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Krankenhäuser sollen sich ihrer dunklen Vergangenheit stellen

Trier. Eine Doktorarbeit soll die Verstrickung der Mediziner in der Region in nationalsozialistische Machenschaften aufarbeiten. Die Krankenhäuser wollen das Projekt unterstützen. Bernd Wientjes

Trier. Lutz Raphael weiß, dass es sich um ein höchst sensibles Projekt handelt. Ein Projekt, mit dem sich der Trierer Historiker und seine Mitarbeiter nicht nur Freunde machen kann. Es gehe auch nicht um Vorverurteilung und Anklage, vielmehr um eine wissenschaftlich fundierte Aufarbeitung eines düsteren Kapitels in der regionalen Medizingeschichte: die Zwangssterilisationen und Patientenmorde während der NS-Zeit in Trier, Wittlich, Saarburg und Baumholder. Angestoßen durch eine Vortragsreihe der Bezirksärztekammer, soll nun ein vierjähriges Forschungsprojekt die sogenannte Rassenhygiene der Nationalsozialisten in der Region umfassend aufarbeiten. Am Ende soll eine Doktorarbeit stehen, verfasst von dem 25-jährigen Historiker und NS-Experten Matthias Klein. Er will anhand von umfassendem Archivmaterial die Schicksale der Opfer beleuchten, die Täter soweit wie möglich benennen.
Seit geraumer Zeit wird über die wissenschaftliche Aufarbeitung des Themas in der Region gestritten. Zunächst wollte die Bezirksärztekammer mit dem Trierer Historiker Thomas Schnitzler zusammenarbeiten. Es kam jedoch zum Zerwürfnis, Kammerchef Günther Matheis warf Schnitzler unwissenschaftliches Arbeiten vor. Nun wisse er das Thema in "guten Händen", sagte Matheis gestern bei der Vorstellung des Projektes.
Raphael, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Uni Trier, erwartet, dass die Träger der Krankenhäuser an der Aufarbeitung mitwirken und die vorhandenen Patientenakten zur Verfügung stellen werden. Die "Geschäftsgrundlage" sei, dass nichts verschleiert werde, so Raphael. Schnitzler hatte unter anderem dem Brüderkrankenhaus, von wo 1939 über 500 Psychiatrie-Patienten in NS-Vernichtungslager abtransportiert wurden, vorgeworfen, die Akten der Opfer nicht herauszugeben. Eine geplante wissenschaftliche Arbeit über die Zwangssterilisation von über 2000 Menschen im Trierer Elisabeth-Krankenhaus ist unvollendet geblieben. Man wolle sich mit dem nun angestoßenen Forschungsprojekt der Vergangenheit stellen, sagt Georg- Friedrich Lütticken, Vorstandsmitglied des evangelischen Kirchenkreises Trier, der Mitträger des ökumenischen Verbundkrankenhauses ist, zu dem das ehemalige evangelische Elisabeth-Krankenhaus gehört. Finanziert wird das 120 000 Euro teure Forschungsprojekt durch einen Förderverein, die Barmherzigen Brüder und die Kammer. Bislang jedoch fehle noch ein Teil der Finanzierung, sagt Raphael.