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Philosophie
Karl Marx: Was nur macht den Mann so sexy?

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Karl Marx denken? Das war eine Frage der Redaktion an die Leserinnen und Leser des Trierischen Volksfreunds. Kommunismus, Kapital, Klassenkampf – die Wortwolke oben gibt einen Überblick mit den häufigsten Antworten (Online-Umfrage vom 23. bis 27. März, 472 Teilnehmer, nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung). 84 Prozent finden es gut, dass es in Trier eine große Ausstellung und zahlreiche Veranstaltungen zum 200. Geburtstag des Philosophen gibt. Vom Volksfreund erwarten die meisten: ausführliche Berichterstattung, sachliche, objektive, kritische, ehrliche Herangehensweise, Hintergründe und Einordnung, am liebsten die „ganze Wahrheit“ – aber bitte nicht übertreiben; manchen ist das „Gesumse“ jetzt schon zu viel. Danke fürs Mitmachen! (-art)
Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Karl Marx denken? Das war eine Frage der Redaktion an die Leserinnen und Leser des Trierischen Volksfreunds. Kommunismus, Kapital, Klassenkampf – die Wortwolke oben gibt einen Überblick mit den häufigsten Antworten (Online-Umfrage vom 23. bis 27. März, 472 Teilnehmer, nicht repräsentativ für die Gesamtbevölkerung). 84 Prozent finden es gut, dass es in Trier eine große Ausstellung und zahlreiche Veranstaltungen zum 200. Geburtstag des Philosophen gibt. Vom Volksfreund erwarten die meisten: ausführliche Berichterstattung, sachliche, objektive, kritische, ehrliche Herangehensweise, Hintergründe und Einordnung, am liebsten die „ganze Wahrheit“ – aber bitte nicht übertreiben; manchen ist das „Gesumse“ jetzt schon zu viel. Danke fürs Mitmachen! (-art) FOTO: Jäger, Maike / TV
Trier. Seine Texte sind sperrig. Seine Theorien teils falsch. Seine Wirkung ist verheerend. Warum trotzdem alle über Marx reden. Von Katharina De Mos

Karl Marx. Was um Himmels willen macht ihn so hip, dass derzeit ein Buch nach dem anderen über ihn erscheint und seine Geburtsstadt Trier und das Land Rheinland-Pfalz ihm zum 200. Geburtstag nicht nur eine, sondern mehr als 20 Ausstellungen und 600 Programmpunkte schenken? Seine Texte: so viele Substantive. So wenig Verben. So verschachtelt, so schwer verdaulich, so weit weg von der Realität des 21. Jahrhunderts. Und wieder wirbeln die Wörter und wollen so wenig Sinn ergeben. Die Bourgeoisie dies, die Bourgeoisie das, das Proletariat, die Produktionskräfte, die Grundrente, das Kapital, der Mehrwert, der Klassenkampf. Hirnlähmung. Was nur finden alle daran so aktuell, dass man sich durch das völlig veraltete Vokabular seiner Schriften quälen sollte?

Marx schreibt über Klassen, die es längst nicht mehr gibt, über Revolutionen, die so nicht stattfanden, über eine utopische Gesellschaft, die nie entstand. Und er analysiert auf Hunderten nur mit stärkstem Willen zu bezwingenden Seiten am Beispiel von Spinnfabriken, Kardiermaschinen und Tapetenmachern ein System, das doch sowieso jeder kennt. Aus täglicher Anschauung. Denn es prosperiert.

Der von Marx vielbeschworene Klassenkampf ist ausgefallen. Der Kapitalismus blüht, während der Planet leidet. Das Proletariat hat die Diktatur sausen lassen und sich stattdessen einfach mit mehr Lohn, mehr Freizeit, besseren Arbeitsbedingungen, einem guten Gesundheitssystem, Sozialleistungen und einem langen Leben angefreundet.

