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Landespolitik
Marlon Bröhr gilt als der neue Rebell der Landes-CDU. Wohin kann sein Weg führen?

Die Machtbasis von Julia Klöckner und Christian Baldauf hat Marlon Bröhr in der CDU noch lange nicht. Doch braucht er das überhaupt?
Die Machtbasis von Julia Klöckner und Christian Baldauf hat Marlon Bröhr in der CDU noch lange nicht. Doch braucht er das überhaupt? FOTO: Florian Schlecht
Simmern/Mainz. Unverfälscht, frech, aufmüpfig: Der Hunsrücker Landrat Marlon Bröhr gilt als neuer Rebell der Partei im Land und als Geheimtipp für die Wahl 2021. Woher rührt sein Ruf? Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Wer kann für die rheinland-pfälzische CDU ins Rennen starten, wenn es in die Landtagswahl 2021 geht? Fraktionschef Christian Baldauf gilt als heißer Favorit. Auch eine dritte Kandidatur der Bundesagrarministerin Julia Klöckner steht im Raum. Günther Schartz gilt als Landrat von Trier-Saarburg und Chef des Landkreistages als starke kommunale Stimme, die sich zuletzt im Streit um den Finanzausgleich ein Gewicht verschaffte. Und als Geheimtipp fällt in Mainz immer wieder der Name Marlon Bröhr. Marlon wer?

Die Frage stellt die Landes-CDU seit November 2016 längst nicht mehr. Der 44-jährige Landrat aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis probte damals in Wittlich die Kampfkandidatur, weil er Beisitzer im Landesvorstand werden wollte, aber nicht zu den 15 Kandidaten auf der Liste zählte.

Bröhr trat auf die Bühne, kritisierte in einer frei gehaltenen Rede „Parteienproporz“ und „Postengeschachere“, in der er den Bezirksvorsitzenden der CDU von Trier bis in die Pfalz vor den Kopf stieß.Er verlor zwar das Gefecht, sammelte aber 176 Stimmen und errang als zuvor namenloser Kandidat einen Achtungserfolg. Manch einer bezeichnete ihn damals schon als „Parteirebell“ und „neuen Michael Billen“. Gerade junge Mitglieder in der Partei fanden Gefallen an dem Auftritt.

In der Landespolitik legte sich Bröhr mit Verkehrsminister Volker Wissing bei der Mittelrheinbrücke an. Der Landrat sah nicht ein, warum die Kommunen bei der Rheinquerung mit Millionen zur Kasse gebeten werden sollten. Es gab direkte Wortgefechte über Medien und im Kreistag. Das Projekt, seit Jahrzehnten ohnehin eher ein frommer Wunsch, liegt seitdem auf  Eis. Mancher Beobachter in der CDU tadelte hinter vorgehaltener Hand, Bröhr sei dem Minister zu sehr auf den Schlips getreten. Andere fanden, er habe Schneid bewiesen.

Und auch, als sich jüngst alle Landräte in Mainz trafen, um gegen das Gesetz zu dem kommunalen Finanzausgleich zu sprechen, stach Bröhr mit forschen Sätzen heraus. Er ging auf Folgen nicht über komplizierte Zuweisungen und Zahlenwerke ein, sondern sprach lieber darüber, dass Schwimmbäder und Straßen zu verwahrlosen drohten. Beobachter fanden das erfrischend.

Auch die Ampelkoalition kritisiert Bröhr immer häufiger, auch, als der TV den Landrat in Simmern besucht. „Wie soll sich eine Gemeinschaft aufbauen, wenn Schulen und Gewerbegebiete wenig Geld haben? SPD und Grünen ist das aber egal, sie haben ihre Wähler in den Städten“, sagt Bröhr zu dem ungeliebten Gesetz, das den Kommunen weniger Mittel bereitstellt als gewünscht. Dann legt er in Bröhr-Manier nach, die mancher unverfälscht, mancher flapsig findet:  „Rheinland-Pfalz befindet sich zwischen Abstiegs- und Relegationsplatz. Die Landesregierung schläfert aber nur ein, ist selbstzufrieden und satt. Man trinkt einen Schoppen – und gut ist.“

Will er es denn irgendwann selber besser machen? Beobachter halten das zumindest für 2021 für fast unmöglich. Denn: Wo der Landrat sich in seinem Kreis den Ruf erworben hat, ein sparsamer Haushaltspolitiker, intelligent und ein Schwiegermutter-Typ zu sein, fehlt ihm im Landesverband bislang eine Machtbasis. In Gremien wirkt er nicht mit, sofern es nicht um die Landräte geht. Kurios dabei: Bröhr baut seine Position ganz bewusst nicht aus. „Ich komme nicht aus der Parteiecke und werde sicher auch nie in der Parteiecke stehen. Ich kann den klassischen Weg durch die Gremien nicht gehen, sondern treffe für mich eine Entscheidung und laufe dann los“, sagt Bröhr.

Seine Chance könnte darin liegen, als Anti-Establishment-Mann aufzufallen, der gegen den Strom schwimmt. Das wäre zugleich ungewöhnlich in einem Land, in dem die Parteien ihre traditionellen Strukturen schätzen. Ein CDU-Mann aus Mainz verdeutlicht: „Marlon Bröhr eckt gerne an, bei großen Parteien braucht es aber die Unterstützung der Bezirksverbände.“ Bei manchem Granden in der Partei sei es nicht gut angekommen, dass Bröhr nach dem Auftritt in Wittlich nicht zumindest eingestanden habe, etwas zu forsch im Auftreten gewesen zu sein.

Unterschätzen, so sagt auch mancher CDU-Politiker in Mainz, sollte man den Landrat aber nicht, der in der Politik ein Quereinsteiger ist und seine Unabhängigkeit schätzt. Im Hunsrück-Ort Kastellaun hat Bröhr als Zahnarzt mit seiner Frau eine Praxis geleitet, ehe er 2007 als unabhängiger Bürgermeisterkandidat der Verbandsgemeinde angetreten ist – gegen einen CDU-Kandidaten. Bröhr siegte, dabei hatte er zuvor noch gut 200 Unterschriften sammeln müssen, um überhaupt antreten zu dürfen.  Seine Frau habe ihm damals noch gesagt, er spinne.

Jahre später stellte die CDU den Lockenkopf als Landrat auf. Ist er so unabhängig, seinen eigenen Weg auch für die nächste Landtagswahl einzuschlagen? Die Ministerpräsidentin greift er jedenfalls jetzt schon an. „Malu Dreyer ist eine bewundernswerte Dame, die ich als Mensch auch sehr mag und das schönste Lächeln hat im Südwesten. Ich habe aber den Eindruck, es geht nur noch darum, Bilder zu verkaufen. Es reicht nicht nur, nett zu lächeln“, meint der Landrat. Geht es darum, ob er 2021 antreten will, hält er sich alle Karten offen. Er sagt: „Die Frage stellt sich jetzt nicht. Man weiß aber nie, was passiert.“ Und bei Marlon Bröhr weiß man es noch weniger.