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Landwirtschaft
Auf den Trecker, fertig, los!

Er regt an, mit der Einführung eines freiwilligen sozialen Jahrs in sogenannten grünen Berufen neuen Nachwuchs für Höfe zu gewinnen: der FDP-Landtagsabgeordnete Marco Weber, der selber Bauer ist.
Er regt an, mit der Einführung eines freiwilligen sozialen Jahrs in sogenannten grünen Berufen neuen Nachwuchs für Höfe zu gewinnen: der FDP-Landtagsabgeordnete Marco Weber, der selber Bauer ist. FOTO: klaus kimmling
Lissendorf/Mainz/Bitburg. Wer die Ausbildung zum Landwirt macht, stammt längst nicht mehr nur aus Bauernfamilien. Viele Quereinsteiger sind kreativ – und müssen doch einiges lernen. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Marco Weber arbeitet an manchen Tagen in doppelter Mission. Jüngst düste der FDP-Landtagsabgeordnete nachts ins Vulkeneifel-Dörfchen Lissendorf, wo die Familie einen Bauernhof führt und Ferkel auf die Welt brachte. 400 Hektar und mehr als 2000 Schweine zählt der Lissendorfer Hof, auf dem Weber oft nur noch in Notfällen einspringen kann – wie in den Sommerferien bei der Ernte oder nächtlichen Geburten. Geht es um die Zukunft des Betriebs, gerät der 43-Jährige ins Grübeln. Er hat drei Kinder, doch ob die den Hof in ferner Zukunft übernehmen? Ungewiss.

„Früher war es Tradition, dass der Älteste den Hof weiterführt. Doch die Zeiten sind vorbei“, sagt Weber, der sich keinen Illusionen hingibt: „Bauernkinder zieht es oft in andere Berufe, ohne Quereinsteiger funktioniert Landwirtschaft künftig nicht.“ Mit der FDP-Fraktion im Mainzer Landtag setzt sich Weber dafür ein, dass die rot-gelb-grüne Ampelkoalition ein freiwilliges soziales Jahr in grünen Berufen (siehe Extra) ermöglicht, um mehr junge Menschen für das Land zu begeistern. In der Landwirtschaft findet die Idee Anklang. Zugleich entscheiden sich schon immer mehr Quereinsteiger für das Leben auf dem Bauernhof.

Von 70 Berufsschülern beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Eifel stammen momentan 30 nicht aus einer landwirtschaftlichen Familie, sagt Schulleiterin Juliane Romberg. Und doch kommt die große Mehrheit vom Land. „Wer im Dorf groß geworden ist, hat einen Bezug zu den Bauernhöfen, hat als Kind mal auf dem Traktor gesessen und weiß oft einzuschätzen, was dort an Arbeit wartet“, sagt Romberg.

Auch die Schule wirbt für Nachwuchs, lässt Klassen mit Kindern und Jugendlichen in Betriebe hineinschnuppern, um ein Bild von der Arbeit zu bekommen. Das verhindere wiederum Schubladendenken, hofft Manfred Zelder, Vizepräsident des Bauernverbandes Rheinland-Nassau. Der Wittlicher berichtet von gelegentlichen Anrufen, in denen Eltern ihre Kinder als angehende Landwirte anpreisen. „Frage ich dann am Telefon, wie die Noten sind, folgt manchmal eine lange Wartezeit und dann der Satz: ,Er wird es packen – und für Landwirt reicht es ja’“, erzählt er.

Aussagen, über die sich Zelder aufregt.. „Das Bild vom Landwirt, der in Gummstiefeln im Matsch steht und Kühe melkt, entspricht nicht dem Alltag“, meint er. Digitale Techniken – wie beim Melken, Düngen, Bodenproben – steigerten zunehmend die Erwartung an die Bauern. Zelder setzt sich dafür ein, für die Ausbildung von Landwirten mindestens die mittlere Reife zu verlangen. Quereinsteiger, sagt auch er offen, „werden händeringend gesucht, zumal Höfe immer weiter wachsen.“

Ein Quereinsteiger, der den Weg geschafft hat, ist Regino Esch. Der Eifeler, der sich vor 17 Jahren mit seiner Frau und einer weiteren Betriebsgründerin mit einem Ziegenhof in Wascheid (Bitburg-Prüm) selbstständig machte, stammt aus einem Elternhaus mit zwei Lehrern. „Landwirt war immer mein Traumberuf. Und als ich wegen des Numerus Clausus zwei Jahre warten musste, um Tiermedizin studieren zu können, habe ich es gewagt“, sagt Esch, der als Kind oft den benachbarten Bauernhof besuchte.

Bereut hat der 43-Jährige den  Schritt nicht. Der Hof zählt 160 Ziegen. Aus deren Milch wird Käse gemacht und verkauft. Als Einzelfall sieht sich der Eifeler längst nicht mehr. Er spricht von einer „kreativen Szene an Quereinsteigern“, in der junge Bauern aus Städten stammten und  Betriebsflächen über Crowdfunding finanzieren ließen. Und eine Hofgründer-Seite im Internet spreche die Landwirte an.

Selbstständigkeit birgt aber auch ihre Risiken. Esch berichtet: Mehrere Hunderttausend Euro zahlte sein Hof am Anfang, als es um neue Gebäude und Geräte ging. Für junge Menschen sei der Weg zum Landbesitz schwer, weil ältere Hofbesitzer ihre Flächen lieber an Nachbarn verpachteten, um im eigenen Wohnhaus bleiben zu können. „Ich hatte den Vorteil, dass man mich im Dorf schon kannte“, sagt der Eifeler, der sich für Betriebsgründungen durch Selbstständige noch mehr Unterstützung wünscht. Quereinsteiger brauche es ohnehin – auch, um auf den Höfen zu helfen.  Von Zwang – wie verpflichtenden Schulstunden – halte er nichts. Ein freiwilliges soziales Jahr, hofft auch Esch , könne ein Weg sein, um neuen Nachwuchs für die Höfe zu gewinnen.