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Piraten wollen jetzt in ruhigere Gewässer segeln

Heiko Müller, neuer Vorsitzender der Piratenpartei. Foto: privat
Heiko Müller, neuer Vorsitzender der Piratenpartei. Foto: privat
Heiko Müller ist neuer Vorsitzender der rheinland-pfälzischen Piraten. Der 39-jährige IT-Projektmanager aus Koblenz siegte beim Parteitag mit 58 Prozent der Stimmen. Müller will die Partei nicht führen, sondern die Mitglieder betreuen. Christian Kunst

Montabaur. Ruhe. Das Wort ruft Johannes Ponader den knapp 140 Piraten in der Montabaurer Stadthalle immer wieder zu. Der Mann mit der markanten Halbglatze, Brille und dem weißen Schal trägt die Sandalen heute wieder barfüßig. Wie bei Günther Jauch, wo er vor einem Millionenpublikum als twitternder Talkshowgast auffiel.
In Montabaur, beim Landesparteitag der rheinland-pfälzischen Piraten, ist der gerade erst zum politischen Geschäftsführer der Bundespartei gewählte Ponader der Ruhestifter. Er findet sofort den richtigen Ton. "Die Quelle unserer Politik sind wir alle, die hier sitzen. Wir überlegen uns erst die Inhalte, und dann denken wir darüber nach, welches Gesicht diese Inhalte darstellt."
So lautet das Credo der Partei, gesprochen von jemandem, der gerade auf dem besten Weg ist, prominent zu werden. Ponader punktet, indem er mit dieser Rolle bricht. Jetzt lauschen die Piraten fast andächtig, wie er vom Wahltriumph in Berlin berichtet. Der Reiz der Macht - "unsere Politik in die Parlamente zu tragen" - hat auch die rheinland-pfälzischen Piraten gepackt. "Jetzt wählt euch einen anständigen Vorstand", ruft Ponader ihnen zu. Beifall.
Und anständig sind sie dann. Es scheint fast, als wollten die Landespiraten mit Blick auf die Bundestagswahl 2013 und die Landtagswahl drei Jahre später jetzt nichts falsch machen. Nach zähen Vorstellungsrunden der sieben Kandidaten wählen sie die Kontinuität an ihre Spitze: Sie entscheiden sich für den Koblenzer IT-Projektmanager Heiko Müller, einen uneitlen Arbeiter an der Basis, der kein Problem damit hat, "Handlanger des Basiswillens" genannt zu werden.
Von seiner Wahl zum Vorsitzenden erfährt er, als er sich im Foyer gerade mit der Basis unterhält. Er will die Partei nicht führen, sondern die Mitglieder "betreuen".
Und doch ist Müller für piratische Verhältnisse fast schon ein Bonze, war seit Gründung der Partei im Jahr 2008 immer im Vorstand - ob als Generalsekretär oder als Vorsitzender. Er ist Vorgänger seines Vorgängers Roman Schmitt, war bislang sein Stellvertreter. Auch die übrigen Personalentscheidungen lassen erkennen, dass die Piraten jetzt in ruhigere Gewässer segeln möchten: Sowohl Generalsekretär Werner Brummer als auch den politischen Geschäftsführer Ingo Höft bestätigten sie im Amt.
Dass Müller auch austeilen kann, zeigt er in seiner Antrittsrede: Der Rücktritt von Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) steht nach seinen Worten im Raum. Der neue Piratenchef fordert bei Großprojekten im Land mehr Bürgerbeteiligung, will die Menschen besser informieren, damit sie dann in Volksbefragungen selbst entscheiden können. Wenn es um konkrete Inhalte geht, verweist der 39-Jährige auf die Basis. Deren Wille zähle.
Müller will die von vielen Piraten konstatierte Kluft zwischen Partei und Vorstand durch viele persönliche Treffen verringern. Dazu beitragen sollen sogenannte Barcamps, Tage also, an denen die Piraten sich mit Vorträgen über ein umstrittenes Thema wie etwa den Hochmoselübergang gegenseitig informieren.
Extra

Der Vorstand setzt sich wie folgt zusammen: Heiko Müller ist neuer Vorsitzender (58 Prozent). 69 Prozent der Stimmen erhielt der stellvertretende Vorsitzende Klaus Brand aus Kirchheimbolanden. Schatzmeister wurde Lars Matti aus Neustadt an der Weinstraße. In ihrem Amt bestätigt wurden Werner Brummer als Generalsekretär und Ingo Höft als politischer Geschäftsführer. Der Vorstand wird komplettiert durch die Beisitzer Benjamin Braatz (34) aus Trier und Vincent Thenhart (18) aus Neustadt an der Weinstraße. Zuletzt wählten die Piraten ein neues Schiedsgericht. Mitglieder: Fabian Kreitner, Sven Prtezak und Thomas Schröder. red