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Neuer Investor am Nürburgring — russischer Retter oder Risikofaktor?

Im Januar solll ein nächster Prozess starten. Foto: Thomas Frey/Archiv
Im Januar solll ein nächster Prozess starten. Foto: Thomas Frey/Archiv
Nürburg. Rasante Manöver sind am Nürburgring keine Seltenheit — auf und abseits der Rennstrecke. Nun soll ein russischer Investor die insolvente Asphaltschleife in ruhigere Fahrwasser bringen. Das löst bei einigen Skepsis aus. Von Oliver von Riegen und Christian Schultz, dpa

Als der Nürburgring an die Wand gefahren war und nach der Insolvenz ein Investor gesucht wurde, ging in Rheinland-Pfalz das Wort vom Oligarchen um. Es sei nicht erwünscht, dass sich solch ein reicher Unternehmer aus Russland oder dem Nahen Osten eine private Rennstrecke kaufe, sagte Verkehrsminister Roger Lewentz (SPD) im Mai vergangenen Jahres. Doch nun steigt der russische Unternehmer Viktor Charitonin ein. Und der kommt dem Typus von Investor verdächtig nahe, den Regierung und Nürburgring-Sanierer eigentlich nicht dort haben wollten.

"Dieser Nürburgring hat gestern uns noch gehört mit den Steuergeldern, der gehört heute Russland", kritisiert die stellvertretende CDU-Vorsitzende und rheinland-pfälzische Landeschefin Julia Klöckner. Sie weist auch darauf hin, dass die EU wegen des Ukraine-Konflikts Sanktionen gegen Russland verhängt hat. Dazu zählen ein Einreiseverbot und das Einfrieren von Vermögen in der EU — unter anderem von Oligarchen.

Bei der rot-grünen Landesregierung herrscht mit Blick auf den neuen Investor Hoffnung, aber es schwingt auch mit, dass es ein Restrisiko geben könnte: "Ich hoffe, dass dahinter keine Heuschrecken-Mentalität steckt", sagt Verkehrsminister Lewentz. Er fordert jedoch eine Chance für Charitonin. "Wir hören, dass er sehr motorsportaffin ist."

Nach einer Serie von Pannen wollten Landesregierung wie auch Insolvenzverwalter einen soliden Investor präsentieren. Er sollte Bezug zum Motorsport haben, damit der legendäre Eifel-Parcours nicht zum Spielplatz eines Reichen wird. Im Frühjahr 2014 präsentierten die Sanierer einen Düsseldorfer Mittelständler als Käufer des insolventen Nürburgrings: Der Autozulieferer Capricorn sollte den Neustart bringen. Als Capricorn-Chef Robertino Wild seine Gemäldesammlung später aber zweimal belieh und Gerüchte um seine mangelnde Zahlungsfähigkeit die Runde machten, kamen auch bei den Insolvenzverwaltern Bedenken auf. Wild gab seine Anteile an der Ring-Besitzgesellschaft an einen Treuhänder ab.

Der neue Investor Charitonin (41) kam in den vergangenen Jahren rasch zu Reichtum. Laut Moskauer Medien arbeitete der Unternehmer lange mit dem prominenten Oligarchen Roman Abramowitsch zusammen. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" führte den Hauptaktionär einer Pharmaholding 2013 auf Rang 52 der reichsten Russen mit einem geschätzten Vermögen von einer Milliarde US-Dollar. In diesem Jahr ist er nicht mehr auf der "Forbes"-Liste, nachdem die Aktien gefallen waren. Nun gehören einer Holding, an der er beteiligt ist, zwei Drittel der Anteile der Ring-Besitzgesellschaft.

Rot-Grün will unbedingt einen weiteren Crash verhindern. Nach dem überdimensionierten Bau eines Freizeitparks am Ring, den die frühere SPD-Alleinregierung unter Kurt Beck in die Eifel bauen ließ, scheiterte 2009 die Privatfinanzierung. Der Scheck eines angeblichen US-Investors war ungedeckt. Finanzminister Ingolf Deubel (SPD) trat seinerzeit zurück. Danach sollten private Pächter einen Schub bringen. Doch zu wenig Besucher kamen, die größtenteils landeseigene Nürburgring GmbH ging 2012 insolvent. Nun ist der Autozulieferer Capricorn als Geldgeber auch schon wieder Geschichte.

Die Gefahr, dass der neue Geldgeber aus Russland den Nürburgring nicht für die Formel 1 oder andere Publikumsrenner, sondern für sich selbst nutzt, scheint nicht allzu groß. Rot-Grün sorgte für ein Gesetz, um den Zugang zum Nürburgring für die Öffentlichkeit zu sichern. Und echtes Interesse am Ring ist nach Angaben der neuen Holding, an der sich der Investor beteiligt, auch da: Viktor Charitonins Steckenpferde seien der Motorsport und Oldtimer.

Der rheinland-pfälzische Grünen-Chef Thomas Petry betont, mit dem neuen Investor scheine nun finanzielle Sicherheit gegeben zu sein. Und er warnt vor einer Vorverurteilung des Russen aufgrund seiner Staatsangehörigkeit.