten Aberglauben wandte. Der Jesuit Friedrich Spee, der mit einem Buch über die rechtlichen Bedenken gegen Hexenprozesse dazu beitrug, den Hexenwahn zu beenden, verbrachte ab 1633 seine letzten Lebensjahre in Trier und ist dort in der Jesuitenkirche beerdigt

Was hat Sie am meisten überrascht?

Lütz: Ich wusste nicht, dass Toleranz eine christliche Erfindung ist. Im klassischen Latein war „tolerantia“ das Tragen von Lasten, und die Christen haben daraus gemacht: Menschen anderer Meinung ertragen. Die Heiden hatten kein Mitleid. Für sie war jemand, der behindert war, von den Göttern geschlagen. Mit dem beschäftigte man sich am besten nicht. Christen hingegen haben die Menschen in Not in den Mittelpunkt gestellt. Das war völlig neu. Auch die Internationalität ist eine christliche Erfindung. Die Christen glaubten an einen Gott, der alle erschaffen hat. Deshalb gibt es auch nicht ein auserwähltes Volk. Alle Völker sind gleichberechtigt. Wenn heute Leute sagen, sie kämpften für das christliche Abendland und gleichzeitig „Deutschland, Deutschland über alles“ brüllen, dann haben die keine falsche Meinung, die sind schlicht nicht informiert.

Was erstaunt noch?

Lütz: Ich habe immer gedacht, die Sklavenbefreiung sei eine Leistung der Aufklärung gewesen. Die Sklavenforschung erklärt dagegen, dass das Christentum schon im Mittelalter dazu geführt hat, dass in Europa als einzigem Gebiet auf der Welt die Sklavenmärkte verschwanden, weil die Christen an die Erlösung, die Befreiung aller Menschen glaubten. Das erklärt nach Lage der Forschung auch, warum die Frauenemanzipation nicht in China, Indien oder Afrika stattfand, sondern in vom Christentum geprägten Gegenden.

Das Christentum hat Frauen emanzipiert? Das klingt nach einer steilen These!

Lütz: Natürlich nicht das Christentum allein, aber der Sprengsatz für die Befreiung der Frau war, so  sagt es die Forschung, der Ehekonsens. Es war immer christliche Auffassung, dass für die Ehe nicht der Wille der Eltern, sondern der höchstpersönliche Wille eines erwachsenen Mannes und einer erwachsenen Frau nötig sei. Das wirkte revolutionär, obwohl es immer wieder Rück­fälle gab. Schon in der Antike gab es doppelt so viele christliche Ärztinnen wie heidnische.

In der katholischen Kirche ist es mit der Emanzipation aber ja nicht so weit her ...

Lütz: Es geht im Buch um die Geschichte des Christentums. Historisch hatte der Protestantismus eine erheblich patriarchalischere Tradition als der Katholizismus – sagen protestantische Forscher. Der preußische Starhistoriker Heinrich von Treitschke erklärte stolz, in Preußen habe es nie eine „Weiberherrschaft“ gegeben.

Was ist der größte Skandal der Kirche?

Lütz: Dass man nach 1000 Jahren ebenfalls begann, Ketzer zu töten. Dabei hatte Jesus gesagt, Abweichler müsse man aushalten, bis Gott am Jüngsten Tag die Guten von den Bösen scheide. Das hatte 1000 Jahre gewirkt. Es gab nur einen einzigen skandalösen Fall. Leider ausgerechnet in Trier. Da hatten auf Drängen des Kaisers Bischöfe den Ketzer Priszillian im Jahre 385 zum Tode verurteilt. Der heilige Ambrosius und der berühmte heilige Martin liefen extra zu Fuß nach Trier, um das zu verhindern. Als das Urteil dennoch vollstreckt wurde, wurden alle diese Bischöfe vom Papst exkommuniziert. Jahrhundertelang passierte so etwas nie mehr. Schlimm ist auch, dass es Kreuzzüge gab. Das wäre für die frühen Christen undenkbar gewesen. Die waren Pazifisten.

Und der Missbrauchsskandal?

Lütz: Der Missbrauch durch einen katholischen Priester ist schlimmer als durch andere Menschen. Ich habe mich mit diesem Thema selber auch intensiver befasst, der unprofessionelle Umgang der Kirche damit ist ein besonderes Problem. Darüber gibt es im Buch ein eigenes Kapitel.

Was macht die Geschichte des Christentums für Sie so spannend?

Lütz: Die Aufklärung von Mythen, die Entlarvung von Fälschungen ist immer spannend. Außerdem ist die Geschichte des Christentums ja unser aller Geschichte, und als Psychotherapeut kann man da nur sagen: Wer seine eigene Geschichte verdreht, führt oft auch ein verdrehtes Leben. Deswegen müssen das Buch aus meiner Sicht nicht nur alle Christen lesen, sondern auch alle Atheisten, damit sie wissen, wo sie herkommen. Außerdem gehört das zur Allgemeinbildung. Man weiß heute alles über Bäume und Bienen, aber übers Christentum glaubt man immer noch die alten Märchen.

Warum haben Sie Ihr Buch „Der Skandal der Skandale“ genannt?

Lütz: Ich finde es einen Skandal, dass man die Geschichte des Christentums nur als Skandalgeschichte kennt. Sogar die meisten Christen schämen sich sicherheitshalber für ihre eigene Geschichte – ohne sie zu kennen. Ich bin sicher, dass jeder, der das Buch liest, völlig überrascht sein wird, wie der heutige Forschungsstand zur Christentumsgeschichte wirklich ist.

Buchcover Manfred Lütz
Buchcover Manfred Lütz FOTO: Herder Verlag / TV
Manfred Lütz
Manfred Lütz FOTO: Media 21 / TV
Tausende Frauen starben in Europa als vermeintliche Hexen auf dem Scheiterhaufen. Meist wurden sie von weltlichen und nicht von kirchlichen Gerichten verurteilt.
Tausende Frauen starben in Europa als vermeintliche Hexen auf dem Scheiterhaufen. Meist wurden sie von weltlichen und nicht von kirchlichen Gerichten verurteilt. FOTO: Patrick Seeger / dpa