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Gesundheit
Nützlich oder schädlich: Wenn das Verschreiben falscher Medikamente zur Gefahr wird

Was in die Tüte kommt, hinterfragt eine rheinland-pfälzische Krankenkasse bei Medikamenten. Die Kritik: Oft verschreiben Ärzte Medizin, die Patienten nicht nützt – und drastische Folgen haben kann.    Foto: dpa
Was in die Tüte kommt, hinterfragt eine rheinland-pfälzische Krankenkasse bei Medikamenten. Die Kritik: Oft verschreiben Ärzte Medizin, die Patienten nicht nützt – und drastische Folgen haben kann.    Foto: dpa FOTO: dpa-tmn / Robert Günther
Prüm/Mainz. Krankenkasse im Land warnt: Patienten bekommen oft Medikamente, die ihnen schaden können. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Wer an einer Herzschwäche, furchtbaren Bauchschmerzen oder Sodbrennen leidet, will mit Medikamenten schnell genesen. Doch das Rezept, das der Arzt den Patienten mit auf den Weg zur Apotheke gibt, kann auch mal zum Bumerang werden. Davor warnt die rheinland-pfälzische Barmer-Chefin Dunja Kleis. Die Eifelerin sagt, Medikamente würden oft unnötig die Gesundheit von Menschen im Land gefährden. „Ärzte verschreiben zu häufig Medikamente, die nicht zum Gesundheitszustand des Patienten passen oder aufgrund des Alters nicht verschrieben werden sollten“, meint Kleis. Sie verweist auf den Arzneimittelreport der Kasse, der die Versichertendaten von 2016 ausgewertet hat.

Im schlimmsten Fall sei das Leben bedroht: Die Kasse verweist auf Untersuchungen in Finnland, Schweden und der Schweiz, wonach bis zu fünf Prozent aller Todesfälle auf „unerwünschte Arzneimittel­ereignisse“ zurückzuführen seien. Kleis nennt Beispiele: Danach verschreiben Ärzte fast jedem fünften Rheinland-Pfälzer (18,2 Prozent) Protonenpumpenhemmer. Diese kommen zum Einsatz, um Sodbrennen zu behandeln. Das Problem: In den verschriebenen Fällen habe bei nicht mal jedem zweiten Patienten (40,1 Prozent) eine Diagnose vorgelegen, die das Medikament nötig gemacht hätte. Kleis warnt vor schweren Nebenwirkungen. Das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle steige. Die Barmer kritisiert auch, dass fast jedem dritten Patienten mit Herzschwäche Mittel verschrieben würden, die das Leiden noch verschlimmern könnten. Eine Gefahr bestehe auch für Patienten, die mehrere Medikamente auf einmal nehmen. Nicht immer seien die gefährlichen Wechselwirkungen bekannt. „Nimmt ein Patient Medikamente ein, die sich nicht vertragen, kann die Medizin im schlimmsten Fall zum tödlichen Cocktail werden“, sagt Kleis. Den Ärzten will die Barmer-Landesgeschäftsführerin nicht den Schwarzen Peter zuschieben. Für sie sei es schwierig, die Übersicht zu behalten. Viele Versicherte ließen sich ihre Medikamente von mehreren Ärzten verordnen oder kauften sich Medizin, für die sie kein Rezept bräuchten. Oft fehle es an Rücksprache mit dem Hausarzt. Das erschwere die Dokumentation.

Die Kassenärztliche Vereinigung kritisiert pauschale Behauptungen der Kasse. Burkhard Zwerenz, Chef des rheinland-pfälzischen Hausärzteverbandes, weist die Barmer-Kritik dagegen nicht zurück. Der Prümer spricht von einer „Unkultur in Fortbildungen“, bei denen die Pharmazie als Sponsor in Erscheinung trete. Das beschleunige manche Verschreibungen. Er wolle die Pharmaindustrie nicht fundamental kritisieren, sagt Zwerenz. Er sei mit seinem Verband aber bemüht, eigene Fortbildungen auf die Beine zu stellen. „Ärzte opfern dafür Freizeit, zahlen 200 Euro aus eigener Tasche. Die breite Masse erreichen wir leider nicht.“

Zwerenz wünscht sich eine Patientenakte, die Ärzten die nötigen Einblicke erlaubt und Änderungen in der Akte dokumentiert. Dunja Kleis hofft mit der elektronischen Patientenakte auf eine Besserung. Bis 2021 soll diese nach dem Koalitionsvertrag im Bund kommen. Versicherte sollen die Akte freiwillig nutzen können. Kleis rät Patienten auch, einen Medikationsplan des Arztes zu nutzen, der eingenommene Medizin verzeichnet. Menschen sollten diesen den Ärzten und Apotheken vorlegen. „Nutzt ihn!“, fordert Kleis.