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Leidenschaftlich, durchsetzungsstark, unbeugsam - Walter W. Weber ist tot - Der Mann, der den Trierischen Volksfreund ins 21. Jahrhundert führte

Walter W. Weber im Dezember 2008 am Fenster seines Büros im Trierischen Volksfreund. Foto: TV-Archiv/Friedemann Vetter
Walter W. Weber im Dezember 2008 am Fenster seines Büros im Trierischen Volksfreund. Foto: TV-Archiv/Friedemann Vetter
Trier. Im Alter von 66 Jahren ist der langjährige Chefredakteur des Trierischen Volksfreunds, Walter W. Weber, nach schwerer Krankheit gestorben. Er hat den TV in seiner Amtszeit von 1994 bis 2009 nachhaltig geprägt. Ein Nachruf von Isabell Funk und Dieter Lintz

Trier. Der Journalismus war nicht nur ein Brot-Beruf für ihn, er war seine Leidenschaft. Da war er kompromisslos, da konnte er stur sein. Von Repräsentationsterminen allerdings hielt er sich lieber fern, auch wenn er gerne mit Kollegen fachsimpelte - wie in der Berliner Runde, einem Zusammenschluss von Chefredakteuren. Er ließ sich nicht instrumentalisieren. Und die zahlreichen Fotografien, die ihn mit den Mächtigen des Landes zeigen, hingen im Hause Weber - typische Selbstironie - auf der Gästetoilette.

Es konnte ihm in jungen Jahren nicht schnell genug gehen mit dem Einstieg in den Traumberuf: Walter W. Weber - das W. stand für seinen zweiten Vornamen Wolfgang - war gerade mal 19 Jahre alt, als er mit dem Volontariat bei der Trierischen Landeszeitung seine Karriere begann. Es hielt den jungen Wilden nicht lange in seiner moselanischen Heimat: 1969, als frischgebackener Jungredakteur, ging er nach Frankfurt, wo die 68er gerade den Häuserkampf eröffnet hatten. Mit dem Zeitgeist hatte Weber, der kantige Konservative, freilich nicht viel am Hut. Er stand als Reporter der Bildzeitung auf der bürgerlichen Seite, während sich auf den Barrikaden Protagonisten wie Joschka Fischer für künftige Aufgaben warmliefen.

Die Frankfurter "Front-Erlebnisse" gehörten zu den wenigen persönlichen Erinnerungen, die sich Walter W. Weber Jahrzehnte später bei seltenen Gelegenheiten entlocken ließ - gerne garniert mit dem ihm eigenen ironischen Augenzwinkern. Es hielt ihn nicht lange auf dem Boulevard, vielleicht, weil sein journalistisches Credo, dass stets alle Seiten zu hören seien, dort weniger gefragt war. Er ging 1973 als Politik-Redakteur zur Saarbrücker Zeitung, schrieb Hintergründe und Kommentare, entwickelte sich zum profunden Kenner der Innenpolitik.

Er konnte hartnäckig sein, vor allem, wenn er journalistische Unabhängigkeit bedroht sah - wie seinerzeit, als Saar-Fürst Oskar Lafontaine die eingespielten Regeln zwischen Presse und Politik infrage stellen wollte. Da blieb Walter Weber auch schon mal ein Leben lang ungnädig.

1994, er war inzwischen zum stellvertretenden Chefredakteur in Saarbrücken avanciert, musste er die Lust an der inhaltlichen Auseinandersetzung via Kommentar und Analyse hintanstellen, denn es kam die journalistische Lebensaufgabe: Zurück nach Trier, um den Volksfreund ins 21. Jahrhundert zu führen - im praktischen wie im übertragenen Sinne. Ein Job für jemanden, der langen Atem, ein dickes Fell, Führungsqualitäten und jede Menge Innovationsbereitschaft miteinander verbinden konnte.

Der TV war bis dahin als Familienunternehmen geprägt von der Grundhaltung, mitwirkender Bestandteil der regionalen und städtischen Gesellschaft zu sein. Schnell und konsequent schaffte Weber die notwendige journalistische Distanz zu Verwaltungschefs, Politikern, Kammerpräsidenten und Wirtschaftsvertretern.

Der TV als kritisches, aufklärendes, gelegentlich auch anklagendes Medium: Das sorgte für Aufregung im öffentlichen Raum - und vielerlei Druck von außen, den der Chef immer wieder gegenüber der Redaktion abfederte, damit sie in Ruhe arbeiten konnte. Spätestens mit dem Doerfert-Skandal war diese Diskussion beendet. Mit ebenso solider wie akribischer Aufklärungsarbeit brachte der Volksfreund einen der mächtigsten Männer der Region zu Fall.

Kein Zufall, dass der TV in der Ära Weber bei den renommiertesten Journalistenwettbewerben wie dem Wächterpreis der Tagespresse und dem Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet wurde. Und auch die Leserschaft honorierte den Kurs mit einer Treue, die im bundesweiten Vergleich regionaler Tageszeitungen ihresgleichen suchte. Parallel baute Weber die Regionalisierung der Zeitung aus und bewahrte mit diesem klaren Profil die Eigenständigkeit des Blattes. Die Lokalausgaben wurden weiterentwickelt und ausgedehnt, Eifel und Mosel waren kein Anhängsel der Trierer Stadtredaktion mehr, sondern gleichberechtigte Stützpunkte.

Im Jahr 2000 zog die Redaktion mit dem Verlag und dem Druckhaus nach Monaise um - und stellte parallel einen kompletten Relaunch auf die Beine, also eine optische Umgestaltung größeren Zuschnitts. Von Ruhe wollte Walter W. Weber nicht viel wissen. Sein Spruch "Entwickeln kann man sich nur nach vorn, nicht rückwärts" war mehr als eine Binsenweisheit - es war eine Art Lebensmotto. Und keineswegs immer bequem für seine Mitarbeiter.

Er verteilte die Aufgaben in der Redaktion neu, schaffte die traditionellen Ressorts ab. Lange bevor andere auf ähnliche Ideen kamen. Über Monate besuchten Chefredakteure aus ganz Deutschland das Volksfreundhaus, um sich über das "Trierer Modell" zu informieren.

Nicht nur bei der Modernisierung von Redaktionsstrukturen war Weber vielen Führungskräften in der Verlagsbranche voraus. Lange bevor in der einstigen Männerdomäne Journalismus über Chancengleichheit nachgedacht wurde, als Frauen noch ausschließlich die Sekretärinnen und Männer die Macher waren, förderte ausgerechnet er, der vielen als Patriarch galt, bereits in seiner Saarbrücker Zeit begabte weibliche Nachwuchskräfte, sorgte dafür, dass sie gehört und gleichermaßen ernst genommen wurden.

Mit dem Begriff "Leutseligkeit" hätte man Walter W. Weber nicht unbedingt in Verbindung gebracht. Diejenigen, mit denen er sich in beruflicher Funktion duzte, waren an den Fingern einer Hand abzuzählen. Was nicht heißt, dass er nicht gerne die ungeschminkte Meinung der Leser einholte. Aber wenn, dann traute er im Zweifelsfall einer gemütlichen Runde am Tresen einer Hochwälder Gaststätte allemal mehr als jedem Gesellschafts-Talk in Trierer Stadt-Kreisen. Das waren auch die raren Gelegenheiten, ihn ohne seine obligatorische Dienstkleidung Schlips und Anzug anzutreffen.

Er war ein Freund kulinarischer Genüsse, und in seinem Ruhestand konnte er endlich auch seinem Faible für große Reisen nachgehen. Aber leider viel zu kurz. Walter W. Weber ist am Freitag, den 23. Mai, drei Monate nach seiner Frau Uschi an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben.volksfreund.trauer.de

In unserem Trauerportal können Sie Kondolenzen und Erinnerungen an den Verstorbenen hinterlassen. Link: http://volksfreund.trauer.de/Traueranzeige/WalterW-Weber