Selbst als Badeente ist Karl Marx nun zu haben.
Selbst als Badeente ist Karl Marx nun zu haben. FOTO: Trier Tourismus und Marketing GmbH / TV

Der starke Sozialstaat, der den Kapitalisten bei Bedarf auf die Finger haut, und beharrliche Gewerkschaften haben es möglich gemacht. Marx sah das nicht kommen. Wo also war er prophetisch? Warum ist er aktuell in aller Munde?

„Die Frage stelle ich mir auch“, sagt Beatrix Bouvier, Historikerin, Marx-Spezialistin und wissenschaftliche Leiterin der großen Ausstellung zum 200. Geburtstag des Philosophen. Mehr noch müsse man fragen, findet Ulrike Herrmann, Wirtschaftskorrespondentin der taz und Autorin mehrerer Bücher über den Kapitalismus: „Wieso gibt es Marx überhaupt noch, obwohl in seinem Namen Millionen Menschen umgebracht wurden. Kein anderer Denker hätte dieses Blutbad überlebt.“

Ob er so beliebt wird wie die Ampelmännchen? Karl Marx regelt in Trier nun den Fußgängerverkehr.







































































































































































































































Karl-Marx-Ampelmännchen
Ob er so beliebt wird wie die Ampelmännchen? Karl Marx regelt in Trier nun den Fußgängerverkehr. Karl-Marx-Ampelmännchen FOTO: Friedemann Vetter

Warum also fasziniert dieser Marx immer noch?

Da wäre die sprachliche Wucht seines Manifests der Kommunistischen Partei. Während die grausig verklausulierten Schachtelsätze des Kapitals die meisten Leser schon auf den ersten beiden Seiten für immer vergraulen, trifft das Manifest manchen mitten ins Herz. „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaften ist die Geschichte von Klassenkämpfen“ Paf! „Proletarier aller Länder vereinigt euch!“ Herrmann nennt das „biblische Sprachgewalt“. Bouvier spricht von einem brillant geschriebenen Pamphlet voller Pathos. So vage formuliert, dass jeder es auf seine Weise deuten könne. Voller Hoffnung und Kampfesgeist. Ein historisches Zeugnis, das viele noch immer fasziniert.

Nicht nur der Mauerfall, auch die Finanzkrise hat Karl Marx wieder salonfähig gemacht. „Damals haben viele mit Schrecken festgestellt, dass der Kapitalismus anfällig ist“, sagt Bouvier,  und Herrmann holt zum Schlag gegen die moderne neoliberale Wirtschaftswissenschaft aus: Diese habe die Krise weder kommen sehen noch sei sie in der Lage gewesen, sie zu analysieren. „Und Lösungen hatte sie auch keine.“ Also feierte Marx mit der Frage, welche Alternative es zum Kapitalismus gibt, sein Comeback.

Und ist die Entfremdung, über die er schrieb, trotz all unserer Freizeit nicht etwas, das jeder kennt? Sind wir nicht alle ein bisschen entfremdet? Von unserer Arbeit, von uns selbst? „Mit der Digitalisierung wird spürbar, dass uns der Bezug verloren geht“, sagt Bouvier. Zu Marx’ Zeiten gaben Maschinen den Takt vor. Sieht die Welt nun auch ganz anders aus: Von fremden Mächten getaktet sind die meisten immer noch. So bringen Marx’ Worte bei manchem die Sehnsucht nach Freiheit zum Schwingen

Anderen hilft er schlicht, zu provozieren. Seine Gesellschaftskritik sei wie Stachel im Fleisch, sagt Bouvier. „Es tut weh, wenn man mit Marx kommt.“ Warum wohl habe Triers damaliger Bischof Reinhard Marx sein Buch „Das Kapital“ genannt? Schon der Titel provoziere. „Das ist wie ein pawlowscher Reflex.“

Und dann wäre da natürlich noch die bärtige, bärbeißige Persönlichkeit. Karl Marx mit seinen vielen Gesichtern. Denker, Kämpfer, Provokateur. Liebender Familienvater, schlechter Sohn. Jemand, der ständig über Geld schreibt und nie welches hat. Von den einen vergöttert, von den anderen gehasst. Ein Mensch voller Widersprüche.

Womit lag Marx goldrichtig?

Immer wieder wird die Weitsicht des gebürtigen Trierers gepriesen, der 1848 im Manifest treffend darlegte, wie Globalisierung funktioniert. Er beschreibt, wie die uralten nationalen Industrien verdrängt werden „durch Industrien, die nicht mehr einheimische Rohstoffe, sondern den entlegendsten Zonen angehörige Rohstoffe verarbeiten und deren Fabrikate  nicht nur im Lande selbst, sondern in allen Weltteilen zugleich verbraucht werden.“ Die Folge: ein allseitiger Verkehr, eine allseitige Abhängigkeit. Und schon ging die Diskussion über Strafzölle los. Klingt bekannt, oder?

Die Großen fressen die Kleinen: „Leute, die Geld haben, bekommen immer mehr Geld“, sagt Christian Bauer, Professor für Monetäre Ökonomik an der Uni Trier. Durch den Zins und geschickte Investitionen. Marx habe gut beschrieben, dass es so zu einer Konzentration des Kapitals komme. „Es ist genial, was er damals schon vorhergesehen hat“, findet Ulrike Herrmann, nämlich, „dass am Ende der Kapitalismus geprägt sein würde von Großkonzernen“. Ausgerechnet der Wettbewerb führe dazu, dass am Ende kein Wettbewerb mehr übrig sei. Großer Kapitalist schluckt kleinen Kapitalisten. Und am Ende beherrschen Großkonzerne die Branchen. Denn sie können am billigsten produzieren. Ein Prozess, den auch Deutschland hinter sich zu haben scheint: Nur ein Prozent der Firmen sind Großkonzerne. Doch sie erwirtschaften 68 Prozent des gesamten Umsatzes.

Marx hat laut Herrmann zudem klar beschrieben, dass der Kapitalismus von einer rasenden Dynamik ist. Geld zirkuliert. Die Bewegung des Kapitals sei maßlos, schrieb Marx. Wert entstehe nur durch Verwertung.

Oder anders formuliert: Goldbarren, die man im Garten vergräbt, sind nichts wert. „Geld behält seinen Wert nur, wenn es zu Kapital wird, also wenn es investiert wird. Diese Fokussierung auf die Investition macht Marx bleibend aktuell“, findet Ulrike Herrmann, die auch bewundert, wie klar Marx die Bedeutung der Technik sah. Dass diese im Kapitalismus viel mehr ist als nur ein Hilfsmittel. Erst die technische Entwicklung habe den Kapitalismus angetrieben. Denn je produktiver die Maschinen, desto billiger können Waren hergestellt und verkauft werden. So entstand laut Marx „Extramehrwert“, fette Gewinne. So lange jedenfalls, bis die Maschinen der Konkurrenz noch billiger produzieren.

Ebenfalls seiner Zeit voraus war Marx darin, den Zusammenhang zwischen ökonomischen und gesellschaftlichen Prozessen zu beschreiben. „Marx sagte: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das ist für uns selbstverständlich“, sagt Beatrix Bouvier. Trotz aller politischen Bemühungen bestimmt die gesellschaftliche Stellung, in die wir geboren werden, unseren Werdegang. Auch beim Thema Chancengleichheit bleib Marx daher aktuell.

Wo lag Marx total daneben?

Marx’ größter Fehler war wohl, zu glauben, dass die breite Klasse des Proletariats völlig verelenden würde. Eine Entwicklung, an deren Ende er eine Revolution sah, die die herrschenden Kapitalisten stürzen würde. „Er hat nicht vorhergesehen, dass es den Arbeitern im Kapitalismus gutgehen würde“, sagt Bouvier. Ab 1880 begannen die Löhne zu steigen. Auch, weil Gewerkschaften dafür kämpften. „Historische Realität ist: Die Gewerkschaften haben den Kapitalismus gerettet“, sagt Herrmann. Das war natürlich gar nicht ihr Ziel. Sie wollten einfach mehr Gerechtigkeit und höhere Löhne.

Doch war die Folge dessen laut Herrmann, dass der Kapitalismus zu dem wurde, was wir heute kennen: ein System, das vom Konsum der Massen geprägt ist. „Wenn es dabei geblieben wäre, dass die Arbeiter am Existenzminimum vegetieren, dann wären wir wahrscheinlich nie weitergekommen als bis zur Eisenbahn“, sagt die Wirtschaftsjournalistin: Die Herstellung von Autos, Fernsehern, Waschmaschinen oder Smartphones hätte sich gar nicht gelohnt, weil niemand das Geld gehabt hätte, sie zu kaufen. Die breite Mittelschicht hat Marx nicht kommen sehen. All die Dienstleistungen des tertiären Sektors nicht. Und schon gar nicht den starken, lenkenden Sozialstaat, der krudem Kapitalismus mit strengen Gesetzen Einhalt bot und das bei Bedarf wieder tun wird. Nun gibt es Elterngeld statt Kinderarbeit, Hartz IV statt Hungertod und ergonomisch ausgerichtete Monitore statt 16-Stunden-Schichten in Kohleminen.

Ein anderer großer Fehler in Marx’ Theorie war laut Christian Bauer, zu glauben, dass die Konzentration des Kapitals so weit gehen würde, dass es am Ende nur noch ganz wenige gibt, die alles besitzen. „Er sah nicht die Anti-Monopolgesetze, die das verhindern“, sagt der Wirtschaftsprofessor.

„Auch Marx’ Mehrwert-Theorie ist falsch“, sagt Herrmann. Marx sei davon ausgegangen, dass nur menschliche Arbeit Wert schafft. Dass der Wert von Waren also dadurch definiert wird, wie lange ein Mensch daran gearbeitet hat (und nicht von Angebot und Nachfrage). Was bedeuten müsse, dass in Computerfabriken, in denen nur noch Roboter arbeiten, keine Werte entstehen. So kann man sich irren.

Auch hatte Marx eine falsche Vorstellung vom Geld. Nicht nur, weil er immer mehr ausgab, als er hatte. Ulrike Herrmann betont zwar, dass Marx der Erste war, der die Rolle des Geldes im Kapitalismus richtig beschrieb: Es wird in die Produktion von Waren investiert, um damit Gewinn zu machen. Doch sei er auch beim Geld davon ausgegangen, dass dessen Wert durch die Arbeit bestimmt wird, die zu seiner Herstellung nötig war. Solange Gold und Silber geschürft werden mussten, mochte das einigermaßen stimmen. Spätestens als man für Scheine Schönes kaufen konnte, war Schluss.  Marx habe nicht verstanden, dass Geld ist, was eine Gesellschaft als Geld akzeptiert. Egal ob Gold, Muscheln oder Bit-Coins.

Aber gut: Irren ist menschlich. Wie soll man auch 150 Jahre in die Zukunft schauen? Wer von uns hat auch nur den Mauerfall vorhergesehen? Wer Donald Trump oder den Brexit? Wie sollten wir wissen, wie die Welt im Jahr 2168 aussieht oder was bis dahin aus der Mittelschicht geworden ist?

Karl Marx habe kein riesiges Lehrgebäude hinterlassen, sondern viele kluge Gedanken mit teils zutreffenden Vorhersagen, sagt Beatrix Bouvier. „Er war ein politisch Handelnder, aber er hatte kein Rezept.“ Sein Werk sei ein Torso, in dem vieles Fragment blieb. „Wenn man auch seine Defizite sieht, dann ist Marx nicht mehr der Großtheoretiker, zu dem er stilisiert wurde“, sagt Bouvier. Man müsse Marx abkoppeln von dem, was Lenin oder Mao aus ihm machten. Ihn vom Sockel reißen. Neu betrachten.

Seine Irrtümer. Seine Geniestreiche. Und dann kann die Marx’sche Mischung aus scharfer Kritik, scharfsinniger Analyse und politischer Hoffnung auch 200 Jahre nach seiner Geburt noch faszinieren.