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Nell-Breuning-Preisträger Franz Müntefering im Interview: „Wir müssen auf der Höhe der Zeit sein“ (Video)

FOTO: Friedemann Vetter
Trier. Ex-SPD-Chef Franz Müntefering hat am Freitag in Trier den Nell-Breuning-Preis bekommen. Im Gespräch mit dem TV äußert er sich zur Zukunft seiner Partei. Bernd Wientjes

Wenn er sich zu dem Gespräch einen grünen Tee bestellt, dann kann er seine Herkunft nicht verleugnen. Nicht wegen des Tees, sondern weil er das R bei Grün rollt, so wie das typisch ist fürs Sauerland. Dort ist Franz Müntefering aufgewachsen.

Der 77-Jährige, dem man sein Alter nicht ansieht, ist überzeugter Sozialdemokrat, war unter anderem Generalsekretär der SPD und von 2004 bis 2005 auch deren Vorsitzende. Zu tagesaktuellen oder parteipolitischen Fragen meldet er sich kaum noch zu Wort. Er sei noch immer SPD-Mitglied, aber nicht mehr in politischen Funktionen tätig, sagt er.

Nach Trier hat ihn dieses Mal der Oswald-von-Nell-Breuning-Preis geführt, der ihm am Freitagabend verliehen worden ist . Mit dem Preis will die Stadt an den hier geborenen Jesuitenpater und Sozialethiker erinnern. Er habe Nell-Breuning persönlich gekannt, sagt Müntefering. Er könne mit allem, was der Sozialethiker gesagt habe, gut leben. Auch mit dem Satz: "Es gibt keine Gemeinschaft und es kann keine geben, in der das Solidaritätsprinzip nicht gilt." Das sei ihm eine "sehr sympathische Haltung".

Auf die Frage, ob seiner Partei in den vergangenen Jahren dieser Solidargedanke mehr und mehr verloren gegangen ist, antwortet Müntefering mit einem klaren Nein. Der künftige SPD-Chef Martin Schulz stehe für soziale Gerechtigkeit. Und ein Instrument, um das zu erreichen, sei die von ihm vorgeschlagene Verlängerung des Arbeitslosengeldes verbunden mit Qualifizierungsmaßnahmen. Das passe in die heutige Zeit. Einer Zeit, in der lebenslanges Lernen immer wichtiger werde.

Wer aber erwartet, dass "Münte", wie der Ex-Parteichef oft genannt wird, nun mit seinem designierten Nachfolger abrechnet, weil dieser die Arbeitsmarktreform Agenda 2010, die der Sauerländer maßgeblich mitgestaltet hat, heftig kritisiert hat, der irrt. Dafür ist er zu abgeklärt, vielleicht auch altersmilde. Er stehe zu der Agenda, aber es mache keinen Sinn, 2017 an einer Reform festzuhalten, die im Jahr 2003 entstanden ist und auf das Jahr 2010 gerichtet gewesen sei. "Es wäre falsch", sagt Müntefering, "wenn meine Partei sagen würde, es bleibt alles so, wie es ist. Wir müssen auf der Höhe der Zeit sein."

Schulz sei "offensichtlich" der richtige Parteivorsitzende. Ob das auch tatsächlich seine Meinung ist, das lässt der 77-Jährige nicht durchblicken. "Die Leute jubeln ihm ja zu und wollen ihn." In der Partei sei auch eine große Erleichterung zu spüren, sagt der, den SPD-Parteivorsitz als das schönste Amt nach dem des Papstes bezeichnet hat. Als er Ende vergangenen Jahres gesagt hat, dass der bisherige Vorsitzende Sigmar Gabriel der richtige Mann für das Amt sei, habe er diesem Mut zusprechen wollen. Dieser habe dann von sich aus entschieden, es nicht mehr zu machen. "Und das war offensichtlich eine richtige Entscheidung."