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Mainz/Berlin
Privat und politisch: Julia Klöckner wagt den Neuanfang

Spricht sie hier mit ihrem Nachfolger? Die rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner tauscht sich mit Christian Baldauf aus.
Spricht sie hier mit ihrem Nachfolger? Die rheinland-pfälzische CDU-Fraktionschefin Julia Klöckner tauscht sich mit Christian Baldauf aus. FOTO: Andreas Arnold / dpa
Mainz/Berlin. Julia Klöckner schweißte die zerstrittene CDU im Land zusammen, ihr größter Traum platzte. Verlässt sie Mainz bald für immer? Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Ganz alleine saß Julia Klöckner vor wenigen Tagen im Mainzer Landtag an ihrem Platz und tippte in ihr Tablet. Die 45-Jährige bereitete sich auf eine Rede gegen Antisemitismus vor. Wort für Wort ging die CDU-Fraktionschefin in ihrem Manuskript durch, las es, strich durch, schliff an Sätzen. Bis es stimmte. Halbe Sachen sind halt nicht die Welt von Julia Klöckner, sagen Beobachter. Dabei wusste die 45-Jährige vielleicht, dass es einer ihrer letzten Tage im Mainzer Parlament sein könnte.

Sollten die SPD-Mitglieder grünes Licht für die große Koalition geben, wechselt sie als Landwirtschaftsministerin nach Berlin. Für die Winzertochter wäre es ein Karrieresprung, zurück in das Ministerium, wo sie von 2009 bis 2011 schon als Staatssekretärin gearbeitet hat. In der Landes-CDU herrschen gemischte Gefühle vor. Beobachter gönnen Klöckner den Schritt, fürchten aber auch die Lücke, die sie reißt. Immer noch loben Befürworter, wie Klöckner eine völlig zerstrittene Fraktion einte, zermürbt von der Spendenaffäre 2006. „Heute können wir uns die Meinung sagen und inhaltlich streiten, ohne das altes Lagerdenken ausbricht“, sagt ein CDU-Insider.

Klöckner habe die Landespartei inhaltlich neu erfunden, verkrustete Positionen wie zur Stellung der Frau aufgebrochen und immensen Fleiß vorgelebt. Mit ihren Twitter-Einträgen kehrten die sozialen Netzwerke in den Landtag ein.

Ministerpräsidentin wurde Klöckner trotzdem nicht, zweimal platzte der Traum: 2011 scheiterte sie hauchdünn an Kurt Beck, 2016 verspielte die CDU einen deutlichen Vorsprung in Umfragen, was für Murren sorgte.  Ohne die Flüchtlingskrise hätte die CDU die Wahl gewonnen, stellten sich manche Befürworter  schützend vor Klöckner. Kritiker warfen ihr vor, zu sprunghaft gewesen zu sein, sich durch ihren A2-Plan auf den letzten Metern unnötig von Bundeskanzlerin Angela Merkel distanziert zu haben und nicht so authentisch gewesen zu sein wie SPD-Gegenspielerin Malu Dreyer. Mehr Paris als Pirmasens sei Klöckner, hieß es in Medien.

Klöckner brauchte lange, um die Pleite zu verdauen. Die verdeckten Spenden von Ex-Geheimagent Werner Mauss warfen die Landes-CDU erneut zurück. Längst hat Klöckner aber wieder Lust auf Attacken gegen die Ampelregierung und die AfD gewonnen, denen sie im Parlament mit analytischer Schärfe zusetzt. Manchmal ähnelt die 45-Jährige im Mainzer Landtag dann der Geschichte des Ex-Fußballers Günter Netzer, der sich selbst mal einwechselte und das Siegtor schoss. Zeigt sich die CDU bei Debatten in ersten Runden blass, schreitet Klöckner gerne mal nach vorne, setzt gekonnte Angriffe und dreht das Spiel an guten Tagen noch zugunsten der CDU.

Trotzdem spürten CDU-Politiker in Rheinland-Pfalz in den jüngsten Monaten immer häufiger,  dass es Klöckner zu neuen Ufern zieht. Nach den Bundestagswahlen führte sie in den Sondierungen die Gespräche für Landwirtschaft, ob bei Jamaika oder der großen Koalition. Sie tourte durch Talkshows und wirkte fröhlich, was vielleicht auch an ihrem neuen Lebenspartner liegt, einem Mann, der in Mülheim-Kärlich ein Oldtimer-Zentrum aufgebaut hat. Nun wagt Klöckner auch politisch den Neuanfang und geht wohl nach Berlin.  Für immer? Ganz los lässt Klöckner die Landespolitik nicht. „Ich trete im Herbst erneut als Landesvorsitzende an“, sagt sie im Gespräch mit dem TV. Mancher Beobachter vermutet nun schon, Klöckner könnte der Ehrgeiz packen, ihr Glück 2021 bei einer dritten Landtagswahl zu versuchen. Wiederum andere schließen das aus, weil sie dann als Bundesministerin alles verlieren könnte. Und: Es scheint schwer vorstellbar, dass Christian Baldauf als designierter, neuer Fraktionschef im Land erneut auf eine Spitzenkandidatur verzichten würde. Schon 2011 trat er für Klöckner in die zweite Reihe. Und auch junge Talente wie der parlamentarische Geschäftsführer Martin Brandl, der kommunalpolitische Sprecher Gordon Schnieder (Vulkaneifel) oder Christoph Gensch (Zweibrücken) sollen aufgebaut werden. Aber das ist – noch – Zukunftsmusik. Klar ist wohl, sagen Beobachter: Geht Klöckner nach Berlin, konzentriert sie sich erstmal auf den Bund.  „Halbe Sachen“, heißt es da wieder, „sind nicht ihr Ding.“