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Migration
Lernen Migrantenkinder genug Deutsch?

 Eine Grundschullehrerin steht im Deutschunterricht vor ihrer Klasse.
Eine Grundschullehrerin steht im Deutschunterricht vor ihrer Klasse. FOTO: dpa / Frank Molter
Mainz. CDU-Fraktion wirft Land vor, Stunden für Sprachförderung willkürlich zu verteilen. Von Florian Schlecht
Florian Schlecht

Geht es um Sprachförderung in den Grundschulen, fällt Martin Brandl ein Wort ein, mit dem er den Zustand in Rheinland-Pfalz beschreibt: „Erschreckend“, schimpft der parlamentarische Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Mainzer Landtag. In einer Großen Anfrage hat die Union die Landesregierung haarklein gefragt, wie viele Sprachförderstunden sie im vergangenen Schuljahr bewilligt hat. Nach den Zahlen sind alleine in der Region Trier von 847 Lehrerwochenstunden, die Grundschulen beantragt haben, nur 703 abgesegnet worden. Regional offenbaren sich eklatante Unterschiede. Manche Schulen haben landesweit mehr Stunden bekommen, als sie ursprünglich wollten. Andere liegen deutlich unter ihren Wünschen. In der Stadt Ludwigshafen – mit sozialen Brennpunkten, einem hohen Migrantenanteil und mehr als 2500 Grundschülern, die Sprachförderung brauchen – gingen von 835 beantragten Stunden nur 511 durch.

Martin Brandl wirft der Landesregierung vor, keine Sprachförderung anzubieten, die dem Bedarf an den Schulen gerecht werde. „Es ist reine Willkür, wie die Zahlen zusammengewürfelt sind. Ich erkenne keinerlei System, der Zufall scheint Regime zu führen“, sagt der CDU-Politiker. Leidtragende seien besonders Kinder mit Migrationshintergrund. „Wer nicht lesen kann, dem bleiben reale Zukunftschancen verschlossen. Das gilt gerade für Kinder, die die deutsche Sprache zu Hause nicht selbstverständlich mitbekommen.“

Szenarien anderer Art malte der AfD-Landtagsabgeordnete Matthias Joa jüngst im Mainzer Landtag. „Wenn wir als Rheinland-Pfälzer in die Zukunft schauen, müssen wir den Blick nach Nordrhein-Westfalen richten, und der verheißt kaum Gutes.“ Im Nachbarland gebe es Schulen, in denen von angehenden Erstklässlern kaum jemand fehlerfreies Deutsch spreche. „Unser einst vorbildliches Bildungssystem wird durch falsche Einwanderungspolitik schwer beschädigt“, monierte Joa.

Das SPD-geführte Bildungsministerium wehrt sich gegen den Vorwurf, zu wenig in Sprachförderung zu investieren. An den Schulen stünden dafür mehr als 600 Vollzeit-Lehrerstellen und im Haushalt 2019 mehr als 40 Millionen Euro bereit, teilt Ministeriumssprecher Henning Henn mit. Er verweist auf Deutsch-Intensivkurse, bei denen Kinder Grundlagen lernten. Wo es möglich sei – wie beim Sport – besuchten sie den Unterricht in der Klasse. Danach werde die Sprachförderung durch weiteren Unterricht ergänzt. Die Zahlen der CDU bildeten das nicht ab, behauptet das Ministerium.

Für Martin Brandl bleibt hingegen die Frage unbeantwortet, warum Sprachförderung regional erheblich schwankt. Und nicht nur das: Durch Unterrichtsausfall, so sagt es Elisabeth Ellenberger von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), komme ohnehin nicht jede Sprachförderstunde bei den Kindern an. „Wenn ein Lehrer krank ist, müssen Schulen die Kräfte abziehen, um den Unterricht in der Klasse zu gewährleisten. Denn die Vertretungslehrer fehlen.“ Geht es nach ihr, werfen die Zahlen Fragen auf. „Es zeigt sich, dass die Zuweisung an manchen Schulen nicht dem Bedarf entspricht und einige Regionen unterversorgt sind.“

Oliver Pick vom Landesverband Bildung und Erziehung (VBE) kritisiert, das Land stelle grundsätzlich zu wenig Lehrerstellen bereit. Der Eifeler fordert multifunktionale Teams, um Sprachförderung und Inklusion an Schulen erfüllen zu können.