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Hitzige Debatte
Schreiben nach Gehör stößt in der Region auf Widerstand

FOTO: picture alliance / dpa / Daniel Reinhardt
Trier/Mainz. Viele TV-Leser ärgern sich über die umstrittene Rechtschreibmethode für Grundschüler. Die Opposition im Land will sie abschaffen. Das Bildungsministerium aber nicht. Von Florian Schlecht und Bernd Wientjes
Florian Schlecht

Die Ankündigung des rheinland-pfälzischen Bildungsministeriums, eine umstrittene Rechtschreibmethode in den Grundschulen nicht unterbinden zu wollen, hat Kritik in der Region ausgelöst. Alleine auf der Facebook-Seite des Trierischen Volksfreunds gab es mehr als 100 Reaktionen und 50 Kommentare, die sich mit dem Schreiben nach Gehör befassten.

„Ein Skandal, dass die Landesregierung offensichtlich nicht den Mut hat, diesen pseudowissenschaftlichen Quatsch zu verbieten“, schrieb ein Nutzer. Ein anderer Leser hielt wiederum dagegen: „Die Politik sollte sich nicht schon wieder einmischen und herumstümpern, sondern die Arbeit denen überlassen, die qualifiziert sind, solch eine Entscheidung zu treffen: den Grundschullehrern.“ Kinder schreiben Wörter bei der kontroversen Methode anfangs so, wie sie diese verstehen. Über eine Anlauttabelle suchen sie die Buchstaben, die sie brauchen.

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Gegner monieren, dabei passierten oft Fehler: Manche Kinder schrieben Vater möglicherweise zunächst „Fata“ oder Mutter „Muta“. Der rheinland-pfälzische Philologenverband und Deutschlehrer kritisieren, dass sich falsches Schreiben bei den Kindern einschleife und zu spät korrigiert werde. Eine Studie der Universität Bonn ließ zuletzt Wasser auf die Mühlen der Kritiker laufen. Danach machten Kinder, die über das Schreiben nach Gehör unterrichtet wurden, 55 Prozent mehr Fehler als Fibelkinder, die einfache Wörter zunächst auswendig lernen und dann zu Sätzen formen.

Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig vertraut dagegen den Lehrern. Die Methode werde ferner kaum in Reinform gelehrt. Die SPD-Politikerin verweist darauf, dass im vergangenen Jahr 948 von 962 Grundschulen mit der Fibel gearbeitet haben.

Nur 14 Grundschulen hätten sich überwiegend dem Schreiben nach Gehör bedient, das wissenschaftlich Lesen nach Schreiben heißt. Darunter sind nach Angaben des Ministeriums auch die Grundschulen in Malborn (Kreis Bernkastel-Wittlich) und Mertesdorf (Trier-Saarburg).

Die Mertesdorfer Rektorin Sonja Sommer verweist in einem Schreiben an den TV allerdings darauf, dass Schriftsprache in ihrer Schule überwiegend über die Fibel gelehrt werde. Die Schule setze zusätzlich eine Anlauttabelle ein, die Kinder von Anfang an zum Verfassen kleiner Texte ansporne. „Das Prinzip des lautgetreuen Schreibens dient der Motivation der Kinder und Verschriftlichung eigener Gedanken, Erlebnisse und Wünsche von Anfang an. Ebenfalls können wir so auf die unterschiedlichen Wissensstände der Kinder eingehen“, schreibt Sommer.

Die Opposition im Land wiederum kritisiert, dass nahezu alle Grundschulen im Land zumindest mit Elementen des Schreibens nach Gehör arbeiteten. CDU und AfD fordern, die Methode abzuschaffen. Martin Brandl, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion, spricht von einer „Bruchlandung“ für die Landesregierung.

Nach Angaben des AfD-Parlamentariers Joachim Paul wirkt sich die Methode verheerend auf „Kinder aus bildungsfernen Schichten aus“. Er kündigt an: „Wir werden nicht ruhen, bis dieses esoterische Experiment abgeschafft ist.