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Rheinland-Pfalz
Landarztquote: Versprechen brechen kostet 250 000 Euro

Das ist für viele angehende junge Mediziner eher keine Option: Ein Landarzt nimmt beim Hausbesuch einer Patientin Blut ab.
Das ist für viele angehende junge Mediziner eher keine Option: Ein Landarzt nimmt beim Hausbesuch einer Patientin Blut ab. FOTO: dpa / Oliver Berg
Trier/Mainz/NiederehE . Weil immer mehr Hausärzte in Rente gehen, will das Land den Nachwuchs mit einem Vertrag locken. Studenten kritisieren das. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Vivien Schmitz hat erlebt, in welcher Zwickmühle Studenten stecken können, die sich als Landarzt versprochen haben. Die 25-jährige Vulkaneifelerin studierte einige Semester Medizin in Ungarn. Mit ihr paukten einige junge Sachsen, deren Abitur nicht ausreichte, um an einer deutschen Hochschule die 1,0-Noten-Hürde des Numerus Clausus zu überstehen. Krankenkassen zahlten den Abiturienten aus dem Freistaat dafür ein Studium im Ausland. Der Haken an der Sache: Sie erklärten sich bereit, nach dem Abschluss für fünf Jahre als Landarzt in Sachsen zu arbeiten. Kein schlechter Deal, mag man denken. „Doch irgendwann kamen bei vielen Studenten Zweifel auf“, schildert Schmitz. „Einer hat plötzlich eine Freundin kennengelernt und wollte nicht umziehen. Andere wollten lieber als Facharzt arbeiten, nachdem sie die Bandbreite des Studiums kennengelernt hatten.“

Die 25-Jährige aus Niederehe studiert inzwischen in Mainz im achten Semester. Auch in Rheinland-Pfalz bahnt sich nun eine solche Landarztquote an. Spätestens ab dem Wintersemester 2020/21 will das Land Plätze an Studenten vergeben, die sich dazu bereiterklären, nach dem Abschluss als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Um bis 20 Plätze pro Jahr, so heißt es, könnte die Zahl der Medizinstudienplätze in Mainz wachsen. Bei Studentenvertretern stößt ein möglicher Vertrag auf Widerstand – weil bei einem Bruch eine hohe Strafe droht.

Bis zu 250 000 Euro könnten dann fällig werden, heißt es. Schmitz hält das für den falschen Weg. „Ich fände es traurig, wenn Studenten sich später aus einem Vertrag rauskaufen müssten, weil sie gar nicht mehr Hausarzt werden wollen.“ Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden sieht es ähnlich. Sprecherin Carolin Siech sagt: „Für Studenten ist es unrealistisch, sich über zehn Jahre im Voraus zu verpflichten, wenn sie noch gar nicht wissen, wie ihnen das Studium gefällt und ob sie nicht vielleicht einen Partner kennenlernen, der sie an die Stadt bindet.“ Die Studentin warnt: „Manche haben Geld und können sich freikaufen. Andere können die Summe nicht bezahlen oder begeben sich in die Abhängigkeit von Klinikkonzernen, die das Geld vielleicht für sie übernehmen.“

Das SPD-geführte Sozialministerium in Rheinland-Pfalz teilt mit, eine Strafzahlung müsse als „Werkzeug zur Absicherung“ spürbar für Bewerber sein, um sie „von der Nichteinhaltung ihrer Verpflichtungen abzuhalten“. Die Höhe sei verhältnismäßig, weil in das Berechnungsmodell die Kosten eines Medizinstudiums pro Student und der wirtschaftliche Nutzen eines Studiums einbezogen seien. Heißt: Die Uni kostet halt Geld, und Mediziner können nach dem Abschluss auch kräftig verdienen. Das Ministerium weist ferner darauf hin, dass es um eine Höchstzahlung geht. Kein Bewerber werde in soziale oder wirtschaftliche Notlagen getrieben. Härtefälle will das Land ermöglichen. Denkbar sind solche, wenn ein Student erkrankt oder er durch eine wichtige Prüfung rasselt.

Rüdiger Jacob sieht hingegen auch eine sinnvolle Idee hinter der Landarztquote. Der Soziologieprofessor der Uni Trier arbeitet regelmäßig am Berufsmonitoring der Medizinstudenten mit. Schon 2009 kam heraus, dass nur sieben Prozent der Studenten sich vorstellen können, in der Eifel oder im Hunsrück als Hausarzt zu arbeiten. Der Trend setze sich in neuen, bundesweiten Studien fort, sagt Jacob. „Studenten zieht es kaum in Orte, die 5000 bis 10 000 Einwohner groß sind. Meist handele es sich bei den Befragten aber um 1,0-Abiturienten. „Studenten, die freiwillig erklären, Landarzt werden zu wollen, können es sich wohl auch tatsächlich vorstellen“, sagt er.

Studenten fordern hingegen andere Anreize. Vivien Schmitz sieht eine Chance, weil Mieten in Städten steigen. „Das wird immer mehr junge Menschen ins Grübeln und zu der Frage bringen, ob sie nicht lieber auf dem Land wohnen.“ Sie selber pendelt inzwischen von der Vulkaneifel nach Mainz – und will in ihrer Heimat später als Ärztin arbeiten. „Viele meiner Mitstudenten schließen eine Arbeit auf dem Land auch nicht aus. Meist haben sie aber furchtbare Angst, der einzige Arzt weit und breit zu sein.“

Die 25-Jährige, die selber für die CDU im Kreistag sitzt, spricht sich dafür aus, mehr Kliniken im ländlichen Raum zu Lehrkrankenhäusern zu erklären, in denen junge Menschen einen Teil ihres Studiums bestreiten könnten. Trier solle nicht nur zu einem verlängerten Arm von Mainz werden, „sondern könnte eine ganz eigene medizinische Fakultät eröffnen“, ist ihre Vision. Mancher Landkreis biete Medizinstudenten Stipendien an. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden erwartet mehr Mühe von den Kommunen, damit Absolventen Beruf und Familie vereinen können. Für Partner von Medizinern brauche es Arbeitsplätze vor Ort. Dann, so glauben die Studenten, kommen junge Ärzte auch ohne Quote aufs Land.

